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Aus: Marx in Afrika, Beilage der jW vom 18.02.2026
Marx in Afrika

Afrika verlangt Gerechtigkeit

Forderungen nach Reparationen für Sklaverei und Kolonialismus werden lauter. Der Schaden lässt sich nicht allein mit Billionensummen aufwiegen
Von Jörg Kronauer
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Stehen Afrika und der afrikanischen Diaspora Reparationen zu? Na klar. Das ist zunächst, daran ließ Kwesi Pratt, Generalsekretär des Socialist Movement of Ghana (SMG), keinerlei Zweifel aufkommen, eine Frage simpler Moral. Die Verbrechen, die dem Kontinent und seiner Bevölkerung durch Sklaverei und Kolonialismus über Jahrhunderte zugefügt worden seien, seien beispiellos, stellte Pratt in seinem im Herbst 2025 publizierten Buch mit dem Titel »Reparations« fest. Dass die Opfer entschädigt werden müssten, sei unabweisbar. Klar sei jedoch auch, fuhr Pratt fort: Reparationen sind eine ökonomische Notwendigkeit. Die Arbeitskraft, die Afrika mit der Versklavung seiner Einwohner geraubt worden sei, die Rohstoffe und vieles mehr, die die Kolonialmächte dem Kontinent gestohlen hätten, das sei »wesentlich für die Entstehung des kapitalistischen Systems« gewesen – in Marxscher Begrifflichkeit: ein grundlegender Baustein der ursprünglichen Akkumulation.

Versuche man die Schäden auch nur annähernd zu beziffern, die Afrika zugefügt worden seien, fuhr Pratt fort, dann komme man auf viele Billionen US-Dollar. Und auch das sei bei weitem keine hinlängliche Annäherung an die Folgen von Sklaverei und Kolonialismus. Wie wolle man es beispielsweise in Zahlen packen, dass der afrikanische Kontinent durch seine Ausplünderung jeglicher Aussicht auf eine gedeihliche Entwicklung beraubt worden sei? Da seien zudem nicht nur Ökonomien, es seien ganze Gesellschaften zerstört worden – teils physisch in Genoziden wie im heutigen Namibia, stets auch sozial durch die Abwertung und die Verdrängung ihrer Kulturen, Sprachen und Religionen. Die Folgen lasteten bis heute ungemein schwer auf allen Ebenen der menschlichen Existenz. Entsprechend müsse man die Frage der Reparationen, folgerte Pratt, »in multidimensionalen Begriffen« erfassen. Dafür legte er mit seinem Buch, einem Resultat jahrzehntelanger panafrikanisch-marxistischer Praxis, eine umfassende Grundlage vor – insbesondere im Hinblick darauf, dass sich gegenwärtig in der Reparationsfrage eine Menge bewegt.

Verurteilung ohne Folgen

Die Forderung nach Reparationen für die unermesslichen Schäden, die Sklaverei und Kolonialismus angerichtet haben, ist nicht neu. Sie wird seit jeher durch Tatsachen wie etwa diejenige befeuert, dass das britische Empire nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1833 Entschädigungen an die andere Seite zahlte. Die Sklavenbesitzer erhielten damals eine Gesamtsumme von heutigen 17 Milliarden Pfund Sterling; die letzte Rate des dafür aufgenommenen Darlehens wurde erst 2015 beglichen. Auf institutioneller Ebene werden Reparationen seit den 1990er Jahren eingefordert. Im April 1993 verabschiedete die Erste Panafrikanische Konferenz zu Reparationen, die von der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), der Vorläuferin der Afrikanischen Union (AU), einberufen worden war, die »Abuja Proclamation«, in der sie sich für finanzielle Kompensationen »durch Kapitaltransfer und Schuldenerlass« aussprach. Schließlich seien »Afrikaner das am stärksten gedemütigte und ausgebeutete Volk der vergangenen vier Jahrhunderte«. Im September 2001 verabschiedete dann die UN-Weltkonferenz gegen Rassismus die »Durban Declaration«, die Sklaverei sowie Sklavenhandel als Verbrechen gegen die Menschheit klassifiziert – freilich nach heutigem Maßstab. Finanzielle Folgen für die einstigen Sklavenbesitzer hatte das noch nicht.

Neuen Schwung erhielt das Anliegen im August 2022 auf einer Konferenz, die auf offizielle Einladung der Regierung Ghanas in der Hauptstadt des Landes, Accra, stattfand. Sie mündete in die Verabschiedung der »Accra Declaration on Reparations and Racial Healing«. Darin heißt es, die AU müsse der Forderung nach Reparationen »Priorität« einräumen. Prompt gewannen deren Aktivitäten an Fahrt. Die AU erklärte das Jahr 2025 zum »Jahr der Reparationen« und rückte das Thema damit zum ersten Mal in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Im Juli 2025 rief sie in einem weiteren Schritt das Jahrzehnt von 2026 bis 2036 zur »Dekade der Reparationen« aus. Es werde darum gehen, weltweit Unterstützung für die Forderung zu mobilisieren und dabei auch gesellschaftliche Organisationen und die Diaspora einzubeziehen, hieß es. Die Reparationsbewegung wurde sichtlich stärker.

Dabei stehen die Staaten Afrikas im Kampf um Reparationen nicht allein da. Auch in der Karibik, in die die europäischen Kolonialmächte einst Millionen Sklaven verschleppten, wird die Forderung nach historischer Gerechtigkeit schon seit geraumer Zeit erhoben. Bereits im Jahr 2013 richtete die Karibische Gemeinschaft, kurz: Caricom, dazu eigens eine Kommission ein. Der Caricom gehören die souveränen Staaten der Karibik bis auf die Dominikanische Republik und Kuba als Vollmitglieder an. Hinzu kommen – als assoziierte oder beobachtende Mitglieder – ein knappes Dutzend Inseln, die bis heute von Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden oder den USA kontrolliert werden. Die 2013 offiziell gegründete Caricom Reparations Commission legte im März 2014 ihren Zehnpunkteplan für Reparationen vor, in dem sie eine Reihe klarer Forderungen stellte. Dazu gehörte zunächst einmal eine formelle Entschuldigung der Kolonialmächte für die Verbrechen der Sklaverei und des Kolonialismus. Es kamen aber auch Forderungen nach einer Entschuldung betroffener Staaten und nach Reparationen hinzu.

Auch Deutschland betroffen

Die Caricom und die AU arbeiten seit ihrem ersten gemeinsamen Gipfeltreffen im September 2021 enger zusammen – im Hinblick vor allem auf Reparationen für die Schäden, die durch Sklaverei und Kolonialismus entstanden. Im November 2023 kamen Vertreter der beiden Organisationen zu einer Reparationskonferenz in Ghanas Hauptstadt Accra zusammen und beschlossen dort, einen Global Reparation Fund zu gründen. In ihn sollen die erhofften Reparationen eingezahlt werden. Anschließend begannen die AU und die Caricom, sich für die Schaffung eines internationalen Tribunals einzusetzen, das sich gezielt mit den Verbrechen des transatlantischen Sklavenhandels befassen soll. Im September 2025 folgte ein zweiter AU-Caricom-Gipfel, der am Sitz der AU in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba stattfand. Er stand explizit unter dem Motto, »Gerechtigkeit für Afrikaner und Menschen afrikanischer Abstammung durch Reparationen« zu erkämpfen.

Und die Bewegung schreitet weiter voran. Mitte November hielt die Pan-African Progressive Front in Accra eine internationale Konferenz mit mehr als 250 Delegierten aus Afrika, der Karibik und der Diaspora ab. Aufbauend auf einem Bericht von Kwesi Pratt, verabschiedete sie eine Erklärung, in der sie der Forderung nach Reparationen weiteren Nachdruck verlieh. Anfang Dezember segnete eine weitere Konferenz in der algerischen Hauptstadt die »Déclaration d’Alger« ab, die gleichfalls auf Reparationen drang und dem AU-Gipfel Mitte Februar 2026 vorgelegt werden sollte. Zudem schreitet die Abstimmung mit der Caricom voran. Als sich Ghanas Außenminister Samuel Okudzeto Ablakwa Ende Januar einige Tage lang in Jamaika aufhielt – Accra hatte Militärangehörige zur Unterstützung des Wiederaufbaus nach dem Hurrikan dorthin geschickt –, da berichtete er, beide Seiten bereiteten zur Zeit eine Resolution vor, die den Vereinten Nationen vorgelegt werden solle – am 25. März, dem Internationalen Tag zur Erinnerung an die Opfer der Sklaverei und des transatlantischen Sklavenhandels. Damit wird der Kampf um Reparationen natürlich noch nicht zu Ende sein. Soll er erfolgreich sein, müssen die einstigen Sklavenhändler und Kolonialmächte zu ernsthaften Zugeständnissen gezwungen werden. Dabei geht es vor allem um Staaten und Unternehmen in Europa. Deutschland gehört dazu.

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