10.09.2018 / Feuilleton / Seite 11

51 Jahre Stille – Sowjetische Denkmale in aller Welt

Alexandre Sladkevich

Kein Land hatte mehr Tote während des Zweiten Weltkrieges zu beklagen als die Sowjetunion. Die demographischen Verluste des Landes belaufen sich schätzungsweise auf fast 27 Millionen Menschen: Soldaten und Zivilisten. Bis heute kann nicht genau gesagt werden, wie viele sowjetische Bürger in diesem Krieg gestorben sind.

Sieben bis neun Millionen Rotarmisten haben alleine oder gemeinsam mit den Alliierten viele europäische Länder vom Faschismus befreit. Geflohene sowjetische Kriegsgefangene kämpften in den Reihen der Résistance und der Partisanen. Insgesamt sind über eine Million Rotarmisten bei diesen Kämpfen ums Leben gekommen. In den betroffenen Ländern, von Bulgarien über Finnland, vom ehemaligen Jugoslawien über Österreich und Polen, zeugen Grabstätten und Denkmale davon.

Die zum Teil monumentalen, zum Teil völlig unscheinbaren Mahnmale stehen aber nicht nur in vielen Ortschaften der ehemaligen Sowjetunion bzw. Europas, sondern auch in der Demokratischen Volksrepublik Korea, dem Iran und der Volksrepublik China. Auch in Ländern, in denen die Rote Armee nicht gekämpft hatte, wurden ihr Denkmäler errichtet, unter anderem in Großbritannien, den USA und Israel. Alleine in Europa wurden unmittelbar nach dem Krieg etwa 4.000 Denkmale errichtet. In einigen Ländern wurden oder werden sie verlegt oder sogar demontiert, in anderen aber neu errichtet.

Unzählige Sowjetbürger ruhen weit von ihrer Heimat. Allein in Deutschland wurden verschiedenen Angaben nach 3.400 bis 4.100 Standorte ermittelt, an denen Soldaten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter bestattet wurden – in Einzel- oder Sammelgräbern auf Gemeindefriedhöfen und in Kriegsgräberstätten mit Zehntausenden von Toten.

Die Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau nach dem Sieg über den Faschismus dauerte 122 Minuten. Wären alle gefallenen Rotarmisten bei der Parade dabei gewesen, sagt man in Russland, dann hätte sie sich über 19 Tage und Nächte hingezogen, ein Marsch aller sowjetischen Kriegstoten über 57. Würde man eine Schweigeminute einlegen für jeden sowjetischen Gefallenen, herrschte 51 Jahre lang Stille.

Das Foto zeigt ein Denkmal in Vilnius, Litauen. Es stammt vom Autor und gehört zur Gemeinschaftsausstellung »Antifaschistische Denkmale in Osteuropa«, die morgen um 19 Uhr in der junge Welt-Ladengalerie eröffnet wird.

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