01.09.2018 / Wochenendbeilage / Seite 4 (Beilage)

Auf der Spur der Befreier

Wer heute Chemnitz sagt, darf von Umbenennungen und Denkmalsturm nicht schweigen

Arnold Schölzel

Seit 1947 gibt es im thüringischen Rudolstadt den »Platz der Opfer des Faschismus« und darauf ein Mahnmal. Auf Seite 5 (links unten) ist ein Relief abgebildet, das dazugehört. Wer im Internet nach dessen Geschichte forscht, erfährt dies: Der Platz steht unter Denkmalsschutz, und Vertreter der Stadt, der VVN oder der Partei Die Linke legen dort an Gedenktagen Blumen nieder. Wer das Denkmal gestaltete, lässt sich nicht herausfinden.

Suchergebnisse gibt es aus der Zeit nach 1990, z. B. eine Seite aus dem Buch von Stefan Aust und Dirk Laabs »Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU«. Dort zitieren die Autoren aus einem Brief, den Uwe Mundlos geschrieben hat. Nach seinen Worten trafen sich am 1. September 1995, am Antikriegstag, Jugendliche, »um in Rudolstadt und Saalfeld irgendwelche Spinner, die dort der ›Opfer des Faschismus‹ gedenken wollten, zu stören«. Leider seien sie zu spät gekommen. »Also mussten sie sich damit begnügen, den ›Gedenkstein‹ mit Eiern zu bewerfen und die Kränze zu zertreten sowie Wurfzettel zu hinterlassen, auf denen Verbesserungsvorschläge wie Umbenennung des ›Platzes der Opfer des Faschismus‹ in ›Rudolf-Heß-Gedenkplatz‹ standen.«

Die Google-Eingabe »Rudolstadt Platz der Opfer des Faschismus Mahnmal« führt noch vor diesem Eintrag zu einem Spiegel-Artikel vom 4. Januar 1999, Titel: »Ostalgie. Das Blech von Rudolstadt«. Darin berichtet Autor Bruno Schrep von einem »Kampf Ost gegen Ost« um Straßennamen und Denkmäler in der Kleinstadt. Mitglieder im »Bund der stalinistisch Verfolgten« forderten die Beseitigung des Denkmals: »Die drei Reliefs aus Beton und Metall, die Pieck, Grotewohl und die Befreiung eines KZ-Häftlings durch die Russen zeigen, erinnern sie an ihre schlimmste Zeit.« Schrep befragte den damaligen Bürgermeister von Rudolstadt, der immerhin 18 Straßenumbenennungen aus dem Jahr 1991 vorweisen kann. Der Spiegel-Mann schreibt: »In der historischen Altstadt blieb vom Sozialismus keine Spur. Clara Zetkin verlor ihre Straße, Karl Marx seinen Platz, die Komsomolzen der untergegangenen Sowjetunion ihre Allee.« Für eine symbolische Straßenumbenennung sei nun Vera Lengsfeld, damals für die CDU im Bundestag, aus Berlin angereist.

Wer heute Chemnitz sagt, darf von solchen Auseinandersetzungen nicht schweigen – in Rudolstadt und anderswo. So kommen z. B. aus der Regierung Lettlands immer wieder Vorschläge, das hier abgebildete Befreiungsdenkmal in Riga abzureißen. Wer die NATO im Land hat, bekommt die Entsorger von Antifaschismus und den NSU an den Hals.

Am Dienstag, dem 11. September, wird um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie die Fotoausstellung »Antifaschistische Denkmale in Osteuropa« eröffnet. Es sprechen Michael Mäde (Leiter der Ladengalerie) und Arnold Schölzel (jW-Chefredaktion)

https://www.jungewelt.de/artikel/339042.denkmäler-zweiter-weltkrieg-auf-der-spur-der-befreier.html