Fichten atmen auf
Von Felix Bartels
Von »List der Vernunft« spricht Hegel, wo das handelnde Subjekt einem Zweck dient, den es nicht begreift. Analog ließe sich von einer List der Natur sprechen, wo etwa der Borkenkäfer die Monokultur Nadelwald korrigiert. Der reine Nadelwald war ein Kunstprodukt, weil Nadelholz für die industrielle Verarbeitung geeigneter ist als Holz von Laubbäumen. Streift man heute zum Beispiel durch die Sächsische Schweiz, sieht man bereits mehr als ein Mordor. Aus dem schwarzen Meer toter Nadelbaumstümpfe erhebt sich langsam ein bunter Mischwald. Der Borkenkäfer hat natürlich keine Ahnung, was er da tut. Er knabbert bloß gern unter Rinden.
Dass sein Appetit seit etwa 2018 zur mitteleuropäischen Plage werden konnte, hat mit dem Klimawandel zu tun, der die Fichtenbestände schwächt. Was dem Käfer mit seiner Fähigkeit, Abwehrstoffe der Bäume zu eigenen Abwehrstoffen umzuwandeln, entgegenkommt. Die dabei entstehenden Derivate schützen ihn vor Krankheitserregern. Wie dieser Prozess genau funktioniert – und umgangen werden kann –, hat nun eine Forschungsgruppe um Ruo Sun und Jonathan Gershenzon vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena analysiert.
Fichten produzieren zur Abwehr schädlicher Pilze phenolische Glykoside, die besonders hoch in derjenigen Rindenschicht konzentriert sind, die Borkenkäfer bevorzugt besiedeln. Buchdrucker (Ips typographus) heißt die Borkenkäferart, die in Fichten haust und wütet. Nach der Analyse der Adaption des Käfers untersuchten die Forscher die Wirkung der Abwehrstoffe auf den Pilz Beauveria bassiana, der Käfer und andere Insekten befällt. Der Pilz wird der Studie zufolge häufig als biologisches Bekämpfungsmittel anstelle herkömmlicher Insektizide eingesetzt. Bisherige Versuche, ihn gegen die Borkenkäferplage einzusetzen, waren erfolglos geblieben. Den Forschern gelang jedoch, zwei Pilzstämme zu identifizieren, die Käfer in den Fraßgängen befallener Bäume oder unter Laborbedingungen getötet hatten. Beide Stämme gehören zum Beauveria bassiana.
»Obwohl dieser Pilz in der Vergangenheit bei der Bekämpfung von Borkenkäfern nicht sehr wirksam war, fanden wir Stämme, die Borkenkäfer auf natürliche Weise infiziert und getötet hatten«, erläuterte Sun im Fachjournal Proceedings. Die beiden Stämme konnten das Abwehrmittel der Käfer in zwei Schritten umbauen und somit entgiften. Die dabei entstehenden Methylglukosid-Derivate sind für den Pilz unschädlich. »Wir haben gezeigt, wie ein Borkenkäfer die Abwehrsubstanzen eines Baumes nutzen kann, um sich gegen seine eigenen Feinde zu verteidigen. Da jedoch einer der Feinde, der Schlauchpilz Beauveria bassiana, die Fähigkeit entwickelt hat, diese antimikrobiellen Abwehrstoffe zu entgiften, kann er den Borkenkäfer erfolgreich infizieren und dem Baum so im Kampf gegen die Borkenkäfer helfen«, fasst Gershenzon die Ergebnisse zusammen.
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vom 06.01.2026