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Aus: Ausgabe vom 14.02.2013, Seite 3 / Schwerpunkt

Moderne Finanzalchemie

Aus Scheiße Gold zu machen, ist seit dem Mittelalter der Traum aller Alchemisten. Im Oktober 2011 hatte Paul Moran dies mit Hilfe eines elektrischen Heizlüfters sogar wortwörtlich versucht und dabei sein Apartment im nordirischen Enniskillen in Brand gesteckt, weshalb der Schwachkopf wegen Brandstiftung ein Verfahren an den Hals bekam. Dank moderner Finanzalchemie funktioniert mittlerweile, was im Mittelalter selbst den größten Zauberern nicht gelungen ist. Einzige Voraussetzung für den Erfolg ist die Verschwiegenheit aller Beteiligten. So ist es für die Öffentlichkeit ein ausgenommener Glücksfall, daß im Rahmen des jüngsten Skandals um die italienische Banca Monte dei Paschi die Geheimformel bekannt wurde, mit der 2011 absolute »Schrottpapiere«, die niemand mehr anfassen wollte, zu ihrem Nennwert, also ohne Verluste für das Geldhaus in Siena, in nagelneue Euro transformiert wurden.

Der »Hexenmeister«, der bei diesem Verwandlungsprozeß den Zauberstab schwang, war niemand anders als der derzeitige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi (Foto), der 2011 Leiter der italienischen Zentralbank gewesen war. Wie das Wallstreet Journal am vergangenen Samstag berichtete, steckte die Monte-dei-Paschi-Bank damals in einer akuten Liquiditätskrise. Eine Refinanzierung bei der EZB war nicht mehr möglich, weil die Bank nur noch »Schrott« als Sicherheiten zu bieten hatte. Um die Bank vor der Verstaatlichung zu retten, nahm der große Alchemist und Zentralbankchef Draghi die Schrottpapiere zum Nominalwert entgegen und tauschte sie gegen italienische Schatzbriefe im Wert von zwei Milliarden Euro ein. Die waren zwar eigentlich auch nichts mehr wert. Aber die EZB hatte im Rahmen der Euro-Rettung die Schatzbriefe aller Mitglieds­länder zu erstklassigen Sicherheiten erklärt. So konnte die Paschi-Bank mit Hilfe der italienischen Schatzbriefe ihren Schrott bei der EZB in zwei Milliarden neue Euro verwandeln.


(rwr)

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