08.09.2018 / Geschichte / Seite 15

Schwarzer Freitag

Iran: Vor 40 Jahren schossen Soldaten des Schahs in eine Menge von Demonstranten

Knut Mellenthin

Der 8. September 1978 ist im Iran als »Schwarzer Freitag« in bleibender Erinnerung. Am Morgen dieses Tages schossen Militäreinheiten in Teheran gezielt in eine Demonstration, die sich auf einem Platz in der Nähe des Parlaments versammelt hatte. Der Ort des Geschehens trägt seit Jahren den Namen »Platz der Märtyrer«. Der Tag gilt als entscheidender Einschnitt in der Entwicklung der sogenannten Islamischen Revolution. Vier Monate später, am 16. Januar 1979, verließ Schah Mohammed Reza Pahlavi zusammen mit seiner Familie Teheran – und kehrte nie wieder zurück.

Wie viele Menschen am »Schwarzen Freitag« getötet und verletzt wurden, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Regierung gab die Zahl der Opfer zunächst sehr niedrig an und räumte schließlich den Tod von 86 Menschen ein. Die Opposition sprach anfangs von mehreren tausend Toten und verbreitete Gerüchte, dass israelische Soldaten im Einsatz gewesen seien, weil das Regime sich auf die Loyalität seiner Truppen nicht mehr verlassen könne. Inzwischen deuten Berichte darauf hin, dass überhaupt nur etwa 3.000 Menschen an der Demonstration beteiligt gewesen waren und dass das Fassungsvermögen des Platzes, auf dem das Massaker geschah, auch gar nicht sehr viel größer gewesen sei.

In der vorangegangenen Nacht, genau gesagt gegen 6 Uhr morgens Ortszeit, hatte das Regime das Kriegsrecht über Teheran und elf weitere Städte verhängt. Die Anordnung galt für vorerst sechs Monate. Sie war verbunden mit einer Ausgangssperre zwischen 9 Uhr abends und 5 Uhr morgens. Insbesondere verboten waren alle Menschenansammlungen auf den Straßen. In der Begründung hieß es, die Regierung habe bisher die »staatsfeindlichen« Demonstrationen toleriert, um Blutvergießen zu vermeiden, obwohl es für die bewaffneten Kräfte ein Leichtes gewesen wäre, »das Gesetz durchzusetzen«. Aber »die Verschwörung, die von ausländischen Kräften finanziert und gelenkt« werde, nehme von Tag zu Tag zu, gefährde die Rechte aller Staatsbürger, und sei gegen »die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Nation« gerichtet.

Landesweite Proteste

Unmittelbarer Anlass für die Anordnung des Kriegsrechts waren Massendemonstrationen in der iranischen Hauptstadt, bei denen am 4. September 1978 anlässlich des Eid Al-Fitr, des Festes am Ende des Monats Ramadan, mehrere hunderttausend Menschen auf die Straßen gegangen waren. Berichte aus jener Zeit legen nahe, dass die Demonstranten am Morgen des 8. September über die Verhängung des Kriegsrechts noch nicht informiert waren. Das Militär forderte sie zuerst zur Auflösung ihres Zuges auf, feuerte dann Warnschüsse ab und schoss zuletzt direkt in die Menge. Alle Berichte stimmen darin überein, dass keine Gewalttaten der Demonstranten vorausgegangen waren, sondern dass der Waffeneinsatz nur der Durchsetzung des Kriegsrechts dienen sollte.

Iran stand schon spätestens Ende 1976 im Zeichen großer wirtschaftlicher Probleme und beginnender sozialer Unruhen, obwohl der enorme Anstieg des Ölpreises nach dem israelisch-arabischen Krieg vom Oktober 1973 mehrere nicht eingeplante Milliarden Dollar in die Staatskasse gespült hatte. Trotzdem spielte die US-Regierung noch heile Welt, als Präsident James Carter in der Neujahrsnacht 1977/1978 während eines Staatsbesuchs in Teheran verkündete, dass Iran »eine Insel der Stabilität in einer der am meisten von Unruhe betroffenen Regionen der Welt« sei. Carter unterließ damals auch nicht, die hohe Popularität des Schahs in der iranischen Bevölkerung zu preisen.

Das war schon damals als Zweckoptimismus erkennbar. Eine Woche später, am 7. Januar 1978, erschien in einer iranischen Zeitung, die dem sogenannten Informationsministerium, richtig gesagt dem Propagandaministerium, zuzuordnen war, ein Artikel, der den populären religiösen Oppositionsführer Ajatollah Khomeini, der damals im irakischen Exil lebte, der Homosexualität beschuldigte. Das war offensichtlich als Provokation gemeint, aber beruhte auf einer totalen Fehleinschätzung der Stimmung in der Bevölkerung. Am 9. Januar 1978 demonstrierten in Qom, der wichtigsten »heiligen Stadt« der schiitischen Richtung des Islam, 4.000 Studenten und Geistliche gegen den Artikel. Die dagegen eingesetzten Polizeikräfte töteten bei der Zerschlagung dieser Protestkundgebung mindestens zehn, nach anderen Berichten bis zu 72 Menschen.

Die darauffolgende stufenweise Entwicklung der Protestbewegung zum Sturz des Schah-Regimes erfolgte weitgehend entlang der »Arbajins«. Gemeint sind damit die religiös geprägten Trauerfeiern, die 40 Tage nach dem Tod von Verwandten, Freunden oder wie in diesem Fall auch von Märtyrern politischer Gruppen und Organisationen andauern. Die Schlusstage der »Arbajins« waren jedes Mal Anlass von Massendemonstrationen, die neue Repressionen auslösten. Beispielsweise sollen am 18. Februar 1978, dem vierzigsten Tag nach dem Massaker von Qom, während Kundgebungen in der Stadt Täbriz fast 100 Menschen Opfer der Sicherheitskräfte geworden sein. Darauf folgten 40 Tage später am 29. März 1978 Arbajin-Kundgebungen in mehreren Städten, bei denen die Polizei in Jazd mehrere Menschen tötete.

Am 6. Juni 1978 zeigten die Proteste mit der Ablösung des Chefs des berüchtigten Geheimdienstes SAVAK und einigen, jedoch noch nicht sehr weitgehenden Zugeständnissen des Schahs erstmals Wirkung. Der Monarch stand unter dem doppelten, ihn offenbar überfordernden Druck der USA, den Protesten einerseits durch die Aussicht auf »Reformen« Wind aus den Segeln zu nehmen, aber ihnen andererseits durch noch massivere Einsätze von Polizei und Militär entgegenzutreten. Am 6. August 1978 versprach der Schah in einer Rundfunkansprache freie Wahlen, die im Juni 1979 stattfinden sollten. Am 27. August wurde ein neuer Regierungschef eingesetzt, der ansatzweise der Protestbewegung entgegenkam und vor allem das Recht aller – bis dahin verbotenen - Parteien auf politische Betätigung anerkannte.

Die schwankende und widersprüchliche Taktik half dem Regime nicht. Ihm nützte auch nicht der Druck auf den benachbarten Irak, dem Idol der aufständischen Massen, Ajatollah Khomeini, das Aufenthaltsrecht zu entziehen. Der Geistliche verließ den Irak am 3. Oktober 1978 und fand eine Woche später Aufnahme in Paris, wo er im Rampenlicht der internationalen Medien stand. Am 1. Februar 1979 kehrte Khomeini im Triumph aus dem Exil zurück. Laut BBC waren fünf Millionen Menschen auf Straßen und Plätzen der Hauptstadt versammelt, um das Ereignis zu feiern.

Iranische Truppen feuern auf Menschenansammlung

Militäreinheiten feuerten gestern Maschinenpistolensalven in eine Menge von mehreren tausend regierungsfeindlichen Demonstranten. Wenige Stunden zuvor hatte der Schah das Kriegsrecht über Teheran und elf weitere Städte verhängt, um die zunehmenden inneren Unruhen unter Kontrolle zu bringen.

Der Militärgouverneur von Teheran teilte mit, dass bei dem größten Zusammenstoß in der Nähe des Parlaments 58 Menschen getötet und 205 verletzten worden seien. Dagegen behaupten Oppositionsführer, dass die Zahl der Toten bei mindestens 70 liege. Die Soldaten hatten zuerst Warnschüsse über die Köpfe der Demonstranten abgegeben und dann gezielt in die Menge geschossen. (…)

Bei Anbruch der Dunkelheit über Teheran nahmen Wagenladungen iranischer Truppen in Kampfausrüstung Aufstellung. Die Behörden begannen, mehrere gemäßigte Oppositionsführer in deren Wohnungen festnehmen zu lassen, obwohl die radikalere Wendung der letzten Demonstrationen schon weit über sie hinweg gegangen war (…)

Diplomaten äußerten sich überrascht, dass die Regierung des Schahs in Teheran nach der gestern morgen erfolgten Erklärung des Kriegsrechts nicht mehr Truppen und Ausrüstung im Einsatz hatte. Zum ersten Mal, so sagten sie, gebe es ernsthafte Zweifel an der Fähigkeit des Schahs, sich auf die Armee verlassen zu können, die überwiegend aus Wehrpflichtigen besteht.

(Washington Post, 9. September 1978, Übersetzung: Knut Mellenthin)

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