Eine schrecklich erfolgreiche Familie
Von Gabriel Kuhn
Spannung ist anders. Vor der diesjährigen Vierschanzentournee der Skispringer (vom 28. Dezember bis 6. Januar) ging man von einem Zweikampf zwischen den beiden Dominatoren der bisherigen Weltcupsaison, dem Slowenen Domen Prevc und dem Japaner Ryoyu Kobayashi, aus. Aus diesem Zweikampf wurde nichts. Kobayashi kam beim Auftaktspringen in Oberstdorf nicht über Platz sechs hinaus und schaffte es nur beim Abschlussspringen in Bischofshofen mit Rang drei aufs Podest. In der Gesamtwertung der Tournee belegte er Rang fünf, noch hinter seinem Landsmann Ren Nikaido, der in Innsbruck sein erstes Weltcupspringen gewann. Prevc hingegen siegte in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen so überlegen, dass die Tournee praktisch schon entschieden war. In Innsbruck und Bischofshofen legte er mit zweiten Plätzen nach und brachte die Schäfchen locker ins Trockene. Durch die beiden zweiten Plätze blieb Prevc etwas versagt, das bisher nur Sven Hannawald (2002), der Pole Kamil Stoch (2018) und Kobayashi (2019) schafften, nämlich die Tournee mit vier Einzelsiegen zu gewinnen.
Für die Springer des Deutschen Skiverbandes (DSV) lief es wie erwartet. Die Senkrechtstarter Philipp Raimund (SC Oberstdorf) und Felix Hoffmann (SWV Goldlauter) erwiesen sich als genauso solide wie schon die gesamte Saison: Beide klassierten sich in jedem Springen unter den Top zwölf, für den großen Wurf reichte es jedoch nicht. Es schaute letztlich nur ein Podestplatz heraus, und zwar für Felix Hoffmann beim Auftaktspringen in Oberstdorf als Dritter. In der Gesamtwertung landete Hoffmann auf Rang sechs, Raimund wurde Achter.
Am anderen Ende des Spektrums die Routiniers Andreas Wellinger (SC Ruhpolding), Karl Geiger (SC Oberstdorf) und Pius Paschke (WSV Kiefersfelden). Wellinger und Geiger schafften es nie ins Finale der letzten 30, Paschke erreichte seine beste Plazierung in Garmisch als 21. Bleibt zu hoffen, dass der ein oder andere vor den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo im Februar noch in Form kommt. Die deutschen Skispringer sind bei Großveranstaltungen im Mannschaftswettbewerb eigentlich eine Medaillengarantie, unter den gegebenen Umständen wird es gegen Slowenien, Österreich und Japan jedoch schwierig.
Für Diskussionen sorgte während der Tournee wieder einmal das Material. Nach dem Skandal bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Trondheim im März 2025, als ein geheim eingespieltes Video das norwegische Team gezielter Manipulationen der Sprunganzüge überführte, wurde dieses Mal der Slowene Timi Zajc für einen zu langen Sprunganzug disqualifiziert – und das gleich zweimal! Der Ausschluss von der gesamten Tournee war die Folge. Zunächst wurde Zajc nach seinem zweiten Platz in Oberstdorf disqualifiziert, und dann in Garmisch, bevor der Wettbewerb überhaupt losging. Der Chefkontrolleur des Internationalen Skiverbands, Mathias Hafele, hatte ihn in Garmisch mit einer ungewöhnlichen Kontrolle am Morgen überrascht.
Für Laien mag es lächerlich erscheinen, einen Springer für einen Anzug zu disqualifizieren, der, wie in Zajcs Fall, um drei Millimeter zu lang ist, doch alle Experten sind sich einig, dass die zusätzliche Auftriebsfläche, die dadurch im Schritt entsteht, zu längeren Weiten führen kann. Nach den peinlichen Vorfällen bei der WM in Trondheim gab es kaum jemanden, der Zajc zur Seite sprang. Der vierfache Skisprungweltmeister und jetzige TV-Experte Martin Schmitt meinte zur doppelten Regelverletzung schlicht: »Ich finde es frech.«
Nicht viel besser sah es bei der Two Nights Tour der Frauen aus, die parallel zur Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen und Oberstdorf ausgetragen wurde. In Garmisch wurde die Norwegerin Anna Odine Strøm für das Tragen einer Extrasohle disqualifiziert. Auch das vergrößert die Auftriebsfläche im Schritt, da dieser dadurch sinkt. Dass Strøms Extrasohle nicht im Schuh, sondern in ihrer Socke gefunden wurde, legt eine bewusste Manipulation nahe. »Materialdoping« ist im Skispringen ein geflügelter Begriff. Die Verantwortlichen des norwegischen Teams sahen es freilich nicht so. Strøm plage seit einem Sturz in Engelberg 2023 ein Hüftproblem, was das Tragen der Extrasohle notwendig mache. Ein ärztliches Attest wurde nachgereicht, und tatsächlich, in Oberstdorf durfte Strøm wieder an den Start gehen. Man hatte sich auf einen Kompromiss geeinigt: Die Extrasohle darf dabei sein, ist aber im Schuh und nicht in der Socke zu tragen.
Den Sieg in der Two Nights Tour holte sich die Slowenin Nika Prevc. Wem der Nachname bekannt vorkommt, der täuscht sich nicht: Es handelt sich um die jüngere Schwester von Domen Prevc, dessen älterer Bruder Peter Prevc 2016 die Vierschanzentournee gewann. Eine ganze Familie als Überflieger.
Nika Previc gewann die Two Nights Tour zum dritten Mal – öfter wurde sie auch noch nicht ausgetragen. Die deutschen Teilnehmerinnen hielten sich gut, vor allem Selina Freitag (SG Nickelhütte Aue). Als Zweite von Garmisch und Dritte von Oberstdorf landete sie in der Two-Nights-Tour-Gesamtwertung auf Rang zwei. Agnes Reisch (WSV Isny) und Katharina Schmid (SC Oberstdorf) belegten die Ränge neun und zehn.
Wenige Tage vor der Two Nights Tour gab die siebenfache Weltmeisterin Schmid (ehemals Althaus) ihren Rücktritt vom Wettkampfsport nach Saisonende bekannt. Das ist auch deshalb schade, weil Schmid damit ein Ereignis verpassen wird, für das sie jahrelang gekämpft hat: die Vierschanzentournee auch für Frauen. Kurz vor der diesjährigen Tournee gaben die Veranstalter in Innsbruck bekannt, dass man sich mit dem Österreichischen Skiverband und dem Land Tirol auf den Bau einer Flutlichtanlage im Bergisel-Stadion geeinigt hatte. Auch der Bund hilft mit, die dafür veranlagten fünf Millionen Euro zu stemmen. Die Anlage soll es auch in Innsbruck ermöglichen, dass Männer und Frauen an denselben Tagen springen, womit einer gemeinsamen Tour logistisch nichts mehr im Wege steht.
Damit steigen auch die Chancen auf einen neuerlichen Sieg bei der Vierschanzentournee für den DSV. Vielleicht holen die Frauen die Kastanien aus dem Feuer. Seit Sven Hannawalds Triumph 2002 gab es nämlich keinen deutschen Sieger mehr. Mit 24 Jahren ist die derzeitige Durststrecke die mit Abstand am längsten währende für Skisprungdeutschland in der Geschichte der Tournee. Vor allem als es die DDR noch gab, wurde mit Siegen nicht gegeizt. Im Skisprungsport damals klar das bessere Deutschland.
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