Aus: Ausgabe vom 31.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Ostrocker des Tages: Max Strauß

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Der nach 1989 »Ostrock« genannte Mainstreampop der DDR ist eines der entrücktesten Genres mitteleuropäischer Musikkultur: So flau wie ambitioniert, virtuos und behämmert wurde da eine eigenständige Kunstform etabliert, die versuchte, die Vorbilder aus dem Westen durch gesteigerte musikalische und lyrische Fertigkeiten vergessen zu machen. Die Musiker strengten sich mehr an, die Texter strengten sich mehr an und die Produzenten strengten sich mehr an. Weil aber der Macht der Popmusik des Westens nirgendwo zu entrinnen war, wirkten die DDR-Topgruppen Karat, City und Puhdys stets wie die »Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb« aus der gleichnamigen japanischen Komödie von 1984.

Solcherlei dialektische Umkehrschübe aber waren nicht auf die DDR beschränkt. Wie jetzt herauskam, wurde in der Familie von Franz Josef Strauß, dem bekanntesten Kommunistenfresser der BRD, dem »Ostrock« gefrönt. Beim 1988 verstorbenen CSU-Vorsitzenden zu Hause liefen bevorzugt Karat und Puhdys, wie sein ältester Sohn Max Strauß nun in der neuen Zeit bekanntgab. »Die haben musikalisch richtig was gekonnt, die Kerle«, begeistert sich da jemand, der seinem legendären Vater an politischen Affären und Gerichtsprozessen kaum nachsteht.

Während in der DDR Rio Reiser und Udo Lindenberg kultisch verehrt wurden, hörte man am rechten Rand des bundesrepublikanischen Politikbetriebs am liebsten »Ostrock« – da ist poptheoretisch noch einiges aufzuarbeiten. Vielleicht ist das der tiefere Grund für den Milliardenkredit, den Strauß 1983 einfädelte, um die DDR zu retten? Die neuen Alben »von sämtlichen DDR-Stars« ließ man sich im Hause Strauß jedenfalls vom DDR-Außenhändler Alexander Schalck-Golodkowski schenken. Viele fahnden ja bis heute nach dessen wahrer Funktion, hier könnte sie endlich einmal benannt werden – als höhere Form des Sirenengesangs des Sozialismus. (cm)

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