30.08.2018 / Thema / Seite 12

Ein eigenes Haus

Vorabdruck. Vorreiter der KPD. Die Bremer Linksradikalen waren konsequente Kriegsgegner und brachen frühzeitig mit der rechten Parteiführung der SPD

Gerhard Engel

In der kommenden Woche erscheint Heft 115 der Zeitschrift Marxistische Erneuerung mit dem Schwerpunkt »Novemberrevolution«. Wir veröffentlichen daraus den leicht gekürzten Beitrag des Historikers Gerhard Engel: »Die ›Internationalen Kommunisten Deutschlands‹ (IKD) und die Gründung der KPD während der Deutschen Revolution 1918/19«. Die neue Ausgabe kann unter zeitschrift-marxistische-erneuerung.de bestellt werden. (jW)

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich in Bremen eine Gruppe linker Sozialdemokraten herausgebildet. Sie bezeichneten sich als »Linksradikale«, um sich von den nach rechts kompromissbereiten »Radikalen« abzugrenzen, die gemeinhin als Parteimitte bezeichnet werden. Ihre revolutionären Positionen waren stark von den in Bremen wirkenden Sozialisten Anton Panne­koek und Karl Radek beeinflusst. Ihr führender Kopf war der zweite politische Redakteur der Bremer Bürgerzeitung (BBZ), Johann Knief. Während des Krieges entwickelten sich die Bremer Linksradikalen und ihre auswärtigen Anhänger neben dem Spartakusbund zur zweiten Quellgruppe der KPD.

Von Kriegsbeginn an sahen Knief und seine Anhänger die Kriegskreditbewilligung durch die SPD-Reichstagsfraktion am 4. August 1914 sowie das Bekenntnis zu »Vaterlandsverteidigung« und »Burgfrieden« als folgerichtige Konsequenz einer grundsätzlichen Fehlentwicklung der Vorkriegssozialdemokratie. Knief, bei Kriegsbeginn sofort einberufen, schrieb: »Nicht die Arbeiterbewegung hat eine Niederlage erlitten, sondern nur ihre Führerschaft. Sie hat dafür gesorgt, dass die Sozialdemokratie aufgehört hat zu existieren (…). Die Masse selbst wird sich ihre Bahn brechen müssen; ihre Führer sind erledigt (…). Bislang wurde die Rechnung ohne die Massen gemacht. Die Massen aber werden ihre Forderungen stellen. Es lebe die Zukunft!«¹

Vorahnung der Spaltung

Obwohl diese Erwartungen enttäuscht wurden, dokumentiert sich in ihnen die Richtung, in der sich in den Kriegsjahren die Überzeugungen der Linksradikalen entwickeln sollten. Deutlich sind die Vorahnung einer Spaltung der Sozialdemokratie und die Ansicht, die Arbeitermassen würden sich selbst und gegen den Willen ihrer Führer zum alleinigen und kreativen Souverän ihrer Aktionen erheben können.

Die Linksradikalen solidarisierten sich mit der entstehenden Gruppe »Internationale«, mit der sie in ständigem Kontakt standen. Sie begrüßten das öffentliche »Nein« Karl Liebknechts gegen die Kriegskredite am 2. Dezember 1914. Sie protestierten gegen die halbherzige Haltung jener Reichstagsabgeordneten, die zwar in der Fraktion gegen die Kreditbewilligung auftraten, im Reichstagsplenum aber Liebknecht im Stich ließen. Dazu gehörte auch der Bremer Alfred Henke, Chefredakteur der BBZ. Johann Knief fällte am Jahresende 1914 ein vernichtendes Urteil über die bisherige Sozialdemokratie.² Er stellte sie als Typus einer auf eine sozialistische Gesellschaft ausgerichteten politischen Arbeiterpartei in Frage. Es begann die Suche nach einer alternativen Gestaltung der sozialistischen Bewegung, die sich außerhalb der etablierten Sozialdemokratie und gegen sie, vor allem gegen die Partei- und Gewerkschaftsbürokratie, entwickeln sollte. Die Suche nach Gleichgesinnten erbrachte im August 1915 die ersten Kontakte zwischen den Bremer und Hamburger Linksradikalen um Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim. Trotz mancher theoretischer und taktischer Meinungsverschiedenheiten vertieften sich in der Folgezeit die Beziehungen zwischen Bremen und Hamburg.

Ein in Bremen seit Januar 1915 bestehender Diskussionszirkel entwickelte sich in wenigen Monaten zu einem »Organisationskern« der radikalen Parteiopposition. Er stützte sich vor allem auf die Arbeiter der Bremer Weserwerft. Dort entstand ein illegales linksradikales Vertrauensmännernetz. Linksradikale Soldaten des Bremer Infanterieregiments, das im Stellungskrieg an der Westfront lag, forderten vom Zirkel den Übergang zu offenen Antikriegsaktionen. Die Soldaten sprachen der SPD für Gegenwart und Zukunft ihr Misstrauen aus und regten die Überlegung an, dass die Linken womöglich bereits während des Krieges eine eigene Organisation anstreben sollten.

Der Streit mit dem gemäßigten Henke eskalierte, als Knief im Oktober 1915 nach seiner Genesung von einem an der Westfront erlittenen Nervenzusammenbruch nach Bremen zurückkehrte und fortan den Tenor der Debatten bestimmte. Er forderte, das internationalistische Klassenbewusstsein der Arbeiter als Voraussetzung für große offensive Massenaktionen in internationalem Maßstab wiederzuerwecken. Voraussetzung sei, den Krieg auf der Grundlage marxistischer Prinzipien zu analysieren. Er schrieb: »Nicht, dass der Krieg aus ›Irrtümern und Dummheiten‹ der Menschen entstanden sein soll, nicht die Frage, ob er ›vernünftig‹ ist oder nicht, ob er gewissen ›Zwecken‹ entspricht oder nicht, kann uns vom wissenschaftlichen Standpunkt imponieren, sondern einzig die Frage: Welchen gesellschaftlichen Kräften ist seine Entstehung zu danken, und welche neuen gesellschaftlichen Kräfte wird er auslösen?«³ Die Mehrheit des Zirkels kritisierte beharrlich Henkes Weigerung, im Reichstag offen gegen Kriegskredite zu stimmen. Mit seinen wenigen Anhängern verließ Henke die Gruppe.

Fortan wurde dieser zur Keimzelle einer linksradikalen Organisation. Von ihr gingen die Impulse für Antikriegsaktionen in Bremen aus. Im Dezember 1915 forderte Knief, den Legalitätsfetischismus zu brechen. Weil das Parteizentrum zwar Massenaktionen als notwendig bezeichne, aber unter Kriegsbedingungen nicht für durchführbar erkläre, müssten es die Linksradikalen übernehmen, die Massen für Antikriegsaktionen zu mobilisieren.4

Diese Position setzte die Gruppe um Knief mit Erfolg im Sozialdemokratischen Verein Bremen (SDVB) durch. Auch als Henke sich im Dezember 1915 unter den 18 parteioppositionellen Abgeordneten der SPD befand, die nunmehr im Reichstag die Kriegskredite ablehnten, verringerte dies nicht die Grabentiefe zwischen ihm und den Linksradikalen. Im Unterschied zu den »Dezembermännern« lehnte die Gruppe um Knief die »Landesverteidigung« prinzipiell ab.

In der BBZ, in deren Redaktion Johann Knief und Paul Frölich als Redakteure um die Wende 1915/1916 ihre Standpunkte darlegen konnten, hieß es: »Die Einheit hat die Partei großgemacht. Gewiss. Aber nur die Einheit, die auf dem Boden des Klassenkampfes erwachsen ist. Jede andere Einheit ist nur Schein, nur Formel, hinter der sich der Verfall verbirgt.«5

Bekenntnis zu Lenin

In der Reichskonferenz der führenden Köpfe der linken Parteiopposition in Berlin am 2. Januar 1916 stimmten die von Knief vertretenen Linksradikalen den Leitsätzen Rosa Luxemburgs über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie zu. Aber sie bemängelten, diese seien zu unentschieden hinsichtlich ihrer Forderung nach einem vollständigen Bruch mit der Parteirechten und distanzierten sich nicht konsequent genug von der gemäßigten Opposition des »Parteizentrums«. Auch vermissten sie konkretere Aufgaben für die alltäglichen Aktionen. Seither entwickelten die Linksradikalen eine gewisse Distanz zur Spartakusgruppe. Die Bremer und Gleichgesinnte an anderen Orten betrachteten sich als eigenständig. Sie sahen zwar in der Gruppe um Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Franz Mehring den Kern der Opposition gegen die offizielle Sozialdemokratie. Aber sie bestanden auf ihrer Selbständigkeit in der Entwicklung ihrer Taktik.

Die Linksradikalen, die sich 1916/1917 auch als »Internationale Sozialisten Deutschlands« bezeichneten, bekannten sich im Unterschied zur Spartakusgruppe uneingeschränkt zur Zimmerwalder Linken, der von Lenin angeführten Minderheit der europäischen Parteiopposition, die sich auf der Zimmerwalder Konferenz im September 1915 herausgebildet hatte. Vor allem über Karl Radek hielten sie engen Kontakt zu führenden Köpfen der russischen Bolschewiki im schweizer Exil. An der zweiten Zimmerwalder Konferenz im April 1916 in Kienthal (Schweiz) waren sie durch Paul Frölich direkt beteiligt.

Im Mai/Juni 1916 wurde auch Bremen von der Protestwelle gegen die Verhaftung und Verurteilung Liebknechts nach seinem Antikriegsprotest auf dem Berliner Potsdamer Platz am 1. Mai 1916 erfasst. Anfang Juli beteiligten sich rund 4.000 Werftarbeiter am ersten großen Streik während des Krieges für soziale Forderungen und Solidarität mit Liebknecht. Die Linksradikalen fühlten sich durch solche Ereignisse in ihrer Strategie der Massenaktionen gegen den Krieg, die sich links vom Hauptstrom der sozialdemokratischen Antikriegsopposition entwickelten, bestärkt.

Der Riss zwischen der linksradikalen Mehrheit der Bremer Parteiorganisation und der Gruppe um Alfred Henke vertiefte sich, nachdem Henke im März 1916 wegen der Etatablehnung im Reichstag gemeinsam mit 17 weiteren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten aus der Reichstagsfraktion ausgeschlossen worden war und sich der neuen Fraktion »Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft« (SAG) angeschlossen hatte. Da sich die SAG auf parlamentarische Antikriegsaktionen beschränken wollte und weiter für die Parteieinheit eintrat, brachen die Linksradikalen den Stab über Henke. Dieser reagierte mit einer öffentlichen Distanzierung von den »Internationalen Sozialisten Deutschlands« und der Spartakusgruppe, die er als »sektiererische Gruppenbildung« bezeichnete.6

Der Bruch mit Henke bedeutete für die Linksradikalen den weitgehenden Verlust der Möglichkeit, in der BBZ ihre Ansichten zu propagieren. Das veranlasste sie, einen weiteren Schritt zu ihrer Verselbständigung zu gehen. Am 24. Juni 1916 erschien die erste von Knief redigierte Ausgabe der Arbeiterpolitik. Wochenschrift für wissenschaftlichen Sozialismus. Das Periodikum ermöglichte ihnen – freilich unter Zensurbedingungen –, ihre ideologischen und parteitaktischen Auffassungen öffentlich zu verbreiten und Gleichgesinnte zu sammeln. In den folgenden Monaten gewann das Blatt unter Arbeitern, Soldaten und Matrosen Abonnenten und Leser vor allem in Nordwestdeutschland, aber auch im Ruhrgebiet, in Dresden, Berlin, München und anderen Zentren der Linken.

Ausschluss aus der SPD

Zentrales Thema war 1916 der für notwendig erachtete vollständige Bruch mit der Partei des 4. August, gegen die der Klassenkampf zu führen sei wie gegen die imperialistische Bourgeoisie. Die Arbeiterpolitik appellierte an die Spartakusgruppe, dieses Thema ebenfalls offen zu diskutieren. Mit diesem Drängen zeigte sich die Gruppe um Knief als früheste Vorreiterin der späteren Gründung der KPD. Im August 1916 erwog die Arbeiterpolitik erstmals eindeutig die »Möglichkeit und Notwendigkeit der Aufrichtung eines eigenen Hauses für den proletarischen Sozialismus, der Schaffung einer sozialistischen Partei, die die Politik des Linksradikalismus führen wird«.7 Zunächst setzten auch sie auf die Möglichkeit, die Mitglieder der SPD für ihren revolutionären Antikriegsstandpunkt zu gewinnen. Im SDVB waren sie mit dieser Politik erfolgreich. Am 1. Dezember 1916 sperrte der SDVB dem Parteivorstand die Mitgliedsbeiträge. Dieser schloss umgehend die gesamte Bremer Parteiorganisation aus. Ihre rechtssozialistische Minderheit gründete einen neuen Ortsverein und übernahm die Leitung der BBZ. In Bremen war damit die Trennung zwischen offizieller SPD und Parteiopposition vollzogen.

Als der Parteivorstand im Januar 1917 auch die SAG und ihre Anhänger aus der SPD ausschloss und sich damit die alsbaldige Gründung einer Partei der gemäßigten Opposition ankündigte, forderten die Linksradikalen, »jetzt, trotz aller äußeren Ungunst der Verhältnisse, die Konstituierung der eigenen Partei in die Hand zu nehmen«.8 Johann Knief veröffentlichte eine Resolution »zur Verständigung der Linksradikalen untereinander«. Drei Thesen standen im Mittelpunkt: 1. Die durch die Politik des 4. August herbeigeführte Spaltung der Sozialdemokratie ist irreversibel. 2. Die Anerkennung dieser Spaltung bedeutet die Notwendigkeit, die »oppositionellen Organisationen und Gruppen zu einer neuen, proletarischen Partei« zusammenzufassen. 3. Wenn unter ihnen Einigkeit über die »Fragen, die mit der Lage der Arbeiterklasse in der Epoche des Imperialismus zusammenhängen«, hergestellt sei, solle eine Konferenz die neue »Internationale Sozialistische Partei Deutschlands« konstituieren. Die Federführung solle die Spartakusgruppe übernehmen.9

Im April 1917 gründeten die Führer der gemäßigten Opposition eine eigene Partei, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Ihr schlossen sich auch Tausende von Arbeitern an, die in ihr die Wiedergeburt der revolutionären Vorkriegssozialdemokratie sahen und einen entschiedenen Kampf gegen den imperialistischen Krieg führen wollten. Um sich die Möglichkeit eines direkten Einflusses auf die Entwicklung dieser Massenbasis zu sichern, schloss sich die Spartakusgruppe unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit der USPD an. Die Linksradikalen kritisierten diesen Schritt heftig. Sie verwiesen auf das »selbständige Auftreten der Bolschewiki« in der in Russland begonnenen Revolution.10 Es sei also auch ein internationales Gebot der Stunde, in Deutschland eine linksradikale Partei zu gründen. Die Mitgliedschaft von Linken in einer Partei der Gemäßigten sei politischer Selbstmord und Verrat nach außen.¹¹

Die Arbeiterpolitik reagierte auf die Gründung der USPD und den Beitritt der Spartakusgruppe mit einer gewissen Konfusion. Die Forderung nach einer eigenen linksradikalen Partei trat zeitweilig in den Hintergrund. Während einerseits an die Linken appelliert wurde, in den Gewerkschaften als treibender Keil revolutionär zu wirken, erschienen andererseits Beiträge, deren Autoren die Beseitigung der alten Gewerkschaftsorganisationen propagierten. Die Hamburger Gruppe der Linksradikalen veröffentlichte eine Resolution, die eine in Partei und Gewerkschaften geteilte Arbeiterbewegung ablehnte und eine Einheitsorganisation forderte. Die Arbeiterpolitik verlor die von Johann Knief und Paul Frölich geprägte Linie. Knief ging im April 1917 in den Untergrund, wurde im Januar 1918 verhaftet und bis zur Revolution im November in »Schutzhaft« gehalten. Frölich war erneut zum Militär eingezogen worden.

Versuchte Parteigründung

Erst Ende Juli 1917 regten sich neue Aktivitäten zur Gründung einer linksradikalen Partei, nun ohne die Spartakusgruppe. In einem Aufruf wurde mitgeteilt, es seien in mehreren Orten Gruppen entstanden, die der Arbeiterpolitik ihre Zustimmung zu einer Parteigründung mitgeteilt hätten. Damit seien die Voraussetzungen für die Gründung der »Internationalen Sozialistischen Partei Deutschlands« (ISPD) gegeben. Ein Aktionskomitee habe die Arbeit aufgenommen und fordere die Linksradikalen auf, Vorschläge für das Parteiprogramm und ein Parteistatut einzureichen. Zur Parteigründung trafen sich am 26. August 13 Delegierte konspirativ in Berlin. Doch die Polizei sprengte die Versammlung und beschlagnahmte die entworfenen Gründungsdokumente. Darin wurde die angestrebte ISPD als neue Führung der Arbeiterbewegung anstelle der alten Sozialdemokratie definiert, die ihren Führungsanspruch durch ihre Kriegspolitik und durch die Zerstörung der innerparteilichen Demokratie verwirkt habe. Die neue Partei grenzte sich zugleich von der halbherzigen Opposition der USPD ab. Die ISPD werde vom Prinzip des proletarischen Internationalismus getragen sein; sie fühle sich »als Glied der entstehenden 3. Internationale« und gehöre zu den Parteien der Zimmerwalder Linken. Für ihr organisatorisches Selbstverständnis griff die Partei ein Konzept des Anarchosyndikalismus auf, indem sie sich als »Einheitsorganisation« definierte.

Im Dezember 1917 warf Knief das Thema der Parteigründung erneut auf.¹² Er folgerte ihre Notwendigkeit aus der Rolle der Bolschewiki in der erfolgreichen russischen Oktoberrevolution, welche die Linksradikalen begeistert begrüßt hatten. Knief war der erste, der unter dem Eindruck der Russischen Revolution die Gründung einer de facto kommunistischen Partei in Deutschland zur Diskussion stellte.

Als im November 1918 die Revolution Deutschland erfasste, war für die Linksradikalen klar, dass sie über Republik und bürgerlich-demokratische Rechte hinaus zu einer sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft vorangetrieben werden müsse. Ziel war eine Diktatur des Proletariats. Träger sollten revolutionäre, das heißt von Rechtssozialisten freie Arbeiter- und Soldatenräte sein, die sich auf verlässliche bewaffnete Arbeitergarden stützen konnten.

In Bremen erörterten die Linksradikalen bereits am 10. November 1918 ihre Konstituierung als »Internationale Kommunisten Deutschlands, Ortsgruppe Bremen« und die Schaffung einer eigenen Tageszeitung. Die Dresdner linksradikale Gruppe gab am 16. November eine Zeitung mit dem Titel Der Kommunist. Flugzeitung der Internationalen Kommunisten Deutschlands heraus. Die Selbstbezeichnung der Linksradikalen als Kommunisten und ihrer Gruppen als »Internationale Kommunisten Deutschlands« (IKD) signalisierte den Standort auf dem äußersten linken Flügel der Revolution. Zum tonangebenden Blatt wurde eine weitere Tageszeitung mit dem Namen Der Kommunist, die ab dem 27. November in Bremen erschien und von Knief redigiert wurde.

Die Linksradikalen forderten, in der Revolution schleunigst nachzuholen, was bis dahin gescheitert war: die Gründung einer neuen revolutionären Partei. Ihnen war klar, dass ohne den Spartakusbund keine Aktionsfähigkeit erreichbar war. Da dieser aber weiterhin auf die Möglichkeit setzte, die Mehrheit der revolutionär orientierten Mitglieder der USPD zu gewinnen, entschlossen sie sich, selbst an die Spitze der Bewegung zu treten, lokale Organisationen ihrer Anhänger zu bilden und durch deren organisatorischen Zusammenschluss Druck auf den Spartakusbund auszuüben.

In Bremen wuchs die Gruppe der IKD rasch an. Etwa 50 Personen bildeten den Kern, der sich auf 500 bis 1.000 Anhänger stützen konnte. Es entstanden Ortsgruppen in Nordwestdeutschland (Bremen, Bremerhaven, Vegesack, Hamburg, Wilhelmshaven, Rüstringen, Hannover), auch in Sachsen (besonders in Dresden um Otto Rühle), Berlin (mit Jakob Heinen, Kurt Classe und Werner Möller), im Rhein-Ruhr-Gebiet, in Württemberg und Bayern.

Demokratie und Führung

Vom 15. bis 18. Dezember 1918 trafen sich Delegierte der IKD in Berlin zu ihrem ersten Reichstreffen. Ihre von den IKD in Dresden entworfene »Grundsätzliche Erklärung« erhob – in Verkennung der politischen Kräfteverhältnisse während der Revolution – die unmittelbare »Herbeiführung des Kommunismus« zum Ziel der IKD. Weg zum Ziel solle eine kurzzeitige Diktatur des Proletariats sein, die sich auf kommunistische bewaffnete Arbeiter stütze. Die Organisationsstruktur der IKD sollte durch Föderalismus und eine ausgeprägte innerparteiliche Demokratie geprägt sein. Die russischen Bolschewiki waren für die IKD das politische Beispiel einer die Revolution anführenden Partei, aber nicht das Vorbild für eine Parteiorganisation. Auch der Spartakusbund war den IKD als »Führer­organisation« suspekt. Gebraucht würden vielmehr, wurde bereits 1917 gefordert, »Gleichberechtigung, Selbständigkeit, Wille und Kraft zur eigenen Tat bei jedem einzelnen (…). Massenbewegungen können nicht führerlos sein, aber sie können auch keine Führerbewegungen sein.«¹³ Während die IKD also im staatlichen Bereich eine Demokratie, die eine Minderheit für die Gesamtheit gestaltet, für opportun hielten, bestanden sie auf basisdemokratischen Verhältnissen in der dabei tonangebenden Partei.

Vertagt wurde die Antwort auf die Frage, ob sich Kommunisten an den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 beteiligen sollten. Viele hielten den Kurs auf eine Rätemacht mit der Anerkennung einer bürgerlich-parlamentarischen Legislative für prinzipiell unvereinbar. Andere wie Knief plädierten für eine linksradikale Parlamentsfraktion als Sprachrohr revolutionärer Aufklärung, solange die Mehrheit der Arbeiter angesichts der Stärke der Gegenrevolution nicht zu einer sozialistischen Revolution bereit sei.14

Die 2. Reichskonferenz in Berlin am 24. Dezember 1918 beschloss schließlich gegen den Widerstand von Knief den Wahlboykott. Zugleich hob sie unter dem Einfluss ihres Gastes Karl Radek den Entschluss auf, sich nicht mit dem Spartakusbund organisatorisch zu vereinigen. Zum Meinungswandel trugen die Entwicklungen im Spartakusbund selbst bei, in dem sich Stimmen für einen Austritt aus der USPD mehrten. Anstoß dafür war die Weigerung der Führung der USPD, einen Parteitag einzuberufen, auf dem der Spartakusbund hätte versuchen können, die Mehrheit hinter sich zu bringen.

Am 30. Dezember 1918 trat die Reichskonferenz zusammen, die zum Gründungsparteitag der KPD wurde. Der führende Kopf der IKD, Johann Knief, war nicht unter den Teilnehmern, weil die Bremer IKD-Gruppe das Mandat ihrer Delegierten an den Wahlboykott gebunden hatte. Ohnehin hätte ihn eine schwere Erkrankung gehindert, nach Berlin zu reisen.

Am Gründungsparteitag der KPD nahmen 29 Delegierte aus 14 Ortsgruppen der IKD teil. Karl Becker (Dresden) verlas die Erklärung der IKD, wonach diese mit dem Spartakusbund verschmelzen wollten und ihre Organe für aufgelöst erklärten. Eine zweite Erklärung der IKD betonte die Notwendigkeit des Zusammenschlusses, kennzeichnete aber zugleich die Gegensätze, die dies bisher behindert hatten: strategische und taktische Differenzen infolge der Illegalität und lokaler Unterschiede des Wirkungsbereichs, Unterschiede in der organisatorischen Entwicklung der beiden Gruppierungen, entgegengesetzte Auffassungen über Parteispaltung bzw. Revolutionierung der USPD und infolgedessen Gegensätze in der Zimmerwalder Bewegung. Die Erklärung schloss: »Diese Gegensätze sind heute verschwunden. Beide Richtungen sind durch das Feuer der Revolution zusammengeschweißt worden.«15

Kein fester Platz

Während der Richtungskämpfe im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens fand nur eine Minderheit der ehemaligen Internationalen Kommunisten einen festen Platz in der sich wandelnden KPD. Anhänger anarchosyndikalistischer Vorstellungen fanden sich bald in der abgespaltenen Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) oder der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) wieder, die basisdemokratisch orientierten Kritiker der Bolschewisierung der KPD in der KPD-Opposition (KPO) bzw. in der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP).

Anmerkungen:

1 Johann Knief an Rudolf Franz, 23. August 1914, BArch N 2078/2, Bl. 4f

2 Knief an Franz, 31. Dezember 1914, BArch N 2078/2, Bl. 36–38

3 Lichtstrahlen 3 (1915/1916), Nr. 6, S. 140

4 SAPMO-BArch, Sg Y 30/0188, Bl. 391

5 »Eine zeitgemäße Mahnung«, BBZ, 20.12.1915

6 BBZ, 17.6.1916

7 Einheit oder Spaltung der Partei? In: Arbeiterpolitik 1 (1916), Nr. 10, S. 76

8 Die Spaltung der Partei und das Zentrum. In: Arbeiterpolitik 2 (1917), Nr. 6, S. 44

9 Die Verständigung der Linksradikalen. In: Arbeiterpolitik 2 (1917) Nr. 8, S. 57–59

10 Das Kompromiss von Gotha. In: Arbeiterpolitik 2 (1917), Nr. 15, S. 113– 115

11 Die Konferenz der Arbeitsgemeinschaft. In: Arbeiterpolitik 2 (1917), Nr. 13, S. 97

12 P. Unruh (d. i. Johann Knief), Eine dringende Notwendigkeit. In: Arbeiterpolitik 2 (1917),

Nr. 50, S. 374–375

13 Partei und Bewegung. In: Arbeiterpolitik 2 (1917), Nr. 11, S. 83 f.; Partei und Führer. In: Arbeiterpolitik 2 (1917), Nr. 37, S. 284–286

14 Johann Knief: »Die Konsequenzen«, Der Kommunist (Bremen), 24.12.1918

15 Hermann Weber (Hg.): Die Gründung der KPD. Protokolle und Materialien des Gründungsparteitages der KPD 1918/1919, Berlin 1993, S. 171

Gerhard Engel ist Historiker. Zum Thema sind von ihm unter anderem erschienen: »Johann Knief – ein unvollendetes Leben« (Dietz, Berlin 2011) und »Dr. Rudolf Franz 1882–1956. Zwischen allen Stühlen – ein Leben in der Arbeiterbewegung« (Edition Bodoni, Berlin 2013)

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