Auf Remigrationskurs
Von Nick Brauns
Hunderttausenden Migranten in Deutschland wird die Chance auf leichten Erwerb der deutschen Sprache genommen und damit ihr Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert. Tausende sowieso schon prekär auf Honorarbasis beschäftigte Lehrkräfte bangen um ihre Jobs. Sprachschulen sehen sich in ihrer Existenz gefährdet, Volkshochschulen droht ein Finanzierungsloch. Die vom CSU-geführten Bundesinnenministerium zu Wochenbeginn offiziell bekanntgegebene radikale Streichung von Integrationskursen stößt inzwischen auf wachsenden Protest – nicht nur von Betroffenen, sondern selbst beim sozialdemokratischen Koalitionspartner.
In Integrationskursen werden Migranten Grundkenntnisse der deutschen Sprache sowie der Geschichte, Kultur und Politik in Deutschland vermittelt. Unter der Ampelkoalition wurden diese aus dem Bundeshaushalt finanzierten Kurse für Migranten, die von Behörden zur Teilnahme verpflichtet wurden, auch für freiwillige Teilnehmer geöffnet. Doch im Dezember hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Zulassungen gestoppt, ohne die Kursträger zu informieren. Erst zu Wochenbeginn setzte die Behörde sie darüber in Kenntnis, »aufgrund finanzieller Herausforderungen« im laufenden Haushaltsjahr »bis auf weiteres keinerlei Zulassungen« für freiwillige Teilnehmer an Integrationskursen zu erteilen. Das betrifft Asylsuchende, Personen mit Duldung oder vorübergehendem Schutzstatus, etwa aus der Ukraine, die oft schon jahrelang in Deutschland leben, sowie EU-Bürger.
Ausgeschlossen sind damit mehr als 40 Prozent der laut Bundesregierung 314.300 potentiellen Kursteilnehmer im laufenden Jahr. Es handele sich um Menschen, die bereits hier leben, hier arbeiten wollen und hier bleiben werden, betont der Bundesverband für Integrations- und Berufssprachkurse. »Wenn der Staat über 129.000 integrationswillige Menschen aktiv vom Spracherwerb ausschließt, ist das keine Verwaltungsmaßnahme mehr – das ist der kontrollierte Rückbau staatlicher Integrationsfähigkeit.« Über Jahre aufgebaute Infrastruktur drohte durch Abwanderung von Lehrkräften aus dem Beruf und Standortschließungen irreparabel zerstört zu werden, warnt der Dachverband.
»Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, kündigte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, am Mittwoch an. Seine Partei werde als »sehr selbstbewusster Koalitionspartner« das Gespräch suchen. Schließlich werde hier der deutschen Wirtschaft ein Bärendienst erwiesen. Zuvor hatten bereits Linkspartei und Grüne die Kürzungen scharf kritisiert. »Sprache ist kein Luxusgut, sondern das Fundament«, sagte Mehtap Çağlar, Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, am Mittwoch, womit sie darauf hinwies, dass Deutschkenntnisse der Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und Zugang zum Arbeitsmarkt seien.
Sprach- und Landeskenntnisse sind auch eine Voraussetzung dafür, dass die häufig im prekären Niedriglohnsektor tätigen Migranten sich mit Arbeitskollegen austauschen und gemeinsam für ihre Rechte einstehen können. Eben das zu verhindern, erscheint als ein für das Kapital nützlicher Nebeneffekt der Kurseinsparungen. Hier nur Kürzungspolitik auf Kosten der Schwachen angesichts eines durch gigantische militärische Aufrüstungsprogramme belasteten Haushalts zu sehen, greift indessen zu kurz. Denn wer die Axt gerade an die Integrationskurse anlegt, sendet damit das Signal aus, die von der AfD vorangetriebene Agenda der »Remigration« selbst zu verfolgen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Monika M. aus Hamburg (17. Februar 2026 um 13:16 Uhr)Die Kürzungspolitik im Bereich der Sprachkurse (Deutsch als Fremdsprache; DaF) hat bereits früher angefangen, nämlich doch schon unter der Ampel. Dies betraf zunächst einzelne Kursmodelle (Wiederholerkurse, reine Frauen- bzw. Jugendkurse). Die bereits damals begonnene und durch den Regierungswechsel noch mals verschärfte Asylpolitik führte natürlich auch zum Rückgang an (potenziellen) Kursteilnehmern. Das Schulsterben hat daher schon längst begonnen: So ist der Träger, bei dem ich gearbeitet habe (fits Job-Konzepte), bereits im Mai 2025 in die Insolvenz gegangen und wurde zum Oktober 2025 abgewickelt. Bei aller berechtigten Kritik an dem bisherigen Sprachvermittlungsmodell (ein Integrationskurs besteht aus 600 Stunden, ein Zweitschriftlernerkurs aus 900 Stunden, unabhängig von der einzelnen zu schulenden Person, ihrer Lernfähigkeit oder auch Lernsituation; DaF-Lehrkräfte, die quasi »schnell besohlt wurden« – man wurde vom BAMF noch vor ein paar Jahren regelrecht angefleht, diese Ausbildung zu machen; private Träger, die die Sprachkurse durchführen, und bisweilen auf Masse, statt Klasse achteten etc.) war es doch ein weitgehend funktionierendes, flächendeckendes System der Sprachvermittlung. In einem Vierteljahr wird es Geschichte sein! Kleine skurrile Randnotiz: Die Kosten für die Ausbildung zur DaF-Lehrkraft hat das BAMF bzw. das Arbeitsamt übernommen – und übernimmt sie zum Teil jetzt noch. Da weiß die eine berühmte Hand wieder nicht, was die andere berühmte Hand macht!?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Bernd T. (12. Februar 2026 um 16:53 Uhr)So sehe ich das auch, die CSU + Partner bereiten den Faschismus vor, indem sie mit ihrer Politik die AfD stärken, die dann (als einzige Partei) eine faschistische Massenbasis binden kann.
