75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 17. Januar 2022, Nr. 13
Die junge Welt wird von 2602 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €

Leserbrief verfassen

Betr.: Artikel Feierabends ein Träumchen

Artikel »Feierabends ein Träumchen« einblenden / ausblenden

Feierabends ein Träumchen

Dunkle Essenz der Easyness: Das neue Album von Robert Plant und Alison Krauss

Am 10.12.2007 hält es Robert Plant nur wenige Minuten auf der Aftershow-Party im Londoner O2 aus. 20 Millionen Tickets hätten wohl Led Zeppelin für ihr Reunion-Konzert verkaufen können, 20.000 wurden schließlich verlost für ihren triumphalen Gig in Greenwich. Doch während McCartney, Jagger und Co. backstage auf den Sänger, den »Golden god« warten, um mit ihm anzustoßen, sitzt der schon im Taxi – nur weg aus Londons Südosten, in das vertraute, nördlicher gelegene Viertel Chalk Farm, in die Marathon-Bar, eine Kebab-Stube, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Eine halbe Flasche Wodka und einen Hummus-Teller lässt Plant sich ins Hinterzimmer bringen und genießt, in Ruhe gelassen von den üblichen Nachtgestalten, in Stille das tatsächlich gelungene Reunion-Konzert (»Kashmir«!) und seinen zwei Monate zuvor veröffentlichten Folk-Blues-Blue­grass-Coup mit Alison Krauss: »Raising Sand«, der später fünf Grammys bringen sollte.

Zum Zeitpunkt dieses Stairway-To-Heaven-And-Taxi-To-Camden-Abends ist das neueste Projekt ja noch ganz frisch: »Raising Sand«, die unwahrscheinliche Verbindung von Rockgott Plant mit der filigranen Eleganz in ­Alison Krauss’ Stimme, von der Plant abguckt. An jenem Abend in Greenwich ging er noch einmal ran wie in alten Tagen, röhrte und poste wie damals. Das Konzert lief gut und irgendwann von selbst. Doch Plants Herz hängt längst an »Raising Sand«.

Bald tourt er mit dem Album und versprüht live – ich sehe ihn im Mai 2008 in Düsseldorf – tonnenweise Freude aus dem Halbfeld. Krauss ist der eigentliche Star dieser Abende. Die Band ist auf Platte wie live hochkarätig: T Bone Burnett als Produzent und Bandleader, Buddy Miller als Leadgitarrist, auch Stuart Duncan an allerlei Klampfen, der wunderbare Jay Bellerose an den Drums, Dennis Crouch am Kontrabass. Plant scheint mehr als dreißig Jahre nur darauf gewartet zu haben, diesen neuen Sound, die Verschmelzung von Folk und Rock (1971 schon angelegt in »The Battle of Evermore« im Duett mit ­Sandy Denny), probieren zu dürfen. Wir probierten mit – vor und auf der Bühne und im Rang fand sich nur noch Pipi in den Augen.

Und nun sind schon wieder 14 Jahre seit »Raising Sand« vergangen. Plant hat die Frucht nicht restlos ausgequetscht, hat statt dessen Allzumenschliches gemacht, ist gereist und umgezogen, hat mit anderen und immer wieder anders kollaboriert und Fußball gespielt, wenn er zu Hause in Wales war (fester Wochentermin: Five-a-Side, der Hallenhobbykick – na ja, womöglich macht er das jetzt nicht mehr).

Und dann haben Krauss und Plant so ab 2019 wieder Bock und Zeit, den Faden von »Raising Sand« aufzunehmen und weiterzuspinnen. »Raise the Roof« kam dabei rum, eine nahezu nahtlose Fortsetzung des Vorgängeralbums. Wiederum produziert von T Bone Burnett; wieder hat er Bellerose und Crouch und Miller dabei, dazu noch Bill Frisell, Marc Ribot und David Hidalgo an den Gitarren – Russ Pahl streichelt die Pedal Steel. Der Sound ist manchmal fast zu makellos, wirkt nicht in jeder Stimmung, morgens z. B. beim Wachwerden ist er zu gediegen und glatt. Aber feierabends, wenn man reif ist für Feinheiten aus guten Kopfhörern – ein Träumchen.

Krauss und Plant wechseln sich wie auf dem Vorgänger im Leadgesang ab. Höflich schleicht sich die jeweils zweite Singstimme in den Song. Nur den Eröffnungs- und den Schlussong singen Plant und Krauss durchgängig gemeinsam, und die beiden so unterschiedlichen Stimmen reiben sich und heben gemeinsam ab. »Quattro (World Drifts In)« ist der Eröffnungstrack, im Original von Calexico. Dazu gibt es Versionen von Songs der Everly Brothers, von Lucinda Williams, Merle Haggard oder Allen Toussaint, aber auch Abgelegeneres wie eine 1930er-Country-Blues-Nummer von Geeshie Wiley (»Last Kind Word Blues«) oder britischen Folk: Anne Briggs (»Go Your Way«, Lead­gesang Plant) und Bert Jansch (»It Don’t Bother Me«, Leadgesang Krauss). Sowohl Plant als auch Krauss gelingt es, die dunkle Essenz der im Original so easy daherkommenden Nummern freizulegen. Nur das eine oder andere überlange Outro stört. Und der einzige neu geschriebene Song, »High And Lonesome« ist zwar feiner Folk, in dem es brodelt und köchelt, der Funke aber schlägt nicht über.

Das Dach, wie der Titel »Raise The Roof« suggerieren mag, hebt nicht ab. Die düster-lockere Art von Erhabenheit, die Plant und Krauss ausstrahlen, muss nicht durch die Decke krachen, um sich zu enfalten. Ein Hinterzimmer reicht.

Leserbriefe müssen redaktionell freigeschaltet werden, bevor sie auf jungewelt.de erscheinen. Bitte beachten Sie, dass wir die Leserbriefe Montags bis Freitags zwischen 10 und 18 Uhr betreuen, es kann also einige Stunden dauern, bis Ihr Leserbrief freigeschaltet wird.

Sie erklären sich damit einverstanden, dass wir dessen Inhalt ggfls. gekürzt in der gedruckten bzw. Online-Ausgabe der Tageszeitung junge Welt und in sog. sozialen Netzwerken wiedergeben können. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung. Die junge Welt behält sich Kürzung Ihres Leserbriefs vor.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette (einblenden / ausblenden)

Netiquette

Liebe Leserin, lieber Leser,

bitte beachten Sie die folgenden Hinweise für Ihre Beiträge zur Debatte.

Ihr Leserbrief sollte sich auf das Thema des Artikels beziehen. Veröffentlicht wird Ihr Beitrag unter Angabe Ihres Namens und Ihres Wohnortes. Nachname und Wohnort können abgekürzt werden. Bitte denken Sie daran, dass Ihr Text auch nach Jahren noch im Internet auffindbar sein wird. Wir behalten uns eine redaktionelle Prüfung vor, ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht.

Für uns und unsere Leser sind Ihre eigenen Argumente interessant. Texte anderer sollen hier nicht verwendet werden. Bitte bleiben Sie auch im Meinungsstreit höflich. Schmähungen oder Schimpfwörter, aggressive oder vulgäre Sprache haben hier keinen Platz. Denken Sie daran: »Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge.« (Bertolt Brecht)

Äußerungen, die als diskriminierend, diffamierend oder rassistisch aufgefasst werden können, werden nicht toleriert. Hinweise auf kommerzielle Angebote jeder Art sind ausdrücklich nicht gewünscht. Bitte achten Sie auf die Orthografie und bitte nicht »schreien«: Beiträge, die in Großbuchstaben abgefasst wurden, werden von uns gelöscht.

Die Moderation bedeutet für unsere Redaktion einen zusätzlichen Aufwand: Leserbriefe zu älteren Artikeln sind deshalb nur befristet möglich. Außerdem kann es etwas Zeit in Anspruch nehmen, bis die Redaktion Ihren Leserbrief bearbeiten kann, dafür bitten wir um Verständnis. Orthografische Änderungen durch die Moderation machen wir nicht kenntlich, Streichungen mit eckigen Klammern.

Viel Freude am Debattieren!