21.08.2018 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 15

Aus Erfahrung klüger

IG Metall Baden-Württemberg zieht Zwischenbilanz eines flächendeckend und langfristig angelegten »Organizing«-Projekts

Daniel Behruzi

Die IG Metall macht keine halben Sachen. Und sie lernt aus Erfahrungen. Das zeigt das Buch »Aufrecht gehen«, in dem die ersten drei Jahre des »Gemeinsamen Erschließungsprojekts« (GEP) in Baden-Württemberg ausgewertet werden. Im Unterschied zu anderen »Organizing«-Kampagnen – mit denen Gewerkschaften seit einigen Jahren versuchen, ihre Mitgliederzahl und Mobilisierungsfähigkeit zu erhöhen – ist das GEP nicht auf einen einzelnen Betrieb oder eine Teilbranche beschränkt. Und: Es läuft mit neun Jahren deutlich länger als die meisten bisherigen Vorhaben dieser Art.

Mit dem im VSA-Verlag erschienenen Buch wird eine erste Zwischenbilanz gezogen. Und das auf eine Art, die interessanter ist als in gewerkschaftlichen Publikationen oft üblich. Besonders die Reportagen aus zehn Betrieben, vom Daimler-Werk bis zu einem der Holzverarbeitung, geben einen guten Einblick in die konkreten Erfahrungen. Verallgemeinert werden sie in Interviews mit Mitgliedern des Projektteams und weiteren Funktionären der IG Metall Baden-Württemberg.

Für sie ist »Organizing« eine Antwort auf die Veränderungen in der Industrie. So verschiebt sich zum Beispiel die Zusammensetzung der Belegschaften: »Lag das Verhältnis von Arbeitern und Angestellten in einem typischen Betrieb der Metall- und Elektroindustrie vor einer Generation noch bei 70 zu 30, liegt es heute vielfach schon bei 50 zu 50«, heißt es im Vorwort. Für die Gewerkschaft ist das ein Problem, hat sie ihre traditionellen Hochburgen doch in der Facharbeiterschaft, die im Verhältnis zu anderen Beschäftigtengruppen schrumpft. Hinzu kommt die sogenannte demographische Entwicklung: »Unsere erfahrensten und kampfstärksten Jahrgänge gehen schneller in Rente, als es uns bislang gelungen ist, neue Mitglieder zu gewinnen und handlungsfähige Strukturen zu organisieren.« Dem sei nur zu begegnen, »indem wir durch das, was wir tun, für die arbeitenden Menschen einen Nutzen stiften«.

Dazu gehört eine Abkehr von der Stellvertreterpolitik: »Die Beschäftigten wollen mitbestimmen, auch in der Gewerkschaft.« Deshalb ist viel von »demokratischen, beteiligungsorientierten Prozessen« die Rede, sogar von »einer Neuausrichtung der gesamten IG Metall Baden-Württemberg«. Neben der stärkeren Einbeziehung der Mitglieder in Entscheidungen ist damit auch das Ziel verbunden, »die Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit unserer Organisation langfristig zu sichern«.

All das ist gut und richtig, aber nicht automatisch mit einer klassenkämpferischen Neuausrichtung der Gewerkschaftspolitik verbunden. Die propagierte Konfliktorientierung ist nicht eingebettet in ein größeres Ziel gesellschaftlicher Umgestaltung, wie sie in den 1970er Jahren viele Gewerkschafter angetrieben hat. Sie dient vielmehr dazu, die »Sozialpartnerschaft« zu stabilisieren. Dahinter steckt die Einschätzung, dass die Unternehmen Gewerkschaften nur so lange ernst nehmen, wie diese über ausreichende Organisationsmacht und Konfliktfähigkeit verfügen. Bitten und betteln reichen nicht. Das ist schon mal eine wertvolle Erkenntnis, aber noch keine Abkehr von einer Standortpolitik, für deren Vertreter die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie an erster Stelle steht.

Solche politischen Fragen spielen in dem Buch kaum eine Rolle, auch wenn der IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger betont, dass man durchaus einen gesellschaftspolitischen Anspruch verfolge, nämlich, »Ungleichheiten zu beseitigen«. Diese seien im Betrieb am sichtbarsten und müssten dort als erstes angegangen werden. Gemeint ist damit vor allem die Durchsetzung von Tarifverträgen.

Die flächendeckende und langfristige Ausrichtung des GEP-Projekts erklärt Zitzelsberger bemerkenswerterweise mit dem Begriff der »Agilität«, der derzeit die Unternehmensberatung dominiert: »Agil können wir nur werden, wenn wir nicht den einzelnen Betrieb, die einzelne Branche, das einzelne Feld beackern, sondern flächendeckend in Baden-Württemberg aufschlagen.« Es gehe darum, »nicht nur kurzfristig und punktuell zu intervenieren, sondern insgesamt auf lange Sicht die Dinge zu ändern und dabei das Bestmögliche zu erreichen«.

Die Dimension des Projekts ist in der Tat beeindruckend: Einbezogen sind 141 Betriebe, davon 61 »Hauptzielbetriebe«, wodurch bislang 8.776 Beschäftigte neu als Gewerkschaftsmitglieder gewonnen werden konnten. Der Anspruch ist, nicht nur passive Mitglieder zu organisieren, sondern auch einen Teil von ihnen über sogenannte Aktivenkreise für mehr Engagement zu gewinnen.

Das Gute an dem Buch ist, dass es auch die Schwierigkeiten und Widerstände nicht verschweigt, die dabei entstehen. So erklärt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart, Uwe Meinhardt, ganz offen im Interview: »Ob bei Daimler in Untertürkheim oder Sindelfingen ein Konflikt geführt wird, entscheidet nicht der GEP-Sekretär, sondern im Zweifelsfall der Betriebsratsvorsitzende, der auch IG-Metaller ist. Und glaubst du, der Kollege freut sich, wenn hier eine Parallelstruktur aufgebaut wird?«

So und an anderen Stellen deutet sich an, dass längst nicht alle Fragen geklärt sind, die mit den neuen Methoden zusammenhängen. Das Projekt hat sicher noch nicht die gesamte IG Metall – und schon gar nicht ihre Betriebsräte – verändert. Aber es hat offenbar etwas in Bewegung gebracht. Und schon das ist gut. Denn nur wer sich bewegt, lernt etwas.

IG Metall Baden-­Württemberg (Hrsg.): Aufrecht gehen. Wie ­Beschäftigte durch Organizing zu ihrem Recht kommen. VSA, Hamburg 2018, 160 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-89965-781-4

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