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Unvergessen ihre Neujahrsansprache 2014, in der sie davon sprach, dass das DDR-Regime die Kinder in Furcht aufwachsen ließ.

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Sie schaffte das

Und konnte nicht anders: Der staatsbürgerlich wertvolle, weil glänzend kritiklose Dokumentarfilm »Merkel – Macht der Freiheit«

Nicht immer ist es schlimm, wenn es nicht überraschend oder originell wird: Wer zum Friseur geht, möchte im Zweifel die Frisur vom letzten Mal, und wer ins Kino geht, um »Merkel – Macht der Freiheit« zu sehen, möchte auf dem Heimweg nicht denken, Mensch, die Freiheit, von der im Titel die Rede ist, was meint die eigentlich? Für wen gilt und wer bezahlt die?

Nein, wer »Merkel – Macht der Freiheit« sieht – man beachte den fehlenden Artikel! –, will hören, was man schon weiß und immer wieder hört: dass Freiheit ist, wenn die Stasi nicht klingelt, und dass das allerdings reichen muss. Gleich eingangs schneidet der Film die Kanzlerin, die in Harvard auftritt, und Donald Trump gegeneinander, der die Mauer zu Mexiko will. Auch diese Botschaft ist leicht verdaulich: Merkel, diese Freiheitsmacht, die von hinter der Mauer kommt, ist die Demokratie und der aufgeklärte Geist selbst, während Trump, na ja, und im direkten Vergleich stimmt das sogar. Versteht man unter Demokratie die bürgerliche, die das Eigentum schützt, den Kapital- und Warenverkehr sichert und für Rechtssicherheit sorgt, ist Merkel, der Anthony Blair Ideologiefreiheit und fehlenden Egoismus attestiert, schon darum eine Idealdemokratin, weil sie hinter diese Demokratie völlig zurückgetreten ist. Ein »Dienstverständnis in protestantischer Tradition« bescheinigt ihr die Freundin Annette Schavan, Korruptions- und Skandalfreiheit der Journalist Robin Alexander, einen Politikstil fern des »barock« Männlichen der Autor Bernd Ulrich. Dafür hat man Merkel geliebt und gewählt, denn Politik, das wissen Deutsche, ist ein schmutziges Geschäft, und wer darin sauber bleibt, der macht im Zweifel keine; aber wenn sich die Politik von selbst macht (oder von der Wirtschaft gemacht wird), dann macht das auch nichts.

Politik im engeren Sinne hat Merkel, dieses freundliche Gesicht des Kapitalismus, vielleicht nur zweimal betrieben: als sie, mit dem legendären Artikel in der FAZ, Helmut Kohl von der Kante schubste und als sie sich 2015 weigerte, die Grenzen zu schließen. Wer noch einmal die Bilder vom in die Höhe wachsenden ungarisch-serbischen Grenzzaun sieht und den Faschisten Orban, wie er die Angelegenheit zu einem »deutschen Problem« erklärt, der kann sagen: Doch, das hat sie richtig gemacht, und wer immer jetzt deswegen hier und in Sicherheit ist, wird es unterschreiben. Dass sich unter Merkel der europäische Außengrenzschutz, Stichwort Frontex, munter brutalisiert hat, steht nicht auf einem anderen Blatt, sondern auf der Rückseite des nämlichen.

Preis des Wohlstands

Natürlich musste Merkel so handeln, weil sie aus der DDR war und Grenzzäune also nicht akzeptieren konnte, wie überhaupt alles an ihr auf ihre bolschewistische Sozialisation zurückzuführen ist. Ohne die hätte sie schon mal nicht Physik studiert, wo sie, sagt sie in einer Talkshow, »nicht lügen« musste, und ohne das Physikstudium könnte jetzt Hillary Rodham Clinton nicht das Leitartikelklischee von Merkels sagenhafter naturwissenschaftlicher Herangehensweise aufwärmen, die freilich darin bestand, an Heikles lieber nicht heranzugehen, sei es Hartz IV oder die Abhängigkeit von russischem Billiggas. (Die sei der Preis des Wohlstands gewesen, sagt im Film der Spiegel-Journalist und Merkelianer Dirk Kurbjuweit, und hat er nicht recht?) Der Journalistin Franziska Augstein, die im Film nicht auftritt, war vor Jahren schon aufgefallen, dass sich Merkels Rede von der DDR mit den Jahren immer mehr der westlichen angeglichen habe; als in einer frühen Talkshow ein Journalist behauptet, Merkels Vater, der freiwillig eine Pfarrstelle in der Uckermark angetreten hatte, habe ihr, der Tochter und gebürtigen Hamburgerin, ins Leben »hineingepfuscht«, reagiert sie noch mit Irritation und Unverständnis. Davon bleibt späterhin nicht viel mehr als – beim Großen Zapfenstreich – »Du hast den Farbfilm vergessen«.

Das sind so die Momente, die der Film von Eva Weber hat, der, was wohl als Geste der Objektivität gedacht ist, ohne Off-Kommentar operiert und sich im übrigen ganz seiner Leit- und Titelidee verschreibt, und es ist immer wieder erstaunlich, wie naiv und undialektisch Leute verfahren, die sich für Kreative halten, aber bloß Fans sind. Was etwa die Nazis und aufgepeitschten Kleinbürger, die Flüchtlingsbusse angriffen und die Kanzlerin an den Galgen wünschten, mit der (kapitalistischen) Freiheit zu tun haben, als deren Hüterin Merkel inszeniert wird, interessiert den Film nicht; immerhin darf eine US-amerikanische Journalistin Merkels Aufstiegsgeschichte als freiheitlich-manichäisches »Märchen« dekonstruieren, in dem der Osten der böse Wolf ist. Die Kinderarmut in unserem »tollen Land« (Merkel) steigt allerdings seit Jahren so stetig wie die Obdachlosigkeit, und der Film, eine deutsch-dänisch-britische Koproduktion, weiß, warum er Innenpolitisches lieber nicht anfasst, gibt ja auch keine guten Bilder. Seine Originalitätshöhe markiert der Einfall, zum Mauerfall die Scorpions »Wind of Change« spielen zu lassen, und zu Bildern von Merkels Jahren an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften darf die Westberliner Band Ideal singen: »Ich steh’ auf Berlin«.

Reine Überbaustelle

Wer den Weg von Helmut Kohls unbeholfen-kuhäugigem »Mädchen« zur aufgeräumt-selbstironischen Altkanzlerin verfolgen will, wird gut bedient, und ein klassisch schöner Merkel-Satz, gefallen vorm Antrittsbesuch in Russland, ist auch dabei: »Ich begrüße alle auf unserem, äh, schönen Flug.« Wer naiverweise mehr erwartet, wird enttäuscht, denn Demokratie ist in »Merkel – Macht der Freiheit«, dessen Eignung für den staatsbürgerlichen Unterricht außer Frage steht, eine reine Überbaustelle, auf der sich Demokratinnen und Demokraten einig sein sollen, dass Demokratie besser ist als Diktatur und Freiheit in der Möglichkeit besteht, jederzeit so nach Kalifornien zu fliegen, wie es Merkel nach der Wende getan hat. 40 Prozent der Deutschen verfügen heute über keinerlei Rücklagen, was die Freiheit zum Kalifornienflug eventuell doch einschränkt. Die US-amerikanische Medal of Freedom, die Barack Obama Angela Merkel verleiht, geht nicht trotzdem in Ordnung, sondern pfeilgrad deswegen.

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