10.02.2017, 20:57:57 / Ja, die gibt's noch!

»Die junge Welt ist meine Zeitung«

Die LPG junge Welt eG begrüßt den 2.000 Genossen, der mithilft, unsere finanzielle Basis zu sichern. Ein Gespräch mit Bernd Stiller

Von Claudia Wrobel
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Glückwunsch Herr Stiller, Sie sind der 2000. Genosse der LPG junge Welt eG. Wie kam es dazu, dass Sie sich entschieden haben, einzutreten?

Ich lese die junge Welt mittlerweile seit drei Jahrzehnten, vielleicht auch schon seit vier. Vom inhaltlichen Angebot ist sie genau das, was meinem Seelenleben entspricht. Insofern ist das Abo, das ehrlich gesagt finanziell ja auch nicht ohne ist jeden Monat, die eine Sache. Aber ich wünsche mir sehr, dass die junge Welt auf dem deutschen Zeitungsmarkt vertreten bleibt. Und mir ist klar, dass das ein täglicher, monatlicher, jährlicher Kampf ist. Seitdem ich beruflich mal wieder eine Projektstelle erwischt habe und es mir deshalb nun leisten kann, war für mich klar, die junge Welt mit einem Genossenschaftsanteil zu unterstützen. Erst mal mit dem ersten, alles andere sehen wir dann nächstes Jahr.

Solche Ankündigungen freuen uns natürlich ganz besonders.

Von meiner Frau kam zu dem Thema weitere Genossenschaftsanteile nur eine Frage: »Warum bekommst nur du welche? Warum ich nicht auch einen?« Ist ja auch unser gemeinsames Geld.

Wie haben Sie in all den Jahren die Veränderungen der Zeitung erlebt?

Auch vor 1990 war die junge Welt ein Versuch, vor allem die Jugend anzusprechen. Sie war immer ein bisschen anders. Dass sie sich nicht ganz von den Umständen frei machen konnte – wer will ihr das nachtragen? Ansonsten gibt es an den heutigen Umständen genug zu kritisieren und das nicht mit dem Geschrei, auf das man zunehmend trifft, sondern mit Hintergrundinformationen, mit Analysen, auch mit einem Schuss Humor. Ich lese zum Beispiel gerne die Texte von Wiglaf Droste. Und morgens als erstes immer den jeweiligen Mann oder die Frau oder den Trump des Tages auf Seite 8. Es baut mich auf, wenn ich merke, dass andere ähnlich in den Tag starten. Oder auch die Hinweise auf das Fernsehprogramm, etwa auf »Die Anstalt« oder die »Heute-Show«. Manchmal merkt man es an den kleinen Sachen: Die junge Welt ist meine Zeitung.

Lustig, dass Sie Wiglaf Droste ansprechen. An den Leserbriefen merken wir: Kaum etwas polarisiert so sehr wie er. Die Leser lieben ihn oder mögen seine Beiträge absolut nicht. Dazwischen gibt es wenig.

Vielleicht ist das etwas, was man erst wieder lernen muss: Auszuhalten, dass sich die Lebensweisen ausdifferenzieren. Das erleben wir ja auch gesellschaftlich jeden Tag. Schade ist nur, dass auf der anderen Seite dadurch so viele Blödköpfe entstehen. Als Meteorologen haben wir es da zum Beispiel oft mit Anhängern von Chemtrails zu tun, die uns jeden Kondensstreifen als Angriff der Amerikaner verkaufen.

Das ist kein alltäglicher Beruf. Wie haben Sie sich für den entschieden?

Ich bin Jahrgang 1955 und habe in den 70er Jahren Meteorologie studiert, weil das ein Fachgebiet war, auf dem ich Mathematik praktisch anwenden konnte. In den 80ern bin ich dann ins Berufsleben eingestiegen, in dem ich zwei deutsche Armeen erlebt haben: die NVA und die Bundeswehr. Ich habe als Meteorologe für die Wettervorhersage der Luftstreitkräfte gearbeitet. Danach ging es beruflich in verschiedene Städte, ich habe Gutachten geschrieben, was man so macht, um die Miete zu zahlen.

Natürlich ist ein Job zum einen der schnöde Broterwerb, aber darauf kann man sich ja nicht immer zurückziehen, wenn er mit der eigenen Moral kollidiert. Wie war es für Sie, mit Ihrem politischen Hintergrund für die Bundeswehr zu arbeiten?

1990 war die Bundeswehr noch keine Armee im Einsatz, vor allen Dingen nicht im Auslandseinsatz. Während der Vereinigungsphase sind sich die Angehörigen beider Armeen auf Augenhöhe begegnet. Zwar haben wir festgestellt, dass wir deutlich öfter am Wochenende in der Bereitschaft saßen, aber dafür hatten die Bundeswehr-Angehörigen ja auch Nach­teile, durften etwa keine Ostbesuche machen. Innerhalb der Bundeswehr herrschte durchaus noch der Gedanke: Wir sind keine Angriffs-, sondern eine Verteidigungsarmee. So ließ sich das für mich vereinbaren. Wobei man anerkennen muss, dass die junge Welt schon zu der Zeit die Entwicklungen ganz genau verfolgt hat. Sie hat schon früh darauf hingewiesen, dass der Bau von Brunnen und das Entsenden von Ärzten genau dahin führen wird, wo wir heute sind. Auch ich bin nach wenigen Jahren aus dem Bundeswehrverband ausgetreten, weil das nicht mehr meine Welt war und ist.

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