Die den sozialistischen Aufstand wagten
Von David Falk
Seine rote Baskenmütze leuchtete, als Ibrahim Traoré im Juli 2023 beim Russland-Afrika-Gipfel in Sankt Petersburg vor die Kameras trat. Das Signal war eindeutig: Der 35jährige Hauptmann aus Burkina Faso inszenierte sich als Erbe Thomas Sankaras, jenes Revolutionärs, der in den 1980er Jahren den Aufstand gegen Frankreich gewagt hatte. Neben Traoré standen die Militärführer aus Mali und Niger, die ebenfalls ihre Länder aus der französischen Einflusszone herausgelöst hatten.
Die Szene erinnert an ein früheres Experiment. 1962 hatte Malis Präsident Modibo Keïta den von Paris kontrollierten CFA-Franc verlassen. Sechs Jahre später stürzte ihn ein von Frankreich unterstützter Putsch. 1984 kehrte Mali in die Währungszone zurück. Heute versuchen Keïtas Nachfolger denselben Ausbruch.
Während europäische Debatten Afrika meist als Objekt geopolitischer Konkurrenz behandeln, gerät eine Dimension aus dem Blick: Afrikanische Theoretiker entwickelten schon in der Dekolonisierungsphase eigenständige sozialistische Konzepte. Georg Wilhelm Friedrich Hegel hingegen hatte in seinen Berliner Vorlesungen erklärt, Afrika sei »kein geschichtlicher Weltteil«. Die Afrikaner seien »unschuldig an Gedanken«, das Kinderland liege »in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt«. Zur Sklaverei meinte der Philosoph, diese sei »an und für sich Unrecht«, doch müssten die Afrikaner »erst reif werden« für die Freiheit. Die »allmähliche Abschaffung« sei daher »angemessener« als die sofortige. Der äthiopische Historiker Teshale Tibebu bezeichnet Hegel als »Todbringer« Afrikas.
Die rassistische Philosophie schuf ein Dilemma für afrikanische Intellektuelle der Dekolonisierungsphase: Marxismus anzunehmen konnte als Bestätigung gelten, kein eigenes Denken zu besitzen. Zwischen den späten 1950er Jahren und den 1980ern versuchten mehrere afrikanische Staatsmänner, eigene Modelle zu entwickeln – einen »afrikanischen Sozialismus«, der sich von sowjetischen Vorlagen löste. Fünf sehr unterschiedliche Ansätze prägten die Debatte.
Guinea: 1958–1984
Ahmed Sékou Touré kam aus der Gewerkschaftsbewegung. 1958 stimmte Guinea als einzige französische Kolonie gegen den Verbleib in der französisch-afrikanischen Gemeinschaft. Frankreich reagierte mit abruptem Rückzug: Verwaltungspersonal, Techniker und Kapital verließen das Land. Sékou Tourés »kulturelle Revolution« formulierte eine klare Position: Die Aufgabe seien kulturelle »Ent-Entfremdung« und Rückkehr zur nationalen Kultur, er forderte die Verwendung afrikanischer Sprachen statt Französisch. Ab 1964 kontrollierte der Staat die gesamte Wirtschaft: Er setzte Preise fest, vermarktete landwirtschaftliche Produkte zentral, ersetzte den Markt durch staatliche Planung. Die Betriebe in Staatshand erwiesen sich als ineffizient, Versorgungsengpässe häuften sich. Repression trieb Fachkräfte außer Landes. 1982 war die Wirtschaft zusammengebrochen.
Ghana: 1957–1966
Kwame Nkrumah studierte in den USA Philosophie und Wirtschaft. Seine Theorie des »Consciencism« sollte dialektisches Denken mit afrikanischer Identität verbinden. Das Ziel sei die »Wiederherstellung des Egalitarismus der menschlichen Gesellschaft«. Das Voltastaudammprojekt und andere Großvorhaben verschlangen Ghanas Reserven. Von 269 Millionen US-Dollar bei der Unabhängigkeit 1957 fielen sie auf minus 391 Millionen 1966, als Nkrumah gestürzt wurde, berichten die Ökonomen Ernest Aryeetey und Augustin Fosu. Im Exil schrieb er »Class Struggle in Africa« und korrigierte seine früheren Positionen. Viele seiner Pläne wurden später unter anderen Regierungen realisiert: etwa der Buistaudamm oder die Ölförderung.
Tansania: 1961–1985
Julius Nyerere, Lehrer aus dem ländlichen Tansania, setzte auf Ujamaa – Swahili für Dorfgemeinschaft, Gemeinschaftssinn. Die Arusha-Erklärung von 1967 verstaatlichte Schlüsselindustrien und kündigte die Umsiedlung der Landbevölkerung in sozialistische Dorfgemeinschaften an.
Nyerere zwang zwischen 1973 und 1977 neun Millionen Menschen zum Umzug. Als Bauern nicht freiwillig kamen, verweigerte die Regierung Hungerhilfe in Dürregebieten. Häuser wurden zerstört, damit niemand zurückkehren konnte. Wirtschaftlich scheiterte das Modell: Landwirtschaft und Industrie liefen weit unter Kapazität. Nyerere trat 1985 zurück und gestand sein Scheitern ein.
Senegal: 1960–1980
Léopold Senghor war Dichter und Intellektueller, studierte an der Pariser Sorbonne und wurde Lehrer. »Wir sind keine Marxisten«, erklärte er in seinem Buch »On African Socialism«. »Wir stehen für einen Mittelweg, für einen demokratischen Sozialismus.«
Dieser Mittelweg bedeutete praktisch: Senegal blieb in der CFA-Franc-Zone, pflegte enge Bindungen zu Frankreich, verstaatlichte keine ausländischen Unternehmen. Die Wirtschaft stagnierte unter Protektionismus und einer aufgeblähten Bürokratie. Dürren schädigten die Erdnussindustrie, das Wirtschaftswachstum blieb unter dem Bevölkerungswachstum. Senghor trat 1980 zurück.
Angola: 1975–1979
Agostinho Neto, Arzt und Dichter, unterschied sich von anderen dadurch, dass er kein geschlossenes ideologisches Modell formulierte. 1975 erklärte er ausdrücklich, die Befreiungsbewegung MPLA sei keine marxistisch-leninistische Organisation. Sozialistische Rhetorik gewann erst später durch innerparteiliche Machtkämpfe an Gewicht und blieb eng an die politischen Zwänge eines Staates im Bürgerkrieg gebunden. In der Praxis öffnete sich Angola Ende der 1970er Jahre vorsichtig gegenüber Marktmechanismen. Der Politikwissenschaftler Nuno de Fragoso Vidal beschreibt dies als »rechte Praxis unter sozialistischer Fassade«. Neto steht für einen strategischen Sozialismus: Ideologie als politisches Instrument, nicht als gesellschaftliches Leitbild. Er starb 1979 im Amt.
Burkina Faso: 1983–1987
Thomas Sankara kam aus der nächsten Generation. Der 33jährige Hauptmann erlebte den Unabhängigkeitskampf als Kind und gelangte 1983 durch einen Putsch an die Macht. Er änderte den kolonialen Namen Haute-Volta (Obervolta) in Burkina Faso – »Land der ehrlichen Männer«. Sein Programm kombinierte Marxismus-Leninismus mit praktischen Reformen: Verkleinerung des Staatsapparats, Gesundheitsversorgung, landesweite Alphabetisierung, Nahrungsmittelselbstversorgung. Er verbot weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheirat. »Wir müssen die Köpfe dekolonisieren«, verkündete er. Alle Regierungsbeamten mussten gebrauchte Renault 5 fahren statt großer Dienstwagen. Bei den Vereinten Nationen forderte er, Afrika solle seine Schulden gegenüber dem Westen nicht zahlen. Nach vier Jahren wurde er 1987 unter Beteiligung seines Freundes und anschließenden Präsidenten Blaise Compaoré ermordet. Er war 37 Jahre alt.
Die intellektuelle Antwort auf diese unterschiedlichen Ansätze formulierte Abdul Rahman Mohamed Babu aus Sansibar. Sein 1981 erschienenes Buch »African Socialism or Socialist Africa?« stellte die entscheidende Frage: Sollte Afrika einen eigenen Sozialismus entwickeln – oder Teil eines wissenschaftlichen, internationalen Sozialismus werden? Babus Antwort war eindeutig: Socialist Africa. Die kontinentale Einheit müsse auf wissenschaftlichem Sozialismus und Produktivkraftentwicklung gründen, nicht auf kultureller Identität. Ähnlich argumentierte Amílcar Cabral aus Guinea-Bissau.Nyereres Ablehnung des wissenschaftlichen Sozialismus habe ihm die »Waffe der Theorie« genommen, schreibt mit Bezug auf Cabral der Politikwissenschaftler Eric Clement Mgalula.
Er argumentiert, dass Nyereres Konzept des »Utu« – Menschlichkeit und gemeinsame Verantwortung – dennoch relevant bleibe. Spuren dieser Denktradition finden sich bis heute: Botswanas gemeinschaftliche Verwaltung der Diamanteneinnahmen, Ruandas Gesundheitssystem »Mutuelle de Santé«, Ghanas kostenloses Oberstufenprogramm oder Senegals Beteiligung am »Great Green Wall«-Projekt, das lokale Gemeinschaften fokussiert und an nachhaltiger Landverwaltung beteiligt, zeigten, dass auf Utu basierende Politik funktionieren könne.
Doch die neoliberalen Reformen der 1980er Jahre zerstörten viele Erfolge. Privatisierung, Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank verschärften Ungleichheit und Armut: Es ist diese gescheiterte neoliberale Verheißung, gegen die Männer wie Traoré heute putschen.
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