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Sportpolitik

Konzentration aufs Wesentliche

Wie kann der deutsche Abwärtstrend bei Olympischen Spielen gestoppt werden? Ein Gastbeitrag

Von Thomas Köhler
Foto: Michael Kappeler/dpa
Der Blick auf den Medaillenspiegel macht schlechte Laune

Mehr als 3.500 Sportlerinnen und Sportler aus 92 Nationen wetteiferten bei den XXV. Olympischen Winterspielen in Italien um jeweils 116 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen und um gute Plazierungen. Für Deutschland, mit einer Rekordzahl von 185 Athleten angereist, sprang am Ende ein fünfter Platz in der Nationenwertung mit 26 Medaillen heraus, darunter acht goldene. Mehr als eine Fußnote ist es wert zu erwähnen, dass aus Russland und Belarus nur individuelle neutrale Athleten zugelassen waren und mit einmal Silber im Ranking ausfielen.

Mit 185 Aktiven war dieses deutsche Team überdimensioniert. Medaillen brachten 38 Sportlerinnen und Sportler mit nach Hause, knapp über 20 Prozent der Teammitglieder. Was umgekehrt bedeutet, dass fast vier Fünftel der Athleten ohne Edelmetall blieben. Eine ganze Reihe von Sportlern hatte von vornherein keine Finalchance. Dieses Missverhältnis ist bei Olympischen Spielen tückisch, wenngleich es bei Nominierungen nicht zum Maßstab werden kann, dass jeder Athlet, der fürs »Team D« starten darf, auch einen Platz auf dem Siegerpodest erobern soll, so wie es meinem früheren DDR-Sport-Chef Manfred Ewald am liebsten gewesen wäre. Bei einem Vortrag vor dem Zentralrat der Freien Deutschen Jugend hatte er Anfang der 1980er Jahre einmal sinngemäß gesagt: »Wer keine Medaille gewinnt, hat für das Vaterland nichts geleistet.«

Diese Maxime halte ich für deutlich überzogen. Aber die Erfahrung besagt, dass Topergebnisse beim wichtigsten Sportereignis durch eine übermäßige Betreuung von enttäuschten Sportlern und denen ohne Finalchance stark beeinträchtigt werden können. Mit anderen Worten: Potentielle Medaillenkandidaten bekommen im entscheidenden Moment womöglich nicht die optimale Aufmerksamkeit, weil es zu viele Athleten im Team gibt, die mit ihren Leistungen unzufrieden sind, hadern und zu trösten sind. Hinzu kommt, dass durch Medien – teils durch Fehleinschätzungen, teils bewusste Überbewertung – manche Medaillenhoffnung geweckt wird, wo sie objektiv fehl am Platze ist und das Sportler zusätzlich unter Druck setzt.

Kann der Abwärtstrend gestoppt werden? Um auf diese Grundsatzfrage eine Antwort zu erhalten, sollte die Zentrale des deutschen Sports bei der Bundesregierung anfragen, ob die Bundesrepublik weiterhin oder wieder zu den führenden Sportnationen gehören soll. Bei dem Ruf, den Deutschland (noch) in der Welt genießt, müsste dieser Anspruch eine Selbstverständlichkeit sein. Schließlich ist die Entwicklung des Sports eines Landes, und dazu gehören Medaillen, Ausdruck seiner wirtschaftlichen und kulturellen Leistungsfähigkeit.

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Passend dazu richtete Thomas Weikert als Präsident des DOSB nach den Winterspielen den dringenden Appell an die Politik, den Schulsport zu unterstützen sowie für Verbesserungen in der Nachwuchsförderung und bei der Trainerausbildung und Bezahlung zu sorgen. Christiane Schenderlein (CDU), die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, ist gut beraten, Reformen einzuleiten und durchzusetzen. Wie kompliziert das ist, zeigt die Diskussion um das neue Sportfördergesetz, das jüngst das Kabinett passierte, mit einer zeitnah zu gründenden Spitzensportagentur als Kern. Aus der Sicht des Leistungssports stellt sich die Frage, ob wir es uns weiterhin leisten können, dass zirka 37 Prozent der besten Talente dem Leistungssport verlorengehen, weil sie ihre berufliche Entwicklung gefährdet sehen. Ganz abgesehen von denen, die sich aus finanziellen Gründen dem Leistungssport verwehren oder sich davon verabschieden müssen.

Unter der Verantwortung der neuen Spitzensportagentur, des Staatsministeriums für Sport und dem Dachverband DOSB, seiner Verbände, Vereine und Leistungszentren, sollten folgende Probleme geprüft werden: Wie kann unter Überwindung föderaler Hindernisse ein zentrales Sichtungs- und Auswahlsystem für Sporttalente entwickelt und wie kann für diese Talente ein langfristiger Leistungsaufbau einschließlich einer Förderung gesichert werden? Wie gewinnen wir mehr ehrenamtliche Übungsleiter und qualifizierte Trainer für den Nachwuchsleistungssport? Was muss unternommen werden, um die Eliteschulen des Sports ausschließlich auf die Vorbereitung von Weltspitzenleistungen auszurichten? Wäre es nicht besser, statt Sportarten weiterhin komplett zu fördern, vor allem in den olympischen Disziplinen nach besonderen Talenten zu suchen und ihnen eine umfassende, zentral gesteuerte, individuelle Förderung zu ermöglichen?

Vorstellbar wäre auch, Medaillengewinner von Juniorenweltmeisterschaften sofort voll umfänglich und langfristig in dieses Programm einzubeziehen. Bei der Auswahl von Kadersportlern sollten höchste Maßstäbe angelegt werden, was eine besondere Verantwortung der Trainer voraussetzt. Eine natürliche Veranlagung oder Begabung bei jungen Athleten reicht nicht, wenn nicht ein eiserner Wille und die Bereitschaft hinzukommen, für Höchstleistungen die letzten Reserven zu mobilisieren.

Im Wintersport ist es besser als in den Sommersportarten gelungen, Vorzüge von Ost und West zu vereinen. Während der Westen eine stabile Finanzierung und neue Vereinsstrukturen bot, trug der Osten mit Erfahrungen im Hochleistungssport, spezialisierten Trainingsmethoden, hochqualifizierten Trainern und etablierten Leistungszentren zu den Ergebnissen bei. Wesentlich für den Erfolg waren die Bedingungen bei der Bundeswehr, der Polizei und dem Zoll. Sämtliche deutsche Medaillen wurden von diesen »Athleten in Uniform« gewonnen. Was wäre der Wintersport ohne sie? Nahezu 70 Millionen Euro stehen den 14 Sportfördergruppen der Bundeswehr mit nahezu 1.200 Kaderathleten zur Verfügung. Hier sorgt ein komplexes und wirkungsvolles Gefüge von sozialen, trainingsmethodischen, medizinischen, organisatorischen, leitungspolitischen und materiell- technischen Bedingungen für sportliche Höchstleistungen.

Nach einer mehrjährigen konzentrierten Vorbereitung darf erwartet werden, dass der Sportler bei Olympia seine Bestleistung erreicht bzw. sie überbietet. Dem strengen Beobachter der Wettkämpfe von Mailand und Cortina entging aber nicht, dass eine Reihe von Sportlern mit einem Platz unter den besten acht zufrieden war. Vielleicht sollten künftige deutsche Olympiateams wieder kleiner ausfallen, wenn bei der Nominierung wieder das klassische Kriterium von der »Endkampfchance« stärker zu Buche schlägt.

Der frühere Rennrodler Thomas Köhler (85) gewann 1964 bzw. 1968 Olympia-Gold im Einzel bzw. mit Klaus Bonsack im Doppelsitzer sowie 1968 Silber im Einzel. 1980 avancierte der gebürtige Sachse aus Zwickau zum Vizepräsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und war in dieser Position verantwortlich für den gesamten DDR-Leistungssport.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.04.2026, Seite 16, Sport

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→Leserbriefe
  • Matthias Klenner aus Basdorf 13. Apr. 2026 um 12:29 Uhr
    Auch beim Thema »Leistungssport« kann ein gesellschaftskritischer Blick nicht schaden. In dem Beitrag von Thomas Köhler werden Hinweise gegeben, wie in der BRD die Medaillenausbeute bei Olympia künftig erhöht werden kann. Die Frage, warum das überhaupt ein Ziel sein sollte, beantwortet er zeitlos und unpolitisch – weil die Anzahl der Medaillen der wirtschaftlichen und kulturellen Leistungskraft des Landes entsprechen solle – Punkt. Mit seinem absoluten Fokus auf Medaillen geht es ihm nur noch um die Stärksten im Sport – das entspricht durchaus einem wichtigen kapitalistischen Selektionsmuster und setzt damit um, was mit dem »Recht und Anspruch des Stärkeren« gesellschaftlich bereits dominiert. Mit dieser einseitigen Schwerpunktlegung scheinen alle Sportler, denen es nur um ihren Ausgleich und vielleicht noch um ihre persönliche Potentialentwicklung geht, bestenfalls den Boden einer Pyramide zu bilden, um deren Spitze allein es gehe. Neben dieser unsozialen Sicht geht es aber in der Konsequenz um noch viel Wichtigeres: Dem finanziellen und personellen Stellenwert der Absicherung und Förderung des Breitensports. Wer an den Schulen die Absicherung des Schwimmunterrichts vermisst, den maroden Zustand von lokalen Sportstätten sieht und die zu geringe Förderung von Übungsleitern beklagt, stößt auf die Kehrseite der allüberall in dieser Gesellschaft herrschenden Ungleichverteilung. Auch bei diesem Thema gilt: Sich vom Gold nicht blenden zu lassen.
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