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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 16 / Sport
Olympische Winterspiele

»Wir haben noch gar nicht alles ausgepackt«

Über die Arbeit der beiden Spitzensportinstitute FES in Berlin und IAT in Leipzig, letzte Medaillendomänen und ein drohendes Millionendefizit. Gespräch mit Michael Nitsch
Von Andreas Müller
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FES-Direktor Michael Nitsch und ein sehr teurer Fahrradrahmen

Nach dem Mauerfall wurden das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft IAT in Leipzig und das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten FES in Berlin zunächst mit einem Vermerk als »künftig wegfallend« bedacht und sollten liquidiert werden. Wo stünde der Spitzensport heute ohne die beiden »siamesische Zwillinge« da?

Deutlich schlechter. Wenn es uns nicht gäbe, sähe die Medaillenbilanz im olympischen und paralympischen Sport deutlich anders aus. Wo deutsche Athletinnen und Athleten noch regelmäßig und sicher Medaillen gewinnen und dominant sind, dieses Niveau hat dank unserer erstklassigen FES-Sportgeräte vor allem in den materialintensiven Sportarten überlebt, während das IAT traditionell auf den Bereich der »Software« spezialisiert ist. Zum Beispiel auf die Auswertung von Daten zur Trainingssteuerung. Im Verbund mit den Olympiastützpunkten und der Trainerakademie stellen diese beiden Institute so etwas wie das Rückgrat der Unterstützung der Verbände des olympischen und paralympischen Spitzensports dar. Diese Qualität wird von der Politik – anders nach 1989 – mittlerweile nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Vom Sport wird uns diese Wertschätzung schon seit langem entgegengebracht. Allein im vergangenen Jahr hat das FES zwölf olympische Sportarten unterstützt, beim IAT gab es Projekte für 24 olympische Spitzenverbände.

Bei den Winterspielen 2022 in Beijing kam das »Team Germany« im Medaillenspiegel auf Rang zwei hinter Norwegen, wobei das FES an 21 der 27 aller Medaillen direkt beteiligt war. Neun der insgesamt zwölf Goldmedaillen errangen Bobsportler und Bobsportlerinnen, Rennrodler und Rennrodlerinnen sowie Skeletonsportlerinnen und Skeletonsportler. Rechnen Sie für die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo (6. bis 22. Februar) mit einer ähnlichen Medaillenflut im Eiskanal?

Das hoffen wir sehr. Die Niederländer gewinnen die meisten Medaillen traditionell im Eisschnellaufen, die US-Amerikaner im Sommersport im Schwimmen und in der Leichtathletik. Jede Nation hat ihre Paradesportarten, bei uns sind es Bob und Rennrodeln. Was uns nach den Weltcupergebnissen dieser Saison zusätzlich optimistisch stimmt: Wir haben vor den Spielen noch gar nicht alles ausgepackt. Wir wollten der internationalen Konkurrenz keine Chance lassen, bis zu den Spielen noch etwas davon zu kopieren. Ein solcher Überraschungseffekt setzt natürlich voraus, dass insbesondere die Cheftrainer größtmögliches Vertrauen in unsere Arbeit haben. Es ist ziemlich mutig und cool von ihnen, so lange abzuwarten und das beste Material erst beim Saisonhöhepunkt zu präsentieren.

Worauf sind Sie diesmal besonders stolz?

Auf die neue Generation der Zweier- und Viererbobs für Frauen bzw. Männer und die Skeletonschlitten, die samt den dazugehörigen Kufen inzwischen komplett aus FES-Produktion stammen. Vor einigen Jahren hatten diese Sportarten teils noch auf verschiedene Hersteller gesetzt. Heute kommt für sie das gesamte Material – mit Ausnahme im Bereich Rennrodeln, wo es noch eigene Entwicklungen im Bayrischen gibt – aus einer Hand. Dass es keine »getrennten Welten« mehr gibt, macht uns noch stärker und ist nicht zuletzt ein großes Verdienst vom Bobbundestrainer René Spieß.

Beim Skispringen indes scheint die Situation vermaledeit. Ihre IAT-Kollegen haben zum Beispiel die Schanzen in Klingenthal und Oberstdorf teuer mit hochmodernen Sensoren ausgerüstet. Dank neuester Technik kann jede Sequenz vom Anlauf bis zum Aufsprung für Trainer, Trainerinnen und Aktive sichtbar gemacht werden. Trotzdem springen die »Adler« des Deutschen Skiverbandes hinterher.

Auch das FES ist im Skispringen involviert, wir sind zum Beispiel an den Bindungen beteiligt und leisten Zuarbeiten bei der Bekleidung und bei der Messtechnik. Wobei grundsätzlich zu sagen ist: In vielen Sportarten, wo von den IAT-Kollegen Messtechnik eingesetzt wird, sind wir mit an Bord. Zum Beispiel ist es auch im Radsport, Rudern oder Kanurennsport so, dass wir Hand in Hand arbeiten. Das FES liefert die passgenauen Messplätze, das Partnerinstitut wertet die Ergebnisse minutiös aus. Im Skispringen ist es wie in allen anderen Sportarten. Das Know-how allein ist noch kein Erfolgsgarant. Ausrüstung, Sportler, Sportlerinnen und das Team ringsherum müssen als Einheit perfekt funktionieren. Alle Bausteine müssen optimal zusammenpassen. Wir können Athleten und Athletinnen bestmöglich helfen, ihre Wettkämpfe müssen sie allein bestreiten.

Warum gelten im Unterschied zu Firmenlogos aus der freien Wirtschaft fürs FES-Signum auf den Sportgeräten andere Regeln?

Der internationale Bob- und Skeletonverband erlaubt nur noch Firmen, ihr Logo aufzukleben, die ihre Produkte am Markt verkaufen. Das gleicht für uns de facto einem Kennzeichnungsverbot. Wir sind keine privatwirtschaftliche Firma, sondern werden vom Steuerzahler dafür finanziert, dem bundesdeutschen Spitzensport einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Für uns ist das ein Auftrag mit den entsprechenden Konsequenzen. Deshalb kann ich nicht ganz nachvollziehen, dass im deutschen Sport zum Beispiel für Sportstätten andere Regeln gelten als für unser Material. Warum öffnen wir unser nationales Trainingszentrum in Kienbaum für ausländische Teams? Wir haben dieses Zentrum doch für unsere eigenen Athleten und Athletinnen hochmodern ausgebaut und nicht für deren internationale Konkurrenz.

Vielleicht werden auf diese Weise ein paar willkommene Einnahmen für die Betriebskosten generiert. Apropos Finanzen. Im September 2023 hatten Sie gemeinsam mit erfolgreichen Athleten zum Protest gegen eine drohende Etatkürzung aufgerufen. Was haben Sie bewirkt?

Nach dem Haushaltsentwurf für 2024 sollte unser Etat von 9,37 Millionen Euro um 22,3 Prozent schrumpfen. Bei unserem Profil mit eher niedrigen Sachkosten im Vergleich zu den Personalkosten wären am FES im schlimmsten Fall über zwanzig der knapp einhundert Arbeitsplätze verloren gegangen. Der blanke Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass es sich ausschließlich um hochqualifizierte Mitarbeitende handelt, die auf ihren Gebieten absolute Expertise besitzen. Wir haben uns gewehrt, mit dem Resultat, dass aus der geplanten Reduzierung eine Erhöhung wurde. In diesem Jahr liegt unser Gesamtetat zusammen mit dem IAT und seinen 150 Beschäftigten bei 23,4 Millionen Euro. Wir haben die vage Zusage, dass sich daran für 2027 nichts ändern soll. Das große Problem dabei: Es wäre das vierte Jahr in Folge, in dem Tariferhöhungen für unsere Mitarbeitenden, die in den Arbeitsverträgen festgeschrieben und einzuhalten sind, vom Bund finanziell nicht ausgeglichen werden. Bisher haben wir uns mit Umschichtungen und Einsparungen beholfen. Doch inzwischen sind diese Spielräume erschöpft, und beiden Instituten droht, falls es bei diesem Budget bleibt, für das kommende Jahr ein Defizit von über einer Million Euro. Eine Situation für den Haushalt der beiden Partnerinstitute, die für mich völlig unverständlich ist. Sie trifft FES und IAT ausgerechnet in einer Phase, in der mit einer unabhängigen Agentur und einem speziellen Sportfördergesetz sowie einem separaten Staatsministerium der Spitzensport eigentlich vorangebracht werden soll.

Der diplomierte Ingenieur Michael Nitsch wurde Anfang 2019 Direktor des FES. Der heute 60jährige stieß 1992 als Entwicklungsingenieur zum Institut und arbeitete zunächst vornehmlich im Radsport und ab 2000 als Projektleiter für den Bobsport, seit 2003 gleichzeitig als stellvertretender Direktor

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