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Höllenrussen

Die zu mehr als 80 Prozent von der US-Regierung finanzierte Nichtregierungsorganisation »Freedom House« förderte einst sogenannte Dissidenten im Sozialismus, heute teilt sie jährlich die Welt in freie und unfreie Länder ein. In ihrer Freiheitsliste für 2021 erhalten die USA 83 von 100 Punkten, Russland 20. Das ist berechtigt. Denn in den Vereinigten Staaten sitzen zwar laut dem jüngsten vom Birkbeck College der Londoner Universität veröffentlichten »World Prison Brief« vom Dezember 2021 pro 100.000 Einwohner 629 Menschen im Knast – einsame Spitze – und in Russland 326. Aber dort schmoren sie im Inferno, denn das ist laut Dirk Kurbjuweit überall, wo Russland draufsteht. Das schreibt der Autor im Spiegel-Hauptstadtbüro am Montag in »Die Lage am Morgen«. Für ihn ist die »Freedom House«-Bewertung nämlich Tatsache wie die unbefleckte Empfängnis: »Die Krim, von Russland 2014 annektiert, liegt bei einem Wert von sieben. Der östliche Donbass, der sich unter russischem Einfluss mit Waffengewalt von der Ukraine abgespalten hat, wird mit vier bewertet, nur einen Punkt besser als Nordkorea. Russischer Einfluss führt auf einen Weg in Richtung Hölle.«

Also fragt der Mann aus dem Deutschland- und Relotius-Magazin: Was reden Amis und Höllenrussen überhaupt mit­einander? Und wozu? Kurbjuweit: »Schon die Verhandlungen sind im Prinzip absurd, müssen aber sein, weil man alles tun muss, um einen Krieg zu verhindern.« Kurbjuweit genehmigt den Widersinn, obwohl er weiß: »Die Fiktion dabei ist, dass amerikanischer und russischer Einfluss irgendwie vergleichbar sein könnten.« Denn wenn US-Bomber zu einem Völkermord starten – Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan –, lassen sie unvergleichliche Bomben fallen. Von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zu schweigen. Für Kurbjuweits vergleichende Empfindsamkeit und Ästhetik haben die Russen einfach nichts zu bieten.

Mit denen müssen die Deutschen sowieso ganz anders umgehen, schreibt Sergey Lagodinsky, 1975 in einer jüdisch-russischen Familie in Astrachan geborener Grünen-EU-Abgeordneter, am Donnerstag in einem Gastbeitrag in der FAZ. Reden mit Moskau – nun ja, aber nur, weil der Russe es erzwungen hat: »Die neue Rolle des Kremls als globa­ler Gesprächs­part­ner ist erpresst und erzwun­gen. Aber sie entspricht seinem Stör­po­ten­ti­al.« Im Vergleich zu Kurbjuweits Herrenreiterattitüde gegenüber den östlichen Steppen- und Waldbewohnern in ihrem engen Knast, der sich über elf Zeitzonen erstreckt, ist Lagodinsky militärtechnisch um eine Epoche weiter. Er redet gewissermaßen nicht vom Gaul herab, sondern etwas schnarrend wie aus der Kommandokanzel eines Kettenfahrzeugs. Das liest sich so: »Gerade Deutsch­land verwech­selt die Größe als Mittel­macht mit einer Fixie­rung als Mitt­ler­macht … Rich­tig ist, dass wir als größtes euro­päi­sches Land die EU zusam­men­hal­ten müssen … Wer inter­na­tio­nal ernstgenommen werden will, muss Posi­ti­on bezie­hen.«

Und die ist: Deutsche Waffen für die Ukraine. Wer Nazikollaborateur Stepan Bandera, den verdienten Juden- und Polenmörder, als Nationalhelden feiert, wo dessen Geburtstag seit 2019 gesetzlicher Feiertag ist, da gibt es lediglich das Randproblem: »Es kann selbst­ver­ständ­lich nicht um die Bewaff­nung bis unter die Zähne gehen, aber durch­aus um eine ausge­wo­ge­ne, kluge Unter­stüt­zung gegen Angrif­fe von außen.« Lagodinsky schreibt von »glaubwürdigen Hebeln«.

Die aber haben nur »wir«. Daher dürfen die Amis zwar mit den Russen reden – wegen Krieg und so, aber Misstrauen bleibt. Denn die Grünen wissen: Die Moskowiter müssen letztlich mit Hilfe bewaffneter Bandera-Fans ausgehebelt werden. Hat schon mal fast geklappt.

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