Wenn die Wirtschaft nicht will
Von Andreas Müller
Klingt viel: 30.000 Euro für Olympiagold statt 20.000 Euro, für olympisches Silber 20.000 Euro statt 15.000 Euro schüttet die Stiftung Deutsche Sporthilfe ab sofort aus. Olympioniken im schwarz-rot-goldenen Trikot, die bei den Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo vom 6. bis 22. Februar um Edelmetall kämpfen, dürften diese Aussichten zusätzlich motivieren. Hinzu kommt, dass diese Zahlungen dank einer Gesetzesänderung ab 2026 erstmals steuerfrei sind. Wer vermeint, die Medaillenprämien werden dank einer bestens gefüllten Sporthilfe-Kasse erhöht, irrt gewaltig. Als Hinweis genügt ein Blick ins Kleingedruckte: Mehr Geld für Gold und Silber gibt’s nur, weil im Gegenzug die bislang üblichen Olympiaprämien für die Plätze vier bis acht entfallen.
Ein klassischer Fall von Umverteilung, der niemanden überraschen kann. Denn de facto ist es so, dass die 1967 begründete Stiftung als Hilfs-, Unterstützungs- und Partneradresse für die Kaderathleten des olympischen und inzwischen ebenfalls des paralympischen Sports seit Jahren leidet. Und zwar an der mangelnden und anhaltend stagnierenden Bereitschaft der privaten Wirtschaft, den Sportlern angemessen unter die Arme zu greifen. Zwar unterstützen gerade rund drei Dutzend namhafte Unternehmen eine Olympiabewerbung von Berlin, Hamburg, München oder der Rhein-Ruhr-Region, über unsere Olympioniken von heute, morgen und übermorgen indes sehen die Firmenbosse zumeist reihenweise desinteressiert hinweg. Ohne etwa 300 Kuratoren, die zusammen traditionell pro Jahr mehr als zwei Millionen Euro aus eigener Tasche aufbringen, wäre die Lage für die Sporthilfe noch fataler.
So sehr spitzte sie sich zu, dass die Stiftung 2018 ihr fünf Jahrzehnte lang gepflegtes Credo über Bord werfen musste, das Budget – ausgenommen Zuschüsse von Sonderbriefmarken und aus Lotto-Mitteln der Glücksspirale – ausschließlich aus privater Hand zu finanzieren. Doch selbst der »Sündenfall« brachte nicht die erhoffte Wirkung. Monatlich 1.500 Euro für die im »Topteam« geförderten Athleten und 1.000 Euro für sämtliche im »Potentialteam« – diese Summen bleiben trotz üppiger staatlicher Zuschüsse ein frommer Wunsch. Dafür fehlt’s an spendabler Mithilfe von Unternehmen und Privatpersonen.
In den vergangenen acht Jahren sprang deshalb der Bund der Sporthilfe-Stiftung mit deutlich über 55 Millionen Euro zur Seite. Allein für 2025 sprudelten aus der staatlichen Quelle 8,5 Millionen Euro für die »unmittelbare Athletenförderung« bzw. für den Förderbereich »Duale Karriere«. Selbst vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) lässt sich die Stiftung inzwischen gern alimentieren, 2025 mit 1,75 Millionen Euro. In ihrem letzten offiziell verlautbarten Geschäftsbericht von 2023 wird darauf verwiesen, Athletinnen und Athleten mit insgesamt 20,7 Millionen Euro direkt finanziell gefördert zu haben. In dieser Summe enthalten waren 9,4 Millionen Euro »aus öffentlichen Mitteln entsprechend den Vorgaben des Bundesverwaltungsamtes«. Ein dezenter Hinweis darauf, dass die hohen staatlichen Zuwendungen von der Sporthilfe inzwischen wie selbstverständlich erwartet und eingepreist werden, ja, dass ohne diesen Zufluss von seiten der Steuerzahler das vielschichtige Fördersystem für die etwa 4.000 Sportlerinnen und Sportler vom Nachwuchstalent bis zu den ganz Großen vermutlich nicht aufrechtzuerhalten wäre. An einen finanziell attraktiveren Rahmen mit höherer monatlicher Unterstützung ist unter diesen Umständen nicht zu denken – es sei denn, zum Beispiel das »Wirtschaftsbündnis pro Olympia« entdeckt diese Stiftung als ihren natürlichen Partner. Es wäre für mehr als 4.000 Akteure ein Segen. Aktuell gehören der ersten Förderkategorie insgesamt 549 Athletinnen und Athleten an (davon 176 aus dem Wintersport) und der zweiten Kategorie 1.243 Akteure (davon 114 aus dem Wintersport). Die größte Gruppe verkörpert das »Talentteam« mit 2.235 Nachwuchskadern, davon 465 aus dem Wintersport. Heißt in summa: Gefördert werden momentan 755 Akteure aus dem Bereich »Eis und Schnee« und 3.272 im Sommersport und in den Ballsportarten.
Weil sich die Wirtschaft zurückhält, würde man sich in der Sporthilfe-Zentrale vom längst ausgehöhlten Prinzip, Athletinnen und Athleten ausschließlich mit privatem Geld zu fördern, am liebsten noch weiter entfernen und das vormalige Prinzip komplett auf den Kopf stellen. So jedenfalls der Denkansatz, den Karsten Petry als Sporthilfe-Vorstand für Marketing, Vertrieb und Events vielsagend formulierte. »Um den deutschen Spitzensport nachhaltig zu stärken, braucht es eine deutlich engere Abstimmung zwischen Sport, Wirtschaft und Gesellschaft – und vor allem die gezielte Erweiterung privater Fördermittel als Ergänzung zur staatlichen Unterstützung.« Demnach sollen die Millionen vom Bund in naher Zukunft die Finanzen der Sporthilfe mit ihren aktuell rund 50 Mitarbeitern nicht mehr nur dauerhaft aufbessern und deren Haushalt konsolidieren helfen. Mehr noch. Öffentliches Geld soll künftig sogar den Löwenanteil des Sporthilfe-Budgets garantieren.
Wer die Rechnung nach diesem Prinzip aufmacht, hat sich nicht nur von der Ursprungsidee der Stiftung gründlich verabschiedet. Wer eine Sporthilfe präferiert, bei der privates Geld die staatlichen Zuschüsse nur mehr aufpeppen und abrunden und ergänzen soll, der rüttelt an den Existenzgrundlagen dieser verdienstvollen Einrichtung. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, zunehmend auf immer mehr Steuergeld angewiesen und damit versorgt, untergräbt auf diese Weise ihren Charakter und ihre Daseinsberechtigung als autarkes Förderinstitut. Mit einem derart veränderten Profil ist die Stiftung auf dem besten Weg, unters Dach der künftigen nationalen Spitzensportagentur zu geraten als »Fachabteilung für Athletenförderung«. Mit der neuen Zuordnung könnte überdies ein zuletzt erstaunliches Missverhältnis zwischen Aufwand und Nutzen sein Ende finden. 2022 wurden von der Sporthilfe eigenen Angaben zufolge 6,3 Millionen Euro für Akquise, Aktionen, Events und Kooperationen ausgegeben sowie weitere 2,8 Millionen Euro fürs eigene Personal und den Geschäftsbetrieb in der Zentrale in Frankfurt am Main. Mithin wurden mehr als neun Millionen Euro eingesetzt, denen in Cash 20,2 Millionen Euro an direkter finanzieller Athletenförderung gegenüberstanden. Effizienz buchstabiert sich anders.
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