»Welt-Trump-Forum«
Von Jörg Kronauer
Die Zukunft, die die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos vor sich sehen, scheint düster. Das zeigt der neue Global Risks Report, ein Bericht, den das Forum jährlich publiziert und der, gestützt auf eine Umfrage unter mehr als 1.300 Führungskräften und Experten, die größten weltweiten Gefahren für die kommenden Jahre identifizieren helfen soll. Auf Platz eins steht dieses Jahr zumindest für einen mittelfristigen Zeitraum die »geoökonomische Konfrontation« – sprich: die Wirtschaftskriege, die die transatlantischen Mächte und vor allem die USA angezettelt haben. Auch deren Folgen, etwa drohender ökonomischer Niedergang, werden als hochgefährlich eingestuft. Das gilt auch für die Begleiterscheinungen dieser und anderer Konflikte – etwa für Cyberattacken und für Desinformation. Mit halbwegs stabilen Verhältnissen rechnen für die absehbare Zukunft gerade einmal zehn Prozent. 50 Prozent sagen für die Zeit bis 2028 »turbulente« oder »stürmische« Verhältnisse voraus, sogar 57 Prozent für die Zeit bis 2036.
Unter anderen Umständen stünden beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum andere Themen stärker im Vordergrund. Mirek Dušek, geschäftsführender Direktor des Forums, der für das Programm des Events in Davos zuständig ist, konstatierte gegenüber dem Handelsblatt: »Die wirtschaftliche Dynamik rund um künstliche Intelligenz ist enorm.« Neben riesigen ökonomischen Chancen stehen freilich auch große Gefahren, vor allem auf längere Sicht; so stufen es jedenfalls die Führungskräfte und Experten ein, die sich für den Global Risks Report befragen ließen. Rangieren negative Auswirkungen der künstlichen Intelligenz (KI) laut ihrer Einschätzung für die Zeit bis 2028 auf der Rangliste der Risiken noch recht weit hinten, so gelten sie ihnen für die Jahre bis 2036 schon als fünftgrößte Gefahr überhaupt. Klar: Die Bedeutung der KI – und damit die Notwendigkeit, sie wie auch die mit ihr verbundenen Gefahren stärker zu thematisieren – wächst rasant.
Der steigende Einfluss der KI- bzw. der IT-Branche insgesamt spiegelt sich auch in der personellen Zusammensetzung des Weltwirtschaftsforums. »Früher haben die Bankenchefs Davos dominiert«, berichtete zu Wochenbeginn bei N-TV die Finanzexpertin Sandra Navidi. Zuletzt jedoch hätten »die Techgiganten aus den USA enorm an Bedeutung gewonnen«. Sie prägten »zunehmend das Programm«. Neben 65 Staats- und Regierungschefs und fast 400 weiteren Regierungsmitgliedern – bei mehr als 3.000 Teilnehmern aus 130 Staaten – nehmen diesmal Techbosse von Satya Nadella (Microsoft) über Alex Karp (Palantir) bis zu Jensen Huang (Nvidia) an den Debatten teil. Auch die Chefs von KI-Unternehmen wie Anthropic oder Google Deepmind sind vertreten. Die Techmilliardäre, deren Reichtum weiter rasant wächst, gelten als Treiber einer weltweit steigenden sozialen Ungleichheit, die und deren Folgen zynischerweise im Global Risks Report als größte globale Zukunftsgefahren eingestuft werden.
An diesem Mittwoch wird US-Präsident Donald Trump in Davos erwartet. Berichten zufolge könnte er dort die Mitgliederliste seines geplanten »Friedensrats« für Gaza vorstellen, der eine neue Fremdherrschaft über den Gazastreifen koordinieren soll. Trump will sich darin offenbar den Vorsitz und ein Vetorecht sichern. Beobachter warnen, der US-Oligarch wolle den »Friedensrat« womöglich zu einer Institution ausbauen, die den UN-Sicherheitsrat ersetzen soll. Er wird voraussichtlich mit der größten US-Delegation anreisen, die das Weltwirtschaftsforum jemals besucht hat, darunter mehrere Milliardäre, die – wie Finanzminister Scott Bessent und Handelsminister Howard Lutnick – offizielle US-Regierungsposten innehaben, aber auch solche aus seinem Clan oder seinem Freundeskreis, die informell in Washington mitregieren wie Jared Kushner oder Trumps Sonderbeauftragter Steve Witkoff. Der US-Präsident habe das Weltwirtschaftsforum »mit seiner Agenda regelrecht gekapert«, urteilte N-TV-Expertin Navidi. In der Schweiz ist bereits von einem »Welt-Trump-Forum« die Rede.
Das bezieht sich darauf, dass Trumps Anwesenheit das diesjährige Davos-Event schon jetzt dominiert – insbesondere wegen der zahllosen Konflikte, die seine Regierung losgetreten hat oder in die sie verwickelt ist und über die nun verhandelt werden könnte. Dazu gehört nicht zuletzt die Auseinandersetzung um Grönland, das Trump den USA einverleiben will – wenn nötig mit militärischen Mitteln. Navidi riet im Handelsblatt, die EU müsse »geschlossen und bestimmt auftreten«: »Wenn die Geschichte eines gezeigt hat, dann, dass diejenigen, die sich nicht verteidigen, übernommen werden.« Verhandelt werden soll in Davos nicht zuletzt über den Ukraine-Krieg – und dies, obwohl die Organisatoren wie bereits zuvor keine Repräsentanten Russlands in die Schweizer Alpen eingeladen haben. Spekulation bleiben muss einstweilen, ob Trump sich mit dem Anführer der britischen Ultrarechtspartei Reform UK, Nigel Farage, treffen wird – ähnlich wie Vizepräsident JD Vance am Rande der Münchner »Sicherheitskonferenz« 2025 AfD-Chefin Alice Weidel empfing. Farage, dessen Partei in Umfragen klar führt, ist im Moment dabei, seine Kontakte in die internationale Business- und Politelite zu stärken, die seine Partei zu bekämpfen vorgibt, und kommt deshalb erstmals nach Davos.
Hintergrund: WEF vor Umbrüchen
Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) in Davos befindet sich aktuell in einem Umbruch. Das hat zum einen personelle, zum anderen strukturelle Gründe. Erstere haben damit zu tun, dass Klaus Schwab, der das WEF 1971 gründete – damals als European Management Forum in zunächst kleinem Rahmen –, im vergangenen April das WEF verlassen hat. Vorausgegangen waren Vorwürfe, er habe mehrere Frauen sexuell belästigt, übermäßige Profite aus dem WEF gezogen und in der Organisation ein Klima entstehen lassen, das Insider als »toxisch« beschrieben. Schwab stritt alle Vorwürfe stets ab. Als sein Nachfolger Peter Brabeck-Letmathe, als einstiger Vorstandschef von Nestlé gewiss kein naiver Idealist, im August 2025 wegen der offenkundig vergifteten Atmosphäre beim WEF ebenfalls die Brocken hinschmiss, fragten manche, ob das Forum überhaupt noch eine Zukunft habe.
Das wiederum lag auch daran, dass das WEF aus Sicht so manches Teilnehmers seine Einzigartigkeit zu verlieren begann. In Europa machte ihm mehr und mehr die Münchner »Sicherheitskonferenz« die Aufmerksamkeit streitig, die zwar thematisch ein völlig anderes Feld beackerte, aber ebenfalls immer mehr Prominenz an einem Ort versammelte. Darüber hinaus gewannen andere Foren an Bedeutung. Insider verwiesen unter anderem auf Saudi-Arabiens Future Investment Initiative (FII), das »Davos in der Wüste«, das 2025 zum neunten Mal in Riad stattfand. Mit zuletzt rund 20 Staats- und Regierungschefs sowie etwa 150 Managern von Konzernen wie Goldman Sachs oder Blackrock ist die Veranstaltung zwar noch viel kleiner als das WEF, hat aber ihr Potential längst nicht ausgeschöpft. Auch in China erlangen Zusammenkünfte von Lobbyorganisationen immer mehr an Bedeutung, so etwa das Boao Forum for Asia, das zuweilen als »asiatisches Davos« bezeichnet wird.
Das diesjährige WEF versammelt trotz aller Widrigkeiten neben 65 Staats- und Regierungschefs rund 850 Wirtschaftsbosse, verspricht also aus Sicht seiner Teilnehmer, zu einem Erfolg zu werden. Dies wird allgemein dem neuen WEF-Interimsvorsitzenden zugeschrieben: Blackrock-Chef Larry Fink. Seiner starken Stellung in den Washingtoner Netzwerken soll es zu verdanken sein, dass US-Präsident Donald Trump seine Teilnahme am WEF zugesagt hat und dass Silicon Valley-Milliardäre 2026 zahlreich vertreten sind. Fink hat freilich angekündigt, er wolle den Job höchstens für zwei Jahre übernehmen und möglichst bald den Staffelstab weitergeben. Er spricht sich öffentlich dafür aus, dass ihm nach dem Ende ihrer Amtszeit bei der Europäischen Zentralbank deren Chefin Christine Lagarde nachfolgt. (jk)
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