Sucht und Ordnung
Von Felix Bartels
Wer sein Handy öffnet, wird neuerdings bombardiert mit obskuren Werbereels für ein Abnehmpflaster. Man sieht KI-erzeugte adipöse Krankenpflegerinnen sich ein Pflaster auf den Bauch kleben und dann schlank werden. Das Abnehmpflaster ist die stichlose Variante der Abnehmspritze. Beide geben dem potentiellen Kunden ein Versprechen: Erfolg ohne Mühe. Nicht am Essstörungsverhalten wird gearbeitet, ein Wundermittel soll das Problem lösen. Flugs fällt die vielbeschworene Body Positivity bei jenen, die darauf anspringen, zusammen, es winkt die Chance, grenzenlos zu genießen und dennoch geil auszusehen.
Dieses Muster, Askese zu erhalten, ohne Askese üben zu müssen, scheint nun auch im Bereich des Drogenkonsums etabliert werden zu können. Wie eine Studie zeigt, könnten Abnehmspritzen auf Basis von GLP-1-Wirkstoffen kollaterale Effekte auf Suchtverhalten haben. Bei den Wirkstoffen Semaglutid (Ozempic) und Tirzepatid (Mounjaro) sinkt demnach das Suchtrisiko merklich. Auch Rückfälle und Überdosierungen kommen seltener vor. Und mehr noch: Die Stoffe wirken nicht nur spezifisch gegen Drogen, sie sollen gegen Süchte aller Art effektiv einsetzbar sein.
Sowohl Semaglutid als auch Tirzepatid sind ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt worden, ihre Wirkung auf den Stoffwechsel hat zudem Effekte bei Adipositas. Sie ahmen körpereigene Darmhormone wie das Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) nach und regulieren dadurch den Blutzuckerspiegel und das Hungergefühl. Die Behandlung hilft dadurch beim Abnehmen und gegen Diabetes und fördert die Herzgesundheit. Unklar war bis dato, inwieweit die Stoffe auch bei anderen Süchten wirken. Ein Forschungsteam um Miao Cai vom St. Louis Health Care System in den USA hat nun dahingehend die Gesundheitsdaten von 606.434 US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes ausgewertet, die über drei Jahre hinweg entweder mit GLP-1-Agonisten wie Semaglutid oder mit Tirzepatid behandelt worden waren oder aber ein anderes Diabetesmedikament erhalten hatten. Die Mediziner stellten ihre Ergebnisse im Fachjournal BMJ vor.
Veteranen, die einen GLP-1-Wirkstoff erhielten, entwickelten im Laufe der rund drei Jahre signifikant seltener eine Drogensucht. Ihr Risiko war im Schnitt um 14 Prozent niedriger als das von Testpersonen mit normalen Diabetesmedikamenten. Und dieser Effekt zeigte sich nicht nur gegenüber einer spezifischen Droge, sondern generell. So bei Opioiden (25 Prozent), Kokain und Nikotin (20 Prozent), Alkohol (18 Prozent) und Cannabis (14 Prozent).
Erklärbar ist diese Polyvalenz nicht rein physiologisch. »Präklinische und erste klinische Studien deuten darauf hin, dass die Aktivierung der GLP-1-Rezeptoren die vom Belohnungssystem angetriebenen Verhaltensweisen mindert«, schreibt der nicht an der Studie beteiligte Mediziner Fares Qeadan in einem begleitenden Kommentar.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. März 2026 um 22:12 Uhr)Kennt Monald den GLP-1-Wirkstoff? Wenn, würde er sofort die Impfpflicht dafür einführen und die Drogenkartelle Drogenkartelle sein lassen.
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