Jobkiller Deutsche Bahn
Von Ralf Wurzbacher
Der Güterverkehrssparte der Deutschen Bahn (DB) steht ein personeller Aderlass der Sorte »Todesstoß« bevor. Er wolle hierzulande 6.200 der rund 14.000 Vollzeitstellen abbauen, kündigte der neue Chef von DB Cargo, Bernhard Osburg, am Donnerstag gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) an. Dies soll fast alle Bereiche treffen: Fahrbetrieb, Disposition, Planung, Administration sowie Vertrieb und IT. Die Maßnahmen sind Teil eines »Umstrukturierungsplans«, um damit die seit Jahren hochdefizitäre Konzerntochter wieder in die Gewinnzone zu manövrieren. So zumindest geht die Sprachregelung. Kritiker warnen dagegen vor einer Zerschlagung und werten den Kahlschlag als Hebel, um das Unternehmen für potentielle Käufer attraktiv zu machen.
Beim Bündnis »Bahn für alle« schrillen die Alarmglocken. »Der erneute Versuch, den Frachtbetrieb durch eine Entlassungswelle zu zerstören, konterkariert öffentliche Interessen«, beklagte am Donnerstag Verbandssprecher Carl Waßmuth. »Es wird so getan, als wären Bahn und Umwelt keine Gesamtheit, sondern eine Ansammlung von Firmen, die zur Gewinnerzielung verpflichtet sind – jede Einheit, jeder Baum ein Profitcenter«, sagte er jW. Wolle man allerdings die Klimakatastrophe verhindern, müssten Güter von der Straße auf die Schiene, und das funktioniere nur im Gesamtsystem. »Andernfalls erleben wir noch einmal längere Schlangen von Lkw, die die Autobahnen verstopfen.«
Osburgs sogenannte Strategie hat eine mittelfristige Ausrichtung bis zum Jahr 2030. Vor der Umsetzung braucht es noch einen gutachterlichen Segen, der für Ende Februar erwartet wird. Das Sanierungsprogramm seiner Vorgängerin Sigrid Nikutta war bei der Managementberatung Oliver Wyman krachend durchgefallen, was ihre vor drei Monaten erfolgte Ablösung besiegelt haben soll. Nikutta wollte anfangs 2.300 Arbeitsplätze vernichten, später dann 5.000 bis 2029. Das war offenbar zu sachte, weshalb Osburg einen Tausender draufgesattelt hat. 4.000 Stellen sollen für eine schlankere Verwaltung und Produktivitätssteigerungen im Fuhrpark weichen, 2.000 weitere im Einzelwagenverkehr wegfallen. Das Geschäft, bei dem einzelne Waggons bei Industriekunden abgeholt und zu langen Zügen zusammengestellt werden, gilt als größter Verlustbringer. Wie es heißt, wolle man den Zweig erhalten, aber grundlegend neu aufstellen und dazu die Zahl der Rangierstandorte deutlich reduzieren. Ferner sollen zwölf von 27 Instandhaltungswerken dichtmachen.
Die Zeit wird knapp. DB Cargo muss bis Jahresende auf Geheiß der EU-Kommission schwarze Zahlen schreiben, weil die Konzernmutter deren Verluste nicht mehr ausgleichen darf. Die Vorgabe ist illusorisch, womit eine baldige Veräußerung wie programmiert erscheint. Auch in Frankreich musste sich die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF auf Druck Brüssels von großen Teilen ihrer Güterbahnen trennen. So oder so stehen die Zeichen auf Zerfall, wie auch Heiner Monheim vom Bündnis »Bürgerbahn – Denkfabrik für eine starke Schiene« vermutet. »Die ganze Preisgabe des kleinteiligen Stückgutverkehrs, des regionalen Güterverkehrs ist im Grunde Selbstmord mit Ansage«, sagte er gegenüber jW. Osburgs Plan hat zwei »Säulen« mehr: Wegen schwindender Inlandsnachfrage solle DB Cargo zum »führenden europäischen Schienenlogistiker mit klaren, grenzüberschreitenden Systemlösungen« ausgebaut werden. Punkt vier betrifft die Unternehmenskultur: Er wolle »mehr Verantwortungsgefühl bei den zuständigen Entscheidern in der Fläche«, bemerkte er. Der neue Chef geht mit »gutem Beispiel« voran.
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