25.08.2017, 20:00:02 / Sommer des Widerstands

Dahin, wo es besser ist

Giuseppe Favas Roman »Bevor sie Euch töten« examiniert die real ­existierende Dystopie des Kapitalismus im Sizilien der Nachkriegszeit

Von Anselm Lenz
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Einfach nur noch weg. Dahin, wo es besser ist. Das ist die Hoffnung der vier Banditen wider Willen, Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele. Sizilien versinkt in der Gewalttätigkeit der Verhältnisse. Die vier wollen nach Venezuela, wo zumindest schon mal ein anderes Denken vorherrscht. Dort soll es auch Frauen geben, die von der Knute des Katholizismus befreit sind. Keiner der vier weiß, ob diese Reise jemals umsetzbar sein wird. Aber woran soll man sich festhalten, wenn ganz Sizilien von einem Kartell des Schweigens und der Gewalt regiert wird.

Zunächst einmal sind es die Berge auf der Insel Sizilien, in denen sich die vier versteckt halten. Der Mussolini-Faschismus liegt am Boden, die deutschen Truppen sind geschlagen oder haben sich verschanzt. Amerikaner und Briten bombardieren die Insel in Grund und Boden. Drumherum laugen Großgrundbesitzer und Mafiaclans das Land aus und verfolgen Kommunisten. Streiks in der Schwefelindustrie und den Steinbrüchen auf der Insel werden mörderisch niedergeschlagen und verfolgt.

Arbeiter und Bauern hauen sich auch noch gegenseitig die Rübe ein, weil sie auf der fruchtbaren Insel um die bloße Existenz zu konkurrieren haben. Die Bande der vier wird aus der Not der Verhältnisse und der Evidenz des Unrechts zu Untergrundkämpfern. Unter der oberflächlichen Herrschaft der wechselnden militärischen Okkupanten auf der Insel behalten Kapitalisten und Mafia die Kontrolle über die Inselbevölkerung. Das Regime der Omertà und – verallgemeinerbar – das Schweigen über Unrecht und Ungleichheit sind das Geheimnis des sizilianischen Kapitalismus. Dem sizilianischen Volk hat es bis heute die Sprache verschlagen.

Gibt es denn Hoffnung? »›Jawohl, mein Herr!‹ antwortet Michele. ›Wenn ein Mensch von niemandem abhängig ist, das ist Würde! Wenn niemand ihn zwingen kann, in den Krieg zu ziehen, wenn er nicht einmal weiß, wofür, und man sagt ihm, es wäre für sein Vaterland oder den Glauben. Wenn er nicht gezwungen ist, aus Hunger zu stehlen oder zu töten, seine Freunde zu verraten und fortgesetzt nach einem Herrn zu suchen, der ihn besser bezahlt, bis sein Gewissen schlimmer stinkt als Scheiße. Wenn der Mensch frei und ohne Lüge leben kann: Das ist Würde!‹«

Der Journalist und Dramatiker Guiseppe Fava hat den Kapitalismus in seinem Wesen nachgebildet. Die Insel Sizilien mit ihren riesigen, fast unbesiedelten Tälern im Inland, verschlossenen Käffern mit archaischen Strukturen, der antiken Geschichte und Architektur, den Handelsstädten an der Küste und einer Produktion, die auf totaler Ausbeutung basiert, geben die Elemente des Versuchslabors ab. Der Roman erschien 1976 auf Italienisch. Die kräftige, einleuchtende Sprache des Autors hat Peter O. Chotjewitz kongenial übersetzt.

Unionsverlag Zürich, 354 Seiten, 14,95 Euro.

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