Wenn Arbeit tötet
Von Tom Biebl
Wer morgens auf eine Baustelle geht, weiß, dass sein Körper nicht nur Werkzeug, sondern Einsatz ist. Hände, Rücken, Gleichgewicht, Aufmerksamkeit – alles wird in Anspruch genommen, alles wird verbraucht. Fehler bleiben hier nicht abstrakt. Ein falscher Schritt, eine ungesicherte Kante, eine gelöste Last – und es gibt kein Zurück. Das ist kein Ausnahmezustand, sondern Routine. Öffentlich erscheint diese Routine kaum. Dort dominieren Begriffe wie Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität. Auf der Baustelle heißen sie Termindruck, Unterbesetzung und Fristen. Wer verzögert, fällt auf. Wer auffällt, wird ersetzt. Der Unfall beginnt nicht mit dem Sturz. Er beginnt mit der Art, wie Arbeit organisiert wird.
Am 22. August 2024 bricht in München auf einer Großbaustelle ein Gerüst zusammen. Ein Bauarbeiter stirbt. Im Mai 2025 stürzen an der Neckartalbrücke bei Horb am Neckar drei Männer mit einer Arbeitsgondel in die Tiefe. Wieder Tote. Wieder dieselbe Formel: tragisches Unglück. Diese Formel erfüllt eine Funktion. Sie trennt das Ereignis von seiner Ursache. Sie macht aus einem Ergebnis der Produktionsweise ein schicksalhaftes Ereignis. 2024 registrierte die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft mehr als 91.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle. Die Zahl der tödlichen Unfälle stieg. Seit Jahren bleiben die Ursachen nahezu identisch: Abstürze, herabfallende oder kippende Lasten. Wo sich Ursachen wiederholen, wiederholen sich Bedingungen. Statistik dokumentiert die Folgen, nicht die Struktur. Normalbetrieb heißt: Der Tod eines Bauarbeiters bringt keine Kalkulation ins Wanken.
Arbeit als Ware
Auf dem Bau wird nicht nur gebaut. Es wird Arbeitskraft gekauft und verwertet. Der Lohn bezahlt die Verfügbarkeit des Körpers für eine bestimmte Zeit. Was in dieser Zeit geleistet wird, entscheidet über Gewinn oder Verlust. Je mehr in derselben Zeit herausgeholt wird, desto größer der Ertrag. Arbeitszeit ist daher kein neutraler Rahmen, sondern Maß der Verwertung. Jede Minute, die nicht produktiv genutzt wird, gilt als Kostenfaktor. Sicherheit kostet Zeit. Zeit kostet Geld. Wer Sicherungen prüft, Abläufe unterbricht oder zusätzliche Kräfte einsetzt, verlängert den Bauprozess. Verlängerung schmälert die Rendite. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik wird deshalb jede Schutzmaßnahme gegen den Preis gerechnet. Das Risiko entsteht nicht am Rand der Kalkulation, sondern in ihrem Zentrum. Unternehmen sind nicht frei in diesen Entscheidungen. Sie stehen im Wettbewerb. Wer teurer anbietet, verliert. Wer verliert, verschwindet vom Markt. Konkurrenz wirkt wie ein objektiver Zwang, der jede Firma dazu drängt, Kosten zu senken. Und Kosten sind in der Bauwirtschaft vor allem Löhne, Zeit und Sicherungsaufwand. Der Markt verlangt Effizienz. Effizienz heißt hier: möglichst viel Bauleistung in möglichst kurzer Zeit mit möglichst geringen Kosten. Niemand muss den Tod wollen. Es genügt, dass sein Verhindern teurer ist als sein Risiko.
Zersplitterung als Prinzip
Seit den 1990er Jahren wurde die Bauwirtschaft grundlegend umstrukturiert. Große Unternehmen fungieren als Projektsteuerer, während die eigentliche Ausführung in Subunternehmerketten ausgelagert wird. Mit jeder Stufe sinken die Margen und steigen die Abhängigkeiten. Jeder Subunternehmer muss seine Kosten unterbieten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der Druck wandert nach unten, bis er bei denen ankommt, die die Arbeit ausführen. Diese Zersplitterung ist kein organisatorisches Detail, sondern ökonomisches Prinzip. Sie verteilt Risiken entlang der Kette und erschwert ihre Zurechnung. Kommt es zu einem tödlichen Unfall, beginnt die Suche nach individueller Schuld. Doch die Verantwortung ist strukturell verteilt. Jeder hat nur einen Teil entschieden, niemand das Ganze. Am Ende bleibt Fahrlässigkeit, nicht System. Besonders deutlich wird diese Logik bei migrantischen Arbeitskräften. Ein erheblicher Teil der Beschäftigten stammt aus Osteuropa oder Drittstaaten. Sie arbeiten häufig in befristeten Konstruktionen, mit unsicherem Status und geringer Absicherung. Wer leicht ersetzbar ist, widerspricht nicht. Wer auf Verlängerung hofft, meldet Gefahren seltener. Hier wird soziale Ungleichheit funktional genutzt. Verfügbarkeit erhöht die Verwertbarkeit.
Staatliche Stabilisierung
Der Staat steht nicht außerhalb dieser Ordnung. Er schafft ihre Rahmenbedingungen. Er garantiert Eigentum, Vertragsfreiheit und Wettbewerbsregeln. Das Baugewerbe gilt offiziell als Hochrisikobranche, dennoch bleiben Kontrollen begrenzt. Arbeitsschutzbehörden sind unterbesetzt, Verfahren dauern, Strafen gibt es selten. Das Strafrecht sucht individuelle Schuld, nicht strukturelle Notwendigkeit. Tödliche Arbeitsunfälle führen selten zu Verurteilungen, weil sich Verantwortung in der Fragmentierung verliert. So wird der Tod juristisch zum Einzelfall, obwohl er ökonomisch regelmäßig erzeugt wird. Regulierung greift ein, wo Skandale öffentlich werden. Sie greift nicht so ein, dass die Logik der Verwertung in Frage steht. Bauvolumen, Investitionen und Wachstum gelten als höheres Gut. In dieser Hierarchie hat Schutz nur begrenzten Stellenwert. Kontrolle kostet Geld. Wachstum bringt Geld. Die Entscheidung ist selten schwierig.
Arbeitszeit als Verschleißmechanismus
In dieses Gefüge fügt sich die Debatte um Arbeitszeit nahtlos ein. Wenn Friedrich Merz fordert, in Deutschland müsse »wieder mehr gearbeitet« werden, ist das kein moralischer Appell. Es ist die Forderung nach höherer Intensität der Verwertung. Mehr Arbeitszeit bedeutet auf dem Bau nicht nur mehr Stunden, sondern höhere Belastung, geringere Erholung, steigende Fehleranfälligkeit. Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse belegen den Zusammenhang zwischen Ermüdung und Unfallrisiko seit Jahrzehnten. Doch in der politischen Debatte erscheint Mehrarbeit als Tugend. Müdigkeit gilt als individuelles Versagen. Dass sie strukturell erzeugt wird – durch knappe Kalkulationen und permanente Verdichtung –, bleibt unerwähnt. Der Körper wird behandelt wie eine Maschine, deren Verschleiß einkalkuliert ist, solange der Output stimmt.
Auf der Baustelle entscheidet sich täglich, welchen Wert ein Menschenleben besitzt. Dieser Wert wird nicht abstrakt bestimmt, sondern praktisch: im Verhältnis zwischen Kosten und Ertrag. Solange Gewinn aus Bauprojekten gezogen wird, während das Risiko bei denen bleibt, die oben auf dem Gerüst stehen, wird Gefährdung Bestandteil dieser Ordnung bleiben. Die Toten sind kein Betriebsunfall. Sie sind das Resultat eines Systems, das Rentabilität höher bewertet als Schutz. Niemand muss den Tod wollen. Es genügt, dass seine Verhinderung nicht rentabel ist. Wer arbeitet, trägt das Risiko mit seinem Körper. Wer kalkuliert, trägt es nicht. Das ist keine moralische Schieflage einzelner, sondern Ausdruck eines Klassenverhältnisses. Solange dieses Verhältnis besteht, werden Statistiken geführt, Appelle formuliert und Maßnahmen angekündigt. Gebaut wird weiter. Bis zur nächsten Ausschreibung. Bis zur nächsten Frist. Bis zur nächsten Beerdigung.
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