Aus: Ausgabe vom 30.03.2016, Seite 16 / Sport

Eine 18fache Erfolgsquote

Hoppegarten lebt! Gelungener Saisonauftakt auf der Traditionsgalopprennbahn bei Berlin

Von Klaus Weise
Saisoneroeffnung_der_48770429.jpg
So ein Pferd ist ja schließlich nur ein Mensch – oder ist es umgekehrt?

Galopprennsport hat eine ganz besondere Faszination. Der Mix aus Zuchterfolgen, Klasse, Glücksspiel lebt von der ewigen Hoffnung auf den ganz großen Gewinn, der irgendwann doch mal auftreten kann. Und dann geht es auch noch ums Sehen und Gesehenwerden. Das ist Entertainment rundum, und irgendwie liegt immer noch was in der Luft, das man woanders nicht riecht – all das macht die Vierbeinerstakkati in der Formel 1 des Pferderennsports, von der man bei den Galoppern im Vergleich zu den Trabern durchaus sprechen kann, zum Ereignis. Hoppegarten, die Rennbahn vor den Toren Berlins, allerdings schon auf brandenburgischem Landesgebiet, ist ostdeutsches und dank seit 1868 währender Geschichte eigentlich auch darüber hinausgehendes Kulturgut und hat sogar die sicherlich nicht besonders galoppaffine DDR überlebt.

Seitdem es diese nicht mehr gibt, sind freilich auch einige Sicherheiten für die damals im VEB Vollblutrennbahnen Beschäftigten weggefallen. Zu jenen Standards zählte ein Jahr für Jahr mehr oder minder gewährleisteter Rennkalender für Vierbeiner, die zwar sportlich international nicht oder nur in allerhöchsten Ausnahmefällen konkurrenzfähig waren, aber für die Turffans dennoch im hiesigen Rahmen genug Wettanreiz boten. Nach der sogenannten Wende mühte sich Hoppegarten, von den westdeutschen Besitzern, Rennställen und Züchtern eher wenig geliebt, weil es ja Konkurrenz sein oder werden könnte und die Wege aus dem Pott gen Osten einigermaßen weit sind, darüber »auf die Hufe« zu kommen.

Das Vierteljahrhundert seit Mauerfall war eines des Kampfes um Existenzsicherung. Mit jeder Menge juristischer Hakenschläge, vielen Projekten, von denen nicht allzuviele tauglich waren, Besitzer- und Betreiberwechseln. Das vielleicht Beste, was heute zu sagen ist, könnte die klassische Liedzeile sein: »Da sind wir aber immer noch!« Und so gab es am Ostersonntag den ersten von elf Renntagen des Jahres. Immerhin 7.900 Zuschauer, so die offiziellen Angaben, hatten den Weg nach Hoppegarten auf sich genommen. Rennbahneigentümer Gerhard Schöningh, von Berufs wegen Fondsmanager, der die Anlage seit 2008 zwar noch nicht in die Gewinnzone, aber mit Millioneninvestitionen immerhin in ruhigeres Fahrwasser gebracht hat, war zufrieden: »Die Besucherzahl hat unsere Erwartung übertroffen. Dies spornt uns an, unsere Renntage noch familienfreundlicher zu gestalten.« Genau das hatte man mit neuem Ticketkonzept für die Saison umzusetzen versucht – so haben zum Beispiel »alle Kinder bis 18 Jahre in Begleitung Erwachsener« freien Eintritt.

Was den Besuchern geboten wurde, könnte ein guter Anreiz fürs Wiederkommen gewesen sein. Denn im Hauptrennen, dem »Preis des Gestüts Röttgen« für vierjährige und ältere Stuten gewann mit Royal Solitaire eine 180:10-Außenseiterin, die für zehn Euro Einsatz bei der Siegwette den 18fachen Gewinn brachte. Die Favoritinnen Nymeria (Quote 39) und Si Luna (29) verwies sie mit starkem Finish und eineinviertel Längen Vorsprung auf die Plätze. Da fiel dem Beobachter sofort ein Satz aus dem wunderbaren Wilhelm-Bendow-Sketch »Auf der Rennbahn« (Wo laufen sie denn?) ein: »Sie konnte nicht? Ach, wie unangenehm! Na ja, nun ja, so ein Pferd ist ja schließlich auch nur ein Mensch.«

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Sport