10.09.2018 / Inland / Seite 2

»Zufall, dass mir das Logo aufgefallen ist«

Unternehmen, das rechter »Identitärer Bewegung« nahesteht, finanziert »Fahrradfibel« für Grundschüler in Rostock. Gespräch mit Claudia Barlen

Jan Greve

In der Grundschule, in der Sie arbeiten, sind kostenlose Bücher verteilt worden. Wann ist Ihnen bewusst geworden, um was für Lehrmaterial es sich da handelt?

Es geht dabei um eine sogenannte Fahrradfibel. Die bekommen wir jedes Jahr kostenfrei zugeschickt. Wenn wir die Materialien benutzen wollen, dann können wir sie beim herausgebenden »GH-Verlag« bestellen. In den Büchern geht es um Verkehrserziehung und darum, Kindern die Erste Hilfe näher zu bringen. Auf der Rückseite war auch schon früher immer Werbung abgedruckt. In diesem Jahr haben wir bemerkt, dass etwas anders ist. Als wir uns die Sponsoren näher angesehen haben, ist mir direkt das Zeichen auf der Rückseite der Fahrradfibel aufgefallen. Dabei handelte es sich um Werbung der »Okzident Media UG«. Das Logo des Unternehmens gleicht dem der extrem rechten »Identitären Bewegung«, nur dass es in Schwarzweiß abgebildet ist. Ich habe das dann in einer Teamsitzung des Kollegiums angesprochen.

Geschäftsführer der »Okzident Media UG« ist Daniel Fiß, der wiederum im Bundesvorstand der »Identitären« ist. Wie ging es weiter, nachdem Ihnen das klargeworden ist?

Wir haben entschieden, die Hefte nicht für den Unterricht zu nutzen. Wir wollen solche Inhalte weder verbreiten noch ihre Verbreitung mitfinanzieren. In den vergangenen Jahren hatten wir die Fibeln für Unterrichtsstunden zur Verkehrserziehung durchaus genutzt. Den Verlag haben wir darüber informiert, dass wir das jetzt nicht mehr tun. Wir haben geschrieben, dass wir die Materialien nicht nutzen, solange dadurch Rechte unterstützt werden. Wir haben auch gefragt, wie es dazu kommen konnte. Dass es darauf bis heute keine Antwort gab, finden wir schon merkwürdig. Wir werden jetzt andere Materialien nutzen, etwa vom ADFC, dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub.

Gab es in den vergangenen Jahren Indizien dafür, dass solche Sponsoren dort mit im Boot sind?

Uns ist es in dieser Form das erste Mal aufgefallen.

Wie verlief die Diskussion im Kollegium: Waren sich alle einig, diese Bücher nicht zu verwenden?

Ein Teil der Kollegen hat eingeräumt, von der »Identitären Bewegung« noch nichts gehört zu haben. Sie meinten, ihnen sei das Logo nicht aufgefallen. Deswegen haben sie sich dafür bedankt, dass das Thema angesprochen wurde. Es herrscht Konsens, dass es bei uns keinen Platz für extrem rechte Inhalte gibt.

Sind Lehrkräfte überhaupt darin geschult, solche Symbole zu erkennen?

Im Rahmen der Ausbildung wird einem gesagt, dass man sich mit den Quellen beschäftigen und zum Beispiel prüfen soll, was für ein Verlag ein Buch herausgebracht hat. Ich glaube schon, dass Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen erkannt werden. Das gilt insbesondere für Lehrer in der Sekundarstufe. In ihrer Ausbildung geht es auch darum, wie man sich verhält, wenn etwa Schüler solche Symbole zeigen oder tragen. Da gibt es viele Weiterbildungsmaßnahmen. Im Bereich der Grundschulen ist das aber weniger der Fall.

Dadurch, dass sich die rechte Szene in den vergangenen Jahre so ausdifferenziert hat – ich denke an die »Identitären« oder die Kleinpartei »Der III. Weg« –, können nicht alle Bescheid wissen. In unserem Fall war es eher Zufall, dass mir das Logo aufgefallen ist.

Wie sehr sind Sie auf kostenfreies Lehrmaterial von Dritten angewiesen?

Bei Themen, die eher eine untergeordnete Rolle im Schulalltag spielen, wird oft auf Material von unterschiedlichen Seiten zurückgegriffen. Hier eine Auswahl zu haben, macht es für Lehrer einfacher. Aber in dem Sinne sind wir nicht darauf angewiesen. Es handelt sich eher um eine hilfreiche Ergänzung für das eigene Material.

Was müsste getan werden, um Fälle wie den von Ihnen geschilderten in Zukunft zu verhindern?

Es wäre gut, wenn es eine zentrale Stelle gäbe, die steuert, was an den Schulen verteilt wird. Es braucht klare Regeln, welche Inhalte in Büchern auftauchen dürfen. Gerade im Schulbereich sollte sowieso sehr sparsam mit Werbung umgegangen werden. Kinder sind dafür sehr empfänglich. Grundschüler fangen vielleicht noch nicht gleich an, die Internetseite eines Unternehmens zu besuchen. In höheren Klassen schauen Kinder aber häufig schon nach, wenn sie von einer Werbung angesprochen werden.

Claudia Barlen ist Lehrerin an einer Rostocker Grundschule

https://www.jungewelt.de/artikel/339480.rechte-werbung-in-schulen-zufall-dass-mir-das-logo-aufgefallen-ist.html