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Leserbrief zum Artikel Kommentar: Rekrutierer statt Ausbilder vom 17.12.2019:

Eliten mit Defiziten

Sehr geehrter Herr Schölzel, Sie haben ja recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass es einer alten Strategie des deutschen Kapitals entspricht, »billige Arbeitskräfte« aus dem Ausland massenhaft zu beschäftigen, nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in Ostelbien auf den Gütern als Erntearbeiter, untergebracht in »Schnitterkasernen«. Als die Villenkolonien im Grunewald entstanden, durften die polnischen Arbeiter mit ihren Familien sogar in selbstgegrabenen Erdlöchern hausen, das Holz, das sie zum Heizen und Kochen benötigten, konnten sie sich kostenlos aus dem angrenzenden Wald holen, da lagen genug abgeschlagene Äste herum. Auch beim Bau des Teltowkanals ab dem Jahr 1905 wurden osteuropäische Arbeiterkolonnen eingesetzt. Hierbei handelte es sich aber stets um Wanderarbeiter, keiner von ihnen erwarb dadurch ein Bleiberecht oder die deutsche Staatsbürgerschaft, weil es sich – anders als beim Bergbau im Ruhrgebiet – ja stets nur um temporär anfallende Arbeiten handelte. Wenn jetzt Ausländerinnen in Albanien und Brasilien für schwere und schlecht bezahlte Arbeiten zum Beispiel in der Altenpflege angeworben werden, so ist damit wohl neuerdings auch das Bleiberecht und der Erwerb von deutscher Staatsbürgerschaft verbunden. Das gilt erst recht für die vorgesehene Anwerbung von jungen Vietnamesen als Handwerker etc. oder von Indern als Fachkräfte für die Digitalbranche. Und erst recht für Hochschulabsolventen oder Akademiker in den MINT-Fächern, also keine Künstler, Politologen, Soziologen oder »Wirtschaftswissenschaftler«, davon hat Deutschland genug bzw. stellt in dieser Hinsicht nicht so hohe Ansprüche, weil wegen bildungspolitischer Reformen hier inzwischen fast jeder Abitur machen kann und auch ein Studium aufnehmen darf. Auch eine Promotion dürfte nicht mehr so schwierig sein wie früher, das einzige Problem besteht in Deutschland heute darin, eine interessante und gut bezahlte Arbeit mit Aussicht auf eine sichere Altersversorgung zu finden, wenn man keinem sozialen Netzwerk angehört bzw. keine reichen bzw. einflussreichen Eltern besitzt, die einen dabei unterstützen könnten.
Wie bereits der Spiegel in seiner 40. Ausgabe im Jahre 2012 zu berichten wusste, leiden in Deutschland längst nicht nur »bildungsferne« Unterschichten, sondern auch Menschen, die gerne zur »Elite« gezählt werden möchten, an Defiziten vor allem in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz. Hinzu kommt, dass Ingenieurstudenten nicht mehr ohne Taschenrechner rechnen, Architekten nicht mehr zeichnen und Mediziner keine Arztberichte mehr formulieren können. Und »der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden«. Bei der zuletzt getroffenen Feststellung musste ich sofort an unsere deutschen Spitzenpolitiker denken … Deshalb kann es jetzt gar nicht schnell genug gehen, Ausländer anzuwerben, die sowohl der deutschen Sprache mächtig sind als auch über ein entsprechendes Fachwissen verfügen.
Iri Wolle, Berlin
Veröffentlicht in der jungen Welt am 07.01.2020.