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Betr.: Artikel Unmögliche Ideologiekritik

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»Obwohl niemand weiß, wie Information definiert werden kann und welche Kategorien für die Begrifflichkeit tauglich sind, um eine Anwendung zu ermöglichen ...« – Herr Kannapin irrt. Ich habe gelernt: »Information ist beseitigte Unsicherheit.« Dies hörte ich und mit mir rund 20 andere Studenten mindestens während meines Studiums der Technischen Informatik an der FHTW in Berlin im Zeitraum Herbst 1995 bis Frühjahr 2000. Es ist also nicht neu. Warum gibt die junge Welt den Ausschweifungen eines Herrn Kannapin Raum? Laut Internet hat er viele Veröffentlichungen, einen Dr. phil. und will Geistlosigkeit bekämpfen mit seinen Waffen. Aha, wie in anderen Medien so auch in der jW: Wer drin ist, wer in ist, wird gedruckt, ohne Prüfung seines Textes. Zurück zu »Information ist beseitigte Unsicherheit«. Die Aussage ist kurz, aber nicht einfach. Information existiert nur mit ihrer Anwendung. Ohne Unsicherheit gibt es keine Information. Ohne eine im Raum stehende, mit ja oder nein zu beantwortende Frage ist ein in den Raum gerufenes Ja keine Information. Der Mensch kann sich zu einem spontanen Ja allerdings nachträglich eine Frage stellen und damit das Ja in Information verwandeln. Das heißt auch: ohne Interesse keine Information.

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Unmögliche Ideologiekritik

Vom Scheitern des Mediendiskurses und seiner »Demokratisierung«

Im Jahre 1997 erschien im Kölner Supposé-Verlag ein unscheinbares Büchlein mit dem Titel »Elektronische Einsamkeit«. Als Autorenkollektiv fungierte die niederländische »Agentur Bilwet« (1983–1999), ursprünglich bestehend aus fünf Künstlern und Netzaktivisten. Abgesehen davon, dass man allein aus dieser Veröffentlichung mehr über die gesellschaftliche Stellung des Internets erfahren konnte als aus vielen späteren Abhandlungen, sezierte die Agentur in wenigen Strichen das, was sich über Jahrzehnte im Mediensektor abgespielt hatte und dessen Resultate heute offen vor unseren Augen stehen. Dort heißt es: »Das Zeitalter des Drauflosdenkens bricht nunmehr an. Totale Falsifikation schmälert nicht den möglichen Wert der lügengestraften Theorie. Im Grunde genommen beschäftigt sich das Denken nicht mit der Frage, wie die Welt zusammengesetzt ist, sondern wie sie sich organisiert, wenn man sie auf eine bestimmte Weise betrachtet.« Schließlich wird der entscheidende Punkt angesprochen: »Der Diskurs kann zwar schwächer werden, abschweifen, radikale Wendungen nehmen, sich über das gesamte Feld der Wirklichkeit ausbreiten, bis zu den intimsten Stellen vordringen, unterdrückt werden, an die Macht kommen oder eine Gegenmacht bilden, aber er kann nicht von einem Lügendetektor entlarvt werden. Es kommt stets mehr von derselben Wahrheit heraus. Der Diskurs wird im allgemeinen nicht öffentlich verhandelt, funktioniert aber hinterlistig hinter den Kulissen. Wird der Mediendiskurs je scheitern, völlig im Nebel stehen, so dass jeder auf der Stelle beschließt, etwas Vernünftigeres zu tun? Davon kann man wohl ausgehen.«¹

Das konnte man nicht, und man kann es heute erst recht nicht. Unschwer zu erkennen, dass der »Diskurs« der bürgerliche ist und der Mediendiskurs sein ideologischer Zusammenhalt. Am meisten erstaunt daran nicht, dass die »Agentur Bilwet« mit den oben genannten zutreffenden Argumenten weder in der sogenannten Medienwissenschaft noch in den breiten Sphären der Öffentlichkeit seitdem irgendeine Form von Resonanz erfahren hat, sondern vielmehr, dass dies alles schon 1997 nur Binsen und offene Türen waren, die davon kündeten, wie illusionär eine Ideologiekritik der Medien unter bürgerlichen Vorzeichen war und bleibt.

Traditionelle Kritik der Medien

Wenn es gewollt gewesen wäre, dann hätte man zur Ideologiehaftigkeit der Medien schon längst alles wissen können. Volle 37 Jahrgänge der Zeitschrift Die Fackel (1899–1936) von Karl Kraus demontierten Phraseologie und Lüge der Presse, mit den Höhepunkten der von ihr betriebenen Förderung des Ersten Weltkrieges und der Nazibarbarei (mittels Propaganda und unterlassener Hilfeleistung). Bertolt Brechts Bemerkungen zur Radiotheorie (1927–1932) zeigten Wege auf, das Hörermedium aus den Klauen der Seichtheit und passiven Berieselung zu befreien. Siegfried Kracauer wurde in seinen Filmbesprechungen nicht müde, Filmkritik immer als Gesellschaftskritik auszuweisen. Praktische Gesellschaftsperspektiven mit Hilfe des Films arbeitete die sowjetische Filmavantgarde um Sergej Eisenstein heraus. Kritische Kommunikationsforscher von den 1930er bis 1950er Jahren nahmen die neuesten medialen Entwicklungen zum Anlass, um soziologische Erkenntnisse aus dem immer stärker medial vermittelten Gesellschaftsverhalten zu gewinnen. Deren augenfälligster Ausdruck wurde der Aufsatz »Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug« von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus dem Jahre 1944, der in seiner Stoßrichtung und bezüglich der Relevanz der Medien für die Aufrechterhaltung bürgerlicher Gesellschaftsstrukturen Systemcharakter besaß und bis heute besitzt.

Alle Untersuchungen zu Medien, die auf Horkheimer und Adorno folgten, konnten innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft im Grunde deren Ergebnisse nur mehr bestätigen oder präzisieren, was aufgrund der Ernsthaftigkeit ihres Ansatzes zunächst systematisch nur noch selten geschah und dann mit der Etablierung der Medienwissenschaft als akademische Fachrichtung bald ganz unterblieb. Die einzige Ausnahme davon war der Blick auf den bürgerlichen Medienkanon »von außen«, aus der Sicht des sozialistischen Weltsystems, der den bürgerlichen Wald vor lauter Bäumen besser sah als die Eingesessenen. Denn der Sozialismus hatte einen staatlichen Hintergrund abseits des Verwertungszusammenhangs, weil seine Medien von der Gewerbenotdurft nicht betroffen waren, und er konnte daher die manipulativen Prozesse der bürgerlichen Medien aus Systemgründen viel klarer sehen, auch wenn sich dabei Grobheiten einschlichen.

Das Bürgertum stellte mit wachsender Medienausbreitung auf Ignoranz um. Wer weiß heute noch, dass Herbert Marcuse bereits 1965 die angebliche (und nie vorhandene) Neutralität und Unparteilichkeit von Nachrichten und Meinungen unter dem Stichwort »repressive Toleranz« geißelte? Welche allgemeingültige Bedeutung haben für Öffentlichkeit und institutionelle Medienforschung Guy Debords Thesen zur »Gesellschaft des Spektakels« (1967) mit der Verbildlichung und Medialisierung des Kapitals in jeder Pore der Gesellschaft und den Folgen einer Zeit- und Raumveränderung, die durch Fälschung, Ideologie und Manipulation erst das hervorbrachte, was der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher später »kapitalistischen Realismus« nannte?

Es war übrigens sehr interessant zu beobachten, dass die Selbstabschaffung des Sozialismus zeitlich und keinesfalls zusammenhangslos mit der Alltagstauglichkeit des Internets (als Anwendung des »World Wide Web« für Hypertext-Dokumente) koinzidierte. Die realistische Kontrastfolie zur Kapitalherrschaft wurde ersetzt durch die Ergänzung eines Paralleluniversums, in das die vom Kapital geschlagenen Individuen seither ausweichen können, wenn der gesellschaftliche Druck zu groß wird. Diese Verbindungslinie ahnte die »Agentur Bilwet«, und Guy Debord nahm sie in seiner »Gesellschaft des Spektakels« hellsichtig vorweg, als er davon schrieb, dass sich fürderhin die Bildhaftigkeit der Warenwirtschaft ins Unendliche reproduzieren lässt, Vergangenheit und Zukunft aufgelöst werden und eine »immerwährende Gegenwart« entsteht.² Diese ist inzwischen das Markenzeichen des Spätimperialismus – ohne Ausweg, ohne Perspektive, ohne Gesellschaftsziel; Hauptsache, die Profitrate fällt nicht unter die private Bereicherungsgrenze, mehr politisch, denn ökonomisch abgesichert.

Vollkommen unter dem Radar blieb auch eine Untersuchung zum spektakulären Stadium der Kapitalverwertung aus kognitionswissenschaftlicher Sicht, in der Thomas Raab, keineswegs neomarxistischen Avancen nahe, immerhin darauf verwies, dass die ungleiche Ausschüttung der Resultate des Produktionsprozesses zu einer Anstauung energetischer Potentiale (politisch, moralisch, kulturell) führt, die, um sich nicht gegen die Produktionsweise und gegen den bürgerlichen Staat zu richten, in einer Spektakelkultur kanalisiert werden muss.³ Dies, und nicht zuletzt das Bonmot des Dramatikers Peter Hacks, wonach ein Land, das Medien hat, keine Zensur mehr braucht, spielen im Mediendiskurs überhaupt keine Rolle.⁴

Mythos Information

Das geht an all jenen spurlos vorbei, die den Horizont des bürgerlichen Bewusstseins nicht übersteigen. Denn angesichts des geistigen und moralischen Verfalls der spätimperialistischen Gesellschaftskonstitution und einer fehlenden staatlichen Alternative dazu ist es alles andere als überraschend, wenn die Medien in ihrer Gesamtheit (Presse, Kino, Rundfunk, Internet) eine wichtige Form des ideologischen Staatsapparates darstellen – und zwar nicht in Gestalt einer besonders geheimnisumwitterten Instanz, einer etwaig als »staatsfern« deklarierten »vierten Gewalt« und auch nicht als reines Anhängsel des BDI oder der Bitkom, sondern als Faktor des Zusammenhalts der bürgerlichen Gesellschaft, die ja dringend diese Art der gemeinschaftlichen Konsensbildung benötigt, um überlebensfähig zu sein. Deshalb ist es natürlich völlig illusorisch, von einer »Demokratisierung« des Mediensystems innerhalb seiner selbst zu schwadronieren, wie das immer wieder verlangt wird, wenn die »Verfehlungen« der Berichterstattung im bürgerlichen Sinne als zu gravierend erscheinen.

Die ideologischen Eigenschaften des Bürgertums (gesellschaftlich notwendig falsches Bewusstsein, materialisierte Rückspiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse in Form von Fetischismus, Verdinglichung, Entfremdung und reaktionärer Geisteshaltung) müssen sich zwangsläufig im Medienbereich abbilden.⁵ Und nicht nur dort, sondern auch in der als Wissenschaft institutionalisierten Beobachtung dessen, was Medien so alles anstellen und was mit ihnen angerichtet wird.

Die wirklich medienkompetente Frage des Kabarettisten und Autors Marc-Uwe Kling »Warum weiß ich das?« in Konfrontation mit irgendwelchen Äußerlichkeiten der Sternchen des Showgeschäfts illustriert schlagend, worum es dem Mediengewerbe geht: darum, möglichst viele Nebensächlichkeiten zu verbreiten, damit ja nichts ins Gedächtnis kommt, das auf eine erweiterte Reproduktion in Richtung einer menschlichen Gesellschaft hinausläuft. Die vollständige Befreiung der Medienwissenschaft von den eigentlichen Inhalten der Medienbotschaft, seit ihrer Inthronisierung ohne Unterlass kultiviert und gefeiert, ist die Konsequenz dieser bewussten Irreführung. Sie basiert auf einer Fehlleistung und dann auf ihrer hochideologischen Anwendung durch Wiederholung trotz Fehlerhaftigkeit in bezug auf den Begriff Information.

Obwohl niemand weiß, wie Information definiert werden kann und welche Kategorien für die Begrifflichkeit tauglich sind, um eine Anwendung zu ermöglichen, wird seit der Erfindung der mathematischen Kommunikationstheorie in den 1940er Jahren und den rudimentären Binärcode-Systematisierungen mit informationstheoretischen Annahmen gearbeitet, die letztlich in die Computertechnologie Einzug gehalten haben. Aus der Dichotomie Eins/Null bzw. Signal/Rauschen wurde ein Weltentwurf abgleitet, der das Versprechen beinhaltet, auf rechnergestützter Basis gesellschaftliche Gesamtprobleme zu lösen. Völlig unabhängig davon, dass auch wahrheits- bzw. wahrscheinlichkeitstheoretisch die genannte Dichotomie niemals absolut gesetzt werden kann, und zudem unabhängig davon, dass rechnerische Lösungen keine geistigen sein können, weil sie Friktionen per definitionem ausschließen müssen, ist das ganze Konstrukt des Binärcode-Mechanismus auf Grundlage eines irrationalen Informationsbegriffs höchst ideologisch, weil es gesellschaftliche Prozesse in technologische übersetzt.

Und damit haben wir, Robert Feustel zufolge, den Schlüssel dafür, warum Binärcode-Anwendungen, kurz: Digitalisierung genannt, heute quasi-religiösen Status angenommen haben. Eine Kurzschlussreaktion, nämlich die lediglich behauptete Identität von Gehirn und Computer durch kybernetische Modelle, zeitigt als Mantra seit Jahrzehnten völlig unbewiesen die Naturalisierung der Information als Prozessleistung, die nicht nur reibungslos funktionieren soll (was an sich überhaupt nicht zutrifft), sondern gleichzeitig sozialpolitische Regulationsanforderungen zu ersetzen erstrebt.⁶ Ein Ergebnis dieser Behauptung ist die heillose Quantifizierung aller Sinnvorgänge in einem Wahn von Entdifferenzierung, vor der schon Hegel warnte – mit der unbegreiflichen Wendung von heute, dass »massenhaft gespeicherte Leistungsdaten irgendwelcher Jogger« den gleichen Wert haben »wie die Schriften von Aristoteles oder Hegel«.⁷ Aber egal, falsche Prämissen werden weiterhin trotz oder wegen ihrer Falschheit akzeptiert, allein, damit die Funktionsweise des Systems keine Stockungen erfährt.

Unwissen und Halbwissen

Dankenswerterweise hat Felix Bartels in dieser Zeitung aufgezeigt (vgl. jW-Thema vom 16. Oktober 2021), dass das Ringen um abstrakte Wahrheit zu deren vollkommener Entleerung auf bürgerlicher Grundlage führt. »Beide Frontseiten innerhalb des bürgerlichen Komplexes – die dunkle (Pegida, AfD, ›Querdenker‹, Verschwörungsideologen) ebenso wie die helle (›Groko‹-Deutschland, Grün- und Gelbliberale, EU-Patrioten, NATO-Linke) – hantieren mit adäquaten Begriffen: Mut zur Wahrheit, Lügenpresse, Truth Movement, Infokrieg, Trollfabriken, Fake News, Faktencheck, Filterbubble, Verschwörungsdenken, Populismus und letzthin eben auch – Rabbit Hole. Man definiert sich nicht mehr über Klasse, Milieu, Lobby oder Weltentwurf, sondern darüber, dass man im Gegensatz zu den anderen die Wahrheit besitze.«

Als hätte es die jahrzehntelangen Debatten über Kulturindustrie, Manipulation, Medienverbund, Gegenöffentlichkeit und Ideologievorwarnung nie gegeben, erhebt sich der Kampf zwischen Unwissen, also Falschmeinung (Fake News), und Halbwissen, also Berichtsmeinung (Faktencheck), zum Endkampf um die Oberhoheit der bürgerlichen Stagnation – wohl wissend, dass damit Erkenntnis und Wissenschaft (dem strengen Wortsinne nach) auf dem Altar der zivilisatorischen Gleichgültigkeit geopfert werden, der die Allgegenwärtigkeit der Barbarei unzweideutig versinnbildlicht. Geert Lovink beschreibt dies als »nihilistischen Nullpunkt«, an dem die beliebige Anzahl an Quellen und Standpunkten einen »Pool an Gleichgültigkeit« geschaffen hat, in dem alles gleich wichtig und gleich egal erscheint.⁸

Nun gibt es aber doch so etwas wie eine objektive Wahrheit, die darüber hinaus auch noch erkennbar ist. Voraussetzung dafür ist allerdings die Kontextualisierung und Historisierung der Tatsachen, Meinungen und Benachrichtigungen. Objektiv wahr ist zum Beispiel die Tatsache, dass die kapitalistische Produktions- und Lebensweise die Fundamente des menschlichen Zusammenlebens (Arbeit, Natur, Solidarität) zerstört. Objektiv wahr wäre auch die Mitteilung über die Verheerungen eines Erdbebens in Ghana, aber nur dann, wenn zu den Opferzahlen mitgeteilt wird, dass die Korruption der dortigen Kompradorenbourgeoisie es verhindert hat, rechtzeitig Vorsorge in Hinsicht auf Baufestigkeit von Wohnungen, ärztliche Versorgung und Notreserven für ausreichende Ernährung zu treffen.

Man kann in der Umgebung des Verhältnisses von Meinung und Wissen in bezug auf Objektivität immer noch das meiste von Lenin lernen, unter anderem die Grunderkenntnis, dass es im Zeitalter der Reaktion keine individuellen Angelegenheiten unabhängig von der allgemeinen proletarischen Sache gibt,⁹ jedenfalls dann nicht, wenn, wie individualistisch auch immer sich jemand dünkt, selbst dieser Individualismus mehr als fünf Leute zu erreichen beabsichtigt. Ob etwas objektiv bedeutsam ist oder nicht, entscheidet in Ausbeutergesellschaften die historische Erfahrung der unterdrückten Klassen.

Ein nahezu perfektes Beispiel für die medienpolitische Produktion von Halbwissen mit kritischer, wenn auch leicht durchschaubarer Attitüde ist die letzte Publikation von Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Mit dem Titel »Die Propaganda-Matrix«, dem Untertitel »Der Kampf für freie Medien entscheidet über unsere Zukunft«, dem Erscheinungsort, der »Rubikon-Betriebsgesellschaft mbH« München, und der ausufernden Tendenz, ständig mit Kraftausdrücken wie »Gefängnis für den Verstand«, die »Mächtigen«, »Verantwortungsverschwörung« etc. zu operieren, die eher der neoliberalen Anweisungsliteratur entnommen zu sein scheinen, als einer diskurstheoretisch halbwegs gehaltvollen Auseinandersetzung zu entsprechen, weiß man schon, wohin die Reise geht.¹⁰ Meyen, einer der wenigen DDR-sozialisierten Wissenschaftler mit Ordinariat und mit einer unüberschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen, ist seit 2018 nach und nach immer dezidierter ideologischen Spitzfindigkeiten gefolgt. Dabei geht es nicht nur um einzelne Parteinahmen für Plattformen wie Rubikon oder KenFM mit ihrer kleinbürgerlichen Stammtischersatzpose, sondern um die gesamte Konstruktion, für die »Die Propaganda Matrix« aufschlussreichen Anschauungsunterricht bietet.

Der kritische Teil des Buches folgt Noam Chomskys Filtermodell aus den 1980er Jahren, das für die US-amerikanische Medienindustrie und ihre westlichen Nachläufer als Grundraster weithin Gültigkeit beanspruchen kann. Die Grobschlächtigkeit des Modells (fehlende Systematik und Binnendifferenzierung, fehlende Rückbindung an die wechselseitige Durchdringung von Ökonomie und Politik in den Medien, Vernachlässigung ideologischer Faktoren, philosophische Unbedarftheit) ist nicht ohne deren Hauptquellen zu erklären und gleichzeitig eben gerade das Einfallstor für die Rückbindung des Halbwissens an das Unwissen, das Bücher von Meyens Sorte so erkenntnishemmend macht, obwohl sie das Gegenteil vorgeben.

Falsche Zeugen

Noch vor zwanzig oder dreißig Jahren wäre es hierzulande niemandem ernstlich eingefallen, die US-amerikanischen Elitenfunktionäre Walter Lippmann und Edward Bernays als Zeugen für eine kritisch gemeinte Medientheorie aufzurufen. Dass diese Figuren in den Proseminaren für Kommunikationssteuerung in Unternehmen und Institutionen fleißig zitiert und hofiert werden, ist nachvollziehbar, nicht hingegen ihre Umwertung in Pseudokritik durch medienwissenschaftliche Thesenbildung. Nur weil Lippmann die Herstellung von Konsens durch Medien und Bernays die Steuerung von Waren und Politik durch Kampagnen beschrieben haben, sind sie doch noch längst nicht Anwälte der Verteidigung von Vernunft und Emanzipation.¹¹ Das suggeriert hingegen Meyen und verbindet dann Chomsky (von dem er ausweislich erst 2011 medientheoretisch Kenntnis genommen haben will, »Manufacturing Consent« ist von 1988!) mit der angeblich konsensproduzierten Gesundheitspolitik ab dem Jahr 2019, die natürlich dem Verdikt der Propaganda unterliegt.¹² Letztere soll Beweis für Chomskys Filtermodell sein, obwohl eine stringente Ideologiegeschichte seit Aufkommen der Medien als Gewerbe existiert und die gesundheitspolitischen Maßnahmen zu den materiellen Reproduktionsanforderungen der kapitalistischen Produktionsweise (ohne jegliche propagandistische Notwendigkeit) gehören.

Das Hauptproblem dieser Variante der Beschäftigung mit Medien besteht in der ungebildeten Vorstellung, es könne unter bürgerlichen Bedingungen so etwas wie »freie« bzw. »unabhängige« Medien geben. Meyen plädiert auf der einen Seite für die »Autonomie des Journalismus«, für Toleranz und Pluralismus, als hätte er von der ideologischen Breitenwirkung seiner von ihm selbst oberflächlich verwendeten Theoreme noch nie etwas gehört.¹³ Auf der anderen Seite behauptet er, dass der Film »Matrix« von 1999 der sozialwissenschaftlichen Theorie des Diskurszwanges und der doppelten Realität der Wirklichkeit unserer Tage entsprechen würde und dies der unhintergehbare Ausgangspunkt seines Buches sei.¹⁴

In dieser Situation jedoch ist nun solcher Medienforschung nicht mehr zu helfen. Wie kann man ernstlich erwägen, ein so hemmungslos offenes Produkt der Kulturindustrie in seiner Mischung aus Produzentenvorgabe, Marketing, reaktionärer KI-Weltanschauung und Technologiefetischismus zum Leitfaden einer Ideologiekritik machen zu wollen? »Das Problematische an dieser kritischen Haltung«, schrieb Slavoj Zizek schon vor zwanzig Jahren, »ist nicht nur, dass sie die konkrete Gesellschaftsanalyse durch den Kampf gegen abstrakte paranoide Fantasien ersetzt, sondern dass sie, in einer typischen paranoiden Geste, die gesellschaftliche Realität unnötigerweise verdoppelt, als stecke hinter den ›sichtbaren‹ kapitalistischen und staatlichen Organen eine Geheimorganisation. Man sollte aber einfach akzeptieren, dass eine heimliche ›Organisation innerhalb der Organisation‹ gar nicht erforderlich ist. Die ›Verschwörung‹ steckt bereits in der ›sichtbaren‹ Organisation als solcher, im kapitalistischen System, in der Art und Weise, wie der politische Raum und die Staatsapparate funktionieren.«¹⁵ Unter solchen Umständen ist eine fundierte Ideologiekritik der Medien im Rahmen der bürgerlichen Bewusstseinsbegrenzung natürlich unmöglich. Die eigentliche Forschungsfrage müsste also lauten, warum das so ist.

Anmerkungen

1 Agentur Bilwet: Elektronische Einsamkeit. Was kommt, wenn der Spaß aufhört?, Köln 1997, S. 27/28

2 Vgl. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967), Berlin 1996, S. 112, 134 und 205–212

3 Vgl. Thomas Raab: Nachbrenner. Zur Evolution und Funktion des Spektakels, Frankfurt am Main 2006, S. 18/19

4 Vgl. Peter Hacks: Unter den Medien schweigen die Musen. Begründung einer Wissenschaft (1990), in: Hacks: Werke. Band 13, Berlin 2003, S. 437

5 Vgl. dazu als Überblick Christian Fuchs: Marx heute. Eine Einführung in die kritische Theorie der Kommunikation, der Kultur, der digitalen Medien und des Internets, München 2020, S. 177–202

6 Vgl. Robert Feustel: »Am Anfang war die Information«. Digitalisierung als Religion, Berlin 2018, S. 70

7 Vgl. ebd., S. 104

8 Vgl. Geert Lovink: Digitaler Nihilismus. Thesen zur dunklen Seite der Plattformen, Bielefeld 2019, S. 39

9 Vgl. Wladimir I. Lenin: Parteiorganisation und Parteiliteratur (1905), in: Lenin Werke. Band 10, Berlin 1958, S. 30

10 Vgl. Michael Meyen: Die Propaganda Matrix. Der Kampf für freie Medien entscheidet über unsere Zukunft, München 2021, S. 16, 35 und S. 189

11 Gemeint sind Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung (1922). Wie sie entsteht und manipuliert wird (Untertitel des Verlages), Frankfurt am Main 2018 und Edward Bernays: Propaganda. Die Kunst der Public Relations (1928), Berlin 2013

12 Vgl. Meyen: Die Propaganda Matrix, a. a. O., S. 76–100

13 Ebenda, S. 192. Kein Zufall ist daher auch die Verwendung von Walter Lippmann: Die Illusion von Wahrheit Oder die Erfindung von Fake News (1920), Frankfurt am Main 2021. Der Titel stammt vom Verlag und ist reichlich desorientierend, denn Lippmann behauptet in dem Text, dass es Wahrheit gibt, die nur besser journalistisch abgebildet werden müsste. Von Falschmeldungen ist schon gar nicht die Rede. Der Originaltitel lautet: Liberty and The News. Das wichtigste Buch Lippmanns: The Phantom Public. A Sequel to »Public Opinion« (1925), ein Lehrbrief zum Mediengebrauch für die herrschenden Klassen, wurde bezeichnenderweise nicht ins Deutsche übersetzt.

14 Vgl. Meyen: Die Propaganda Matrix, a. a. O., S. 16

15 Slavoj Zizek: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin, Frankfurt am Main 2002, S. 19

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