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Leserbrief zum Artikel »Fridays for Future«: Alle für den Klimaschutz vom 13.03.2019:

Schluss mit dem Konsumterror!

Die Forderung »CO2-Werte senken!« ist ein Arrangement mit der schlechten Wirklichkeit. Die Klimakatastrophe ist die gerechte Antwort auf den Völkermord der reichen an den armen Ländern. Wer Milliarden hungern lässt, um sich selber zu überfressen und mit Luxus zuzumüllen, hat nichts anderes verdient. Sinnlosen Überfluss zu produzieren erfordert genau diesen Preis. Der CO2-Ausstoß ist nicht Ursache, sondern Folge des Problems. Das Problem sind die Wegwerfgesellschaft, der Konsumterror, die Diktatur des Profitzwangs, die die Herstellung unsinniger, überflüssiger Dinge erzwingt, deren Produktion das Übermaß an CO2 erzeugt: nicht der CO2-Ausstoß ist das Problem, sondern der Quatsch, bei dessen Produktion er entsteht. Nicht der CO2-Ausstoß, sondern der Luxus, in dem die reichen Länder leben, muss verringert werden, ganz vorne dabei Deutschland. Dann erledigt sich das CO2-Problem von alleine. Würden nur zehn Prozent der heutigen Menge von Autos produziert, bräuchte es nur zehn Prozent der Energie, die für den Autoirrsinn gebraucht wird, und die Kohlekraftwerke müssten mangels Bedarf geschlossen werden.
Abstrakt und ohne Anklage der Ursache die Verringerung des CO2-Ausstoßes zu fordern, zäumt das Pferd vom Schwanz auf und lenkt von den verantwortlichen Verursachern ab. Wenn ein Bruchteil der Menschheit meint, satt mit Kreuzfahrtschiffen in die Länder dampfen zu müssen, in denen Menschen (ver-)hungern, sollte er auch dazu stehen, dafür Millionen von Menschen mit CO2-erzeugenden Kriegen und CO2-erzeugender wirtschaftlicher Erpressung zu überziehen. Dass am Ende er selbst oder spätestens seine Kinder vom CO2-Ausstoß umgebracht werden, muss er dann schon in Kauf nehmen. Sich bei Rewe, Lidl, Edeka oder Aldi mit 1.000 verschiedenen Sorten von hübsch verpacktem, gezuckertem Weißmehl einzudecken und von Outletshop zu Outletshop zu düsen, um sich hinter von im Elend lebenden Kindern genähten Klamotten zu verstecken und gleichzeitig Verringerung des CO2-Ausstoßes zu fordern, ist verständlich, aber unmöglich. Wenn hier Jugendliche klagen, dass sie in 50 Jahren ersticken werden, anstatt zu fordern, dass die gleichaltrigen Kinder und Jugendlichen in Bamako, Dakar oder São Paulo heute nicht ersticken, bleiben sie leider genau die gleichen Kriegsgewinnler wie die Verursacher des CO2-Ausstoßes selbst:
Allein die Beendigung der Ausbeutung dieser Länder heute wird die Luft morgen sauber machen.
Zu fordern, den CO2-Ausstoß zu verringern, anstatt aufzuhören, zur Befriedigung der Gier nach Überflüssigem den Rest der Menschheit zu terrorisieren, ist ein Versuch, nicht für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezahlen zu müssen. Wer wirklich die CO2-Werte senken will, muss die Umwandlung der Markt- in Nutzwirtschaft fordern. Erst wenn nur noch Dinge produziert werden, die wirklich gebraucht werden, wird der für ihre Produktion nötige Energiebedarf so niedrig sein, dass er mit nachhaltigen, die Umwelt nicht zerstörenden Mitteln erzeugt werden kann. Solange Wirtschaft primär dazu dient, keine produktive Arbeit leistenden Aktionären Profite zu ermöglichen, kann man bis zum Ende aller Tage an CO2-Höchstwerten herumschrauben, es wird sich nichts ändern. Der CO2-Ausstoß wird vor allem durch die Rindfleischproduktion erzeugt. Dafür sind aber nicht die Konsumenten verantwortlich, sondern die Produzenten. Wer in zwei oder drei Jobs malochen muss, damit er seine Kinder satt bekommt, hat keine Zeit und kein Geld, ökologisch zu essen, und stopft sich auf dem Weg von der einen zur anderen Arbeit eben einen Burger rein. Praktisch und moralisch verantwortlich dafür sind die, die anderen Menschen diese Arbeit aufzwingen und dann nichts anderes anbieten als antibiotisch vergiftete Burger: beides, um ihre Milliardengewinne noch mehr zu erhöhen. Nicht der Konsument muss auf Burger verzichten, sondern die Profiteure auf ihre Gewinne. Nur wenn sie das tun, muss der Rest der Menschheit weniger arbeiten und kann gesünder essen. Wer wirklich den CO2-Ausstoß verringern will, muss die Verantwortlichen für seine Erzeugung, nämlich die Produzenten der Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, anklagen: McDonald’s, Coca-Cola, Nestlé, hier BMW, Siemens, Airbus etc. Sie sind es, die mit Hilfe von Politik und Medien Konsumterror zum Naturgesetz erklären. Ihre profitorientierte Wirtschaftspolitik muss beendet werden, dann erledigt sich das CO2-Problem von alleine. Wer wirklich den CO2-Ausstoß verringern will, sollte die Verantwortlichen für seine Erzeugung, also alle von Aktien, Kapitalerträgen und wahnhaften Börsennotierungen lebenden Profiteure, als das verstehen, was sie objektiv sind: Menschen, denen man helfen muss. Zu denken, dass Geld sich selbst vermehren kann, ist eine zerstörerische kollektive Geisteskrankheit, die geheilt werden kann und muss.
Wer wirklich den CO2-Ausstoß verringern will, sollte fordern, die in allen Religionen verbotenen Zinsen endgültig abzuschaffen sowie alle Aktiengesellschaften und Börsen zu schließen. Wer behauptet, diese Forderungen seien unrealistisch, sollte sich bewusst machen, dass die legalen Drogenbarone, ganz gleich, ob sie ihr Geld mit der Sucht nach Autos, vergifteten, abhängig machenden Lebensmitteln oder Internet-Apps verdienen, niemals bereit sein werden, auf ihre CO2 erzeugenden Raubzüge zu verzichten, solange nicht die Gesellschaft, Politik, Medien und Kirchen dem von ihnen zu verantwortenden Massenelend bis hin zum Massenmord ein Ende setzen.
Christof Wackernagel, Ottobrunn
Veröffentlicht in der jungen Welt am 15.03.2019.