24.04.2018 / Feuilleton / Seite 11

Zwischen Amish und Anarchie

Auf dem Berg statt im Sarg: Stefan Bollmann porträtiert die lebensreformerischen Frühhippies vom Monte Verità

André Weikard

Sie bauen sich Hütten aus Holz und Lehm, sie flanieren in Kartoffelsäcken und baden nackt. Sie hypnotisieren und analysieren sich. Sie feiern okkulte Feste, sie schnupfen Kokain und schmuggeln Dynamit. Sie fasten und graben sich gegenseitig ein. Sie tanzen. Es ist ein heterogenes Völkchen von Aussteigern und Anarchisten, von Antimodernen und Andersmodernen, das in den Jahren von 1900 bis 1920 einen kahlen Hügel im schweizerischen Tessin okkupiert. Ein unbedeutendes Fleckchen Erde, zu unfruchtbar, um dort Landwirtschaft zu betreiben und gerade gut genug, um anspruchslose Schaf- und Ziegenherden satt zu kriegen.

Und doch kommen dort Schriftsteller wie Hugo Ball, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler und Hermann Hesse, die Ausdruckstänzer Rudolf von Laban und Mary Wigman, Denker wie Max Weber und Ernst Bloch, Künstler wie Hans Arp, Paul Klee und Alexej Jawlensky, Anarchisten wie Pjotr Kropotkin und Michail Bakunin oder Psychoanalytiker wie Otto Gross und Carl Gustav Jung zusammen. Sie alle eint die gemeinsame Sehnsucht, die bürgerliche Welt, die Enge und den Gestank der Städte, den Stumpfsinn von Kreuz und Krone hinter sich zu lassen. Einige Jahrzehnte lang erschienen die hölzernen Hütten keine 350 Meter oberhalb des Lago Maggiore ihren Bewohnern als der am weitesten entfernteste Ort. Weit weg von der Welt, die sie verabscheuten. Sie tauften ihn den Monte Verità, den Berg der Wahrheit.

Stefan Bollmann, im Brotberuf Lektor im C. H. Beck Verlag, hat diesem Ort ein nüchternes und kenntnisreiches Sachbuch gewidmet. Auf 320 Seiten führt er seine Leser hinauf auf den legendären Berg und macht sie bekannt mit den verschrobenen Gästen. Allen voran den Brüdern Karl und Gusto Gräser, die gemeinsam mit anderen den Monte Verità erfanden. Die Aussteiger erwarben das Grundstück und luden Sanatoriumsgäste in ihre »Lichtbadestationen«, Häuser, denen eine Wand fehlte. Ihr Credo entsprach dem Refrain eines Blumfeld-Songs: »Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.« An der frischen Luft, so die Naturfanatiker, werde der Großstadtmensch genesen.

Die Gründer des Berges leben vegan, als es das Wort noch überhaupt nicht gibt und verzichten auch auf tierische Produkte wie Kleidung aus Wolle. Sie laufen umher wie Aposteldarsteller, in weiten Gewändern, mit dichten Bärten, Sandalen und Hirtenstab. Sie verfassen Manifeste und klagen: »Wir fühlen uns der Natur entfremdet, leiden unter einer spürbaren Abhängigkeit von Unternehmen, Industrien und Bürokratien, die Nummern, Funktionen und Produkte an uns verteilen.« Sie geben an, sie vermissten eine »Lebensgemeinschaft, die uns über die geschrumpfte Familie hinaus das Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit vermittelt.«

Klingt modern? Ist es ja auch. Kaum eine gesellschaftliche Strömung, die im 20. Jahrhundert bedeutsam gewesen wäre, empfing vom Monte Verità keine Impulse. Linke Anarchisten schmuggelten Saccharin und finanzierten so ihre Publikationen, der Freud-Schüler Otto Gross entwickelte dort seine Theorie der »sexuellen Revolution«, Rudolf von Laban, Vater des deutschen Ausdruckstanzes, begründete auf dem Monte Verità seine Tanzschule und entwickelte seine bedeutendsten Choreographien. Ach ja, und Käthe Kruse bastelte an ihren ersten Puppen.

Bollmanns Schilderung sind voller herrlicher Anekdoten von Monteveritanern, die sich als Hochstapler entpuppen, die ihr Kanonenöfchen sommers als Repräsentant des Fortschritts aus der Hütte verbannen und winters bei Freunden unterkommen, weil sie es vor Kälte in der eigenen Behausung nicht aushalten oder die ihre Ernährung radikal auf Kokosnüsse umstellen – und schließlich an Mangelernährung sterben. Bollmann zeichnet Erich Mühsam als grantigen Zyniker, der sich über die Kostverächter am Berg lustig macht (»Wir essen Salat, ja wir essen Salat / Und essen Gemüse von früh bis spat. / Auch Früchte gehören zu unsrer Diät. / Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.«) und sich schließlich unten im Ort einquartiert, weil ihm die vegane Ernährung vermeintlich auf den Magen schlägt.

Manchmal verfällt der Autor in ein vereinnahmendes »wir« und hebt zur Generalanalyse über seine Zeit an, aber oft rutschen ihm Nebensätze wie dieser nicht durch: »Denn klar war, dass etwas fehlt, und daran hat sich bis heute nichts geändert.« Meist bleibt er bei einem sachlichen Ton. Die Ironie stellt sich dank der Abstrusität mancher Phantastereien vom Berg der Wahrheit von alleine ein. Die leider überschaubare Bildauswahl zeigt Aufnahmen von Hermann Hesse beim Nacktklettern oder Karl Gräser in seinem selbstgebauten »Klaubholzstuhl«.

Bollmann weist aber auch immer auf die Wirkungsgeschichte dieses vermeintlichen Spinnertreffs hin. So befolgte noch Jahrzehnte später ein US-amerikanischer Unternehmer die esoterischen Ernährungsratschläge von Arnold Ehret und benannte sogar seine Firma nach dem Lieblingsobst des Fruchtsaftfetischisten vom Monte Verità: Apple. Im Gegensatz zu Steve Jobs verdienten die frühen Hippies mit ihrem Sanatorium in zwei Jahrzehnten nie einen Cent. Auch als der Zufluchtsort während des Weltkriegs als Exil für Kriegsdienstverweigerer noch einmal aufblühte, gelang es nicht, den Aussteigerkreis zwischen Amish und Anarchie dauerhaft im Tessin zu verwurzeln. Als die Gruppe zerfiel, verkamen auch die Behausungen. Der Monte Verità kehrte in seinen Ursprungszustand zurück. Erst Jahrzehnte später, als seine Bewohner berühmt und der Berg Legende geworden waren, entstanden Villen und Hotels. Industrielle und Kunstsammler eigneten sich den Ort an. Währenddessen waren die Ideen, die hier erprobt und zum Teil erst entwickelt wurden, in alle Welt getragen worden. Langhaarige aus allen Bevölkerungsschichten experimentierten mit Drogen und freier Liebe. In Woodstock tanzte man vermutlich nicht viel anders als auf dem Monte Verità.

Das Leben in der Kommune, Freikörperkultur, Ökobewegung und Veganismus, Feminismus und antiautoritäre Bewegung nahmen dort vielleicht nicht ihren Anfang, aber der Berg infizierte viele einflussreiche Literaten, Künstler und Denker mit diesen Ideen. Stefan Bollmann ist es zu verdanken, dass dieser Kulminationspunkt alternativer Revolte auch außerhalb geisteswissenschaftlicher Seminare eine Würdigung erfährt. Manch einer, der in Zukunft nach Ascona pilgert, wird dieses Buch im Gepäck tragen.

Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. DVA, München 2017, 320 Seiten, 20 Euro

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