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Leserbrief zum Artikel Faschismustheorien: Die Mär vom doppelten Nolte vom 10.06.2020:

Ergänzungen

In seiner Replik auf meinen Artikel über Ernst Nolte (jW vom 18.5.2020) wirft Dr. Phillip Becher meiner faschismustheoretischen Arbeit vor, dass sie zur Abrüstung der Linken »im ideologischen Kampf« beitrage. Doch damit zäumt er das Pferd von hinten auf: Nicht die Theorie ist schon Waffe im antifaschistischen Kampf, sondern sie soll erst dabei helfen, Waffen zu entwickeln. Die theoretische Debatte immer gleich als ideologisches Kampffeld aufzufassen, wie es P. Becher anscheinend tut, führt in dogmatische Unfruchtbarkeit. Anders als P. Becher denke ich, dass die »ideozentrischen«, also ideengeschichtlichen Ansätze der Faschismustheorie ergänzend neben soziologische, psychologische, praxeologische und mentalitätsgeschichtliche Analysen der faschistischen Massenbasis treten können. Die ideozentrischen Theorien erfassen nämlich besonders gut den »absichtsvoll-programmatischen Aspekt der faschistischen Ideologie« (P. Becher). Dadurch können sie helfen, dieser Ideologie noch entschiedener und wirksamer zu begegnen. Die ideozentrischen Theorien sollen und können die marxistische Faschismusforschung von Kurt Gossweiler, Reinhard Kühnl, Reinhard Opitz, Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker und anderen keineswegs ersetzen oder verdrängen. In meinem jüngst veröffentlichten Buch »Faschismustheorien. Überblick und Einführung« nehmen marxistische Ansätze übrigens den meisten Raum ein.

Noch einmal zu Ernst Nolte: Meine Einschätzung dieses Rechtsintellektuellen, gegen die P. Becher faktengestützt argumentiert, basiert auf Noltes 1963 veröffentlichtem Buch »Der Faschismus in seiner Epoche«. Unbestreitbar übte Nolte hierin scharfe und kluge Kritik am Faschismus, trotz seiner laut P. Becher schon damals nachweisbaren profaschistischen Tendenz. Nolte liefert zudem Hinweise darauf, wie aus dem revolutionär-marxistischen Führer Mussolini der faschistische Führer Mussolini werden konnte. Dafür sollten sich Faschismusforscher*innen interessieren, denn der »Duce« blieb ja nicht der letzte Überläufer. Übrigens geht P. Becher auf diejenigen Punkte bei Nolte, die ich in meinem Artikel als mögliche Bereicherung kritischer Gesellschaftsforschung benannt hatte, gar nicht inhaltlich ein. Ihm reicht offenbar aus, Nolte als ideologischen Gegner einzustufen – der Nolte ja auch war.
Mathias Wörsching