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Aus: Ausgabe vom 27.04.2016, Seite 10 / Feuilleton

Bis zur letzten Patrone

Von Wiglaf Droste

Bis zur letzten Patrone«, das klingt nach Alamo, nach »Führerbefehl« und Stalingrad, aber seitdem ich wieder mit dem Füller schreibe, hört sich die Sache für mich ganz anders an. Lange Zeit hatte ich den Füller gemieden; Füller war Schule, es gab die Pelikan-Fraktion mit der weicheren und die Geha-Fraktion mit der härteren, spitzeren Feder, ich probierte und verwendete beide, aber nach der Schule war es dann gut mit der Füllerschrei­berei, die Uncoolness der Schule war auf den Füller übergegangen, und so wurde und war beides in einem Aufwasch erledigt.

Es kam die Zeit der Kugelschreiber, die es sogar als Vierfarbkulis gab; auch Filzstifte, Filzer genannt, kamen zum Einsatz. Die Zeichnergruppe Rattelschneck folgte in ihren Anfängen der Maxime, dass alles mit einem billigen Bic-Kuli gezeichnet werden können müsse und solle.

Als ich eine Fotografie des großen Zeichners und Dichters Fritz Weigle alias F. W. Bernstein sah, der mit Feder, Gänsekiel und Tintenfass ausgestattet arbeitet, war ich schwer beeindruckt; ihm zumindest stand das ausgezeichnet, es sah kein bisschen aufgesetzt, affektiert oder gewollt aus, es war exakt sein Werkzeug. Auch mein Freund Vincent Klink ist ein Mann der Feder; wenn er in Sütterlin auf Büttenpapier schreibt, das er in einer uralten Schraubpresse selber herstellt, ist das nicht minder kunstvoll als alles, was dieser Stuttgarter Sternekoch am Herd vollbringt.

So kehrte ich zum Füller zurück. Als ich ihn, nicht teuer und zusammenschraubbar, mit einer Schachtel Patronen kaufte, fühlte ich mich wie Kevin Kline in dem großen Western »Silverado«, der in einen Waffenladen stürzt und einen Colt und Munition kauft, weil es ohne beides für ihn nicht weiterginge. Als die Verkäuferin mich fragte, ob ich »Großraumpatronen« wolle, betrachtete ich sie eingehend, bekam sündige Gedanken und sagte schnell: »Nein, nicht nötig, ganz normale.«

Die Formulierung »bis zur letzten Patrone« erinnert daran, dass Schreiben eben auch eine Kampfkunst ist. Mit zwei Füllern in feinen, schmalen Lederholstern links und rechts an den Hüften, einem gekreuzten Doppelgurt voller Patronen vor der Brust und zu schnellem Ziehen und treffsicherem Schreiben bereit: So schreitet der Verteidiger der alten Schule in die Welt, und wer ihm allzu dumm kommt, dem kommt er klug, schreibt ihn in Klump, schraubt seinen Füller wieder zu, betritt einen Saloon und genehmigt sich ein Gläschen Tinte.

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