10.09.2018 / Feuilleton / Seite 11

Näharbeiten mit der Stricknadel

»Alle meine Freunde haben wen umgebracht«: Curtis Dawkins erzählt in seinen Kurzgeschichten vom tristen Alltag in US-Gefängnissen

Frank Schäfer

Curtis Dawkins, ein angehender Autor mit Master-of-­Fine-­Arts-Abschluss, erschießt 2004 unter dem Einfluss von Crack und Wodka einen Mann und bekommt dafür lebenslänglich. »Ohne Aussicht auf Bewährung«, wie der Klappentext dräut. Dawkins hört jedoch nicht auf, setzt sich mit seiner neuen »Gegenwart« literarisch auseinander und beginnt bald in Literaturzeitschriften zu publizieren, Erzählungen, die schließlich auch einem Lektor beim New Yorker Verlag Scribner auffallen. Im letzten Jahr erschien dort seine erste Short-Story-Sammlung, die nun auch auf deutsch vorliegt.

»Alle meine Freunde haben wen umgebracht« erzählt vom seelenlosen Haftalltag, von den temporären Fluchten, den Ritualen, mit denen man die Zeit rumbringt, den Baseballspielen auf einem kleinen Schwarzweißfernseher, den Konventionen und Sprachregelungen. Die knastsicheren Kugelschreiber zum Beispiel, deren Minen in einer dünnen, biegsamen Röhre stecken, damit sie nicht als Stichwaffe taugen, heißen hier »Schlappschwänze«. Und »13 ½ ist ein Spitzname für einen Insassen, der zwölf kackdämliche Geschworene hatte, ein Arschloch als Richter und einen Verteidiger, der den Tag vor Gericht auf einer halben Arschbacke abgesessen hat, was alles zusammen lebenslänglich ergibt.«

Dawkins’ Stil passt sich der Umgebung an. Er arbeitet mit dem eingeschränkten sprachlichen Instrumentarium, das ihm zur Verfügung steht. So gibt er der niederschmetternden Profanität des Lebens hinter Gittern eine adäquate Form, die er auch gegen jeden Klischeeverdacht verteidigt. »Ein Wärter sagt uns nur: ›Bücherei.‹ Micky und ich zögerten, weil wir den Weg nicht wussten, und er nannte uns zwei dumme Arschlöcher. Ich wusste, dass auch er gekünstelt wirken würde, wenn ich sein jämmerliches Speckgesicht und seine feine Wortwahl beschrieb, aber da war nichts zu machen.«

Gleich in mehreren Geschichten ist der Erzähler Tätowierer – eine poetologische Chiffre für Dawkins’ eigenes Künstlertum. »Im Gefängnis nehmen die Tätowierer, was sie eben kriegen können, meistens eine angespitzte Gitarrensaite an einem Walkman-Motor. Die Tinte wird aus Ruß und Spucke, manchmal auch Urin, hergestellt, und die noch so brillanten, präzisen Entwürfe sehen auf der Haut nur noch stumpf und verwaschen aus. Tätowieren im Knast ist wie der Versuch, feine Näharbeiten mit der Stricknadel auszuführen.«

Das ist eine halbverschlüsselte, durchaus zutreffende Beschreibung seiner Prosa. Dawkins schreibt keine tiefenscharfe Charakterporträts, sondern mit grobem Strich hingetuschte, oftmals ein bisschen vorläufige Skizzen. Notgedrungen, denn die Fluktuation ist relativ hoch, schon kleinere Insubordinationen oder Auseinandersetzungen führen zu Verlegungen, so dass sich die Zellengenossen selten richtig kennenlernen. Zudem gehört es zu den wichtigen Überlebensregeln im Knast, dass man sich keine Blöße gibt, mit persönlichen Offenbarungen also sehr vorsichtig ist. Und ohnehin wird drinnen gelogen, dass sich die Gitterstäbe biegen.

Genauso »stumpf und verwaschen« wie Sprache und Figurenzeichnung sind die Plots. Gelegentlich passiert doch etwas – ein Gefangener erhängt sich vor den Augen seiner ungläubigen, wie paralysiert zuschauenden Zellengenossen, ein anderer erbeutet bei einer Rangelei den Taser eines Wachmannes und geht damit auf die Direktorin los –, aber die besten Storys sind das nicht. Am eindrücklichsten sind jene, in denen er sich dem Mikrokosmos der Tristesse hingibt und ihm trotzdem noch etwas Poesie abringt. Und es zeugt vom narrativen Geschick des Autors, dass sie trotz ihrer Handlungsarmut und scheinbaren Kunstlosigkeit nicht langweilen. In »Eine menschliche Nummer« etwa versucht der Ich-Erzähler den Kontakt zur Außenwelt aufrechtzuerhalten, indem er wahllos Fremde anruft. Diejenigen, die sich bereiterklären, die Kosten für das Gespräch zu übernehmen, sind mindestens so einsam wie der Erzähler – und mitunter wären sie hinter Gittern wohl besser aufgehoben.

Dawkins Alltagsrealismus hat allerdings seine Grenzen. Anders als in der unterhaltsamen Netflix-Serie »Orange is the New Black«, in der Sexualität alle anderen Themen bisweilen zu dominieren scheint, spielt sie bei ihm gar keine Rolle. Diese Leerstelle ist vielleicht auch ein Indikator für einen weiteren Zweck dieser Sammlung. Schreiben ist für Dawkins eben nicht nur Selbstbehauptung – er halte sich an der Literatur fest »wie an einem Rettungsboot, das täglich aus dem Nebel hervortreibt«, schreibt er im Nachwort –, sondern auch Rehabilitation.

Es geht ihm nicht zuletzt darum, die Justizbehörde von der eigenen Läuterung zu überzeugen. Die letzte Geschichte zeigt denn auch etwas zu deutlich die hoffnungsfrohe Botschaft. Hier imaginiert er die eigene Entlassung und die Probleme der Resozialisation, die er unbedingt zu meistern gewillt ist. »Er würde Melissa lieben, wie es sich gehörte. Er würde wieder ein wertvoller Bestandteil der Gesellschaft werden. Er würde das Fernsehkabel im Keller reparieren, der Hündin beibringen, die Treppe runterzulaufen (…) Und wenn er fertig war, wenn er wieder fit war, würde er alles besser machen als je zuvor.« Hier ist Literatur vor allem Argumentationshilfe für den Bewährungsausschuss.

Curtis Dawkins: Alle meine Freunde haben wen umgebracht. Stories. Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 213 Seiten, 14,95 Euro

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