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Leserbrief zum Artikel Nuklearwaffenpolitik: Mit der Bombe leben vom 12.05.2020:

Neuer kalter Krieg

Ob es mir nun gefällt oder nicht: Egon Krenz im heutigen »Abgeschrieben« hat völlig recht. Die Rede von Frank-Walter Steinmeier ist sehr bedauerlich. 15mal das Wort »Deutsche«, »Deutschland« zu verwenden und nicht ein einziges Mal das fast von Deutschen ausradierte Land Polen mit zu benennen, erschüttert. Ganz zu schweigen von dem bitterst über Tausende von Kilometern mit Feuer überzogene Russland. Nur mit in sich selbst hineinschauenden Gedanken zu jammern und zu wehklagen, wie schuldig die Deutschen waren, reicht nicht, Herr Steinmeier. Der Kniefall von Willy Brandt in Warschau war ein Anfang – aber mehr auch nicht! Ein Gang nach Moskau, gleichnamig mit dem Gang nach Canossa, ist der Weg. Nur 15mal Deutschland auszurufen in einer Gedenkrede für Frieden und Freundschaft im Jahre 2020 zum 8. Mai und zum 9. Mai beschämt. Das ist ein Kniefall vor den Rechten! Es kommt in Erinnerung: Deutsche haben noch lange nicht die Einsicht gewonnen, die größten Kriegsverbrecher der Weltgeschichte gewesen zu sein! Als am 8./9. Mai 1945 der Krieg beendet war, haben mehr als 80 oder 90 Prozent der Deutschen eine Bitternis in sich getragen, aber doch nur, weil die Naziziele nicht erreicht wurden! Auslöschung aller andersseienden, andersdenkenden Menschen. Das wird noch Generationen dauern, bis sich hier etwas positiv verändert hat. Norman Paech hat es auf den Themenseiten auf den Punkt gebracht: So wie Franz Josef Strauß es bereits 1962 plante, den Deutschen die Macht über die Atombombe zu verschaffen, glauben Politiker auch immer noch, und hier sogar SPD-Vertreter, dies sei allerwichtigst. 1962 gab es eine Gruppe von Menschen in Hamburg, die nicht davor zurückgeschreckt wären, die damaligen Strauß-Phantasien zu verhindern! Scholz und Maas abtreten! Norman Paech zitiert: Merkel und Heusgen hätten nichts von einer Neutralisierung der Teilhabe an Atomwaffen gehalten. Von Bundeskanzlerin Merkel ist nicht mehr viel geblieben. »AKW abschalten und Flüchtlingen helfen«, das waren damals hehre Ziele. Norman Paech wird in seinem Text sehr deutlich, wenn er schreibt, dass andere Länder sich freuen würden, »wenn Deutschland aus der nuklearen Teilhabe ausscherte«. Wir haben keinen Mut mehr für eine positive Zielsetzung. Könnte es sein, dass z. B., Polen und Russland sich dann einen dauerhaften Frieden mit Deutschland vorstellen würden?
Die rechten Morde in Hanau und anderswo sind erschütternd, aber auch Beweis dafür, dass Menschen in diesem Land ihre Vergangenheit immer noch nicht ausreichend verarbeitet haben. Nehmen wir einmal an, 1945 waren in diesem Land noch 80 Prozent der Menschen Nazis. Was hat die Rede von Steinmeier dann bis heute erreicht? 15mal Deutschland. Das ist 14mal Deutschtümelei zuviel. Einmal »D« als Hausnummer reicht vollkommen! Der letzte Satz in der Steinmeier-Rede ist allerdings positiv zielorientiert: »Der 8. Mai war nicht das Ende der Befreiung.« Es gehört natürlich auch der 9. Mai dazu, der Tag der Kapitulationsunterzeichnung der Deutschen gegenüber der damaligen Sowjetunion in Karlshorst – oder passt das nicht in die heutige Zeit des »neuen kalten Krieges?«
Gerd Weißmann, Regesbostel
Veröffentlicht in der jungen Welt am 15.05.2020.