Aus: Ausgabe vom 30.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Verboten, schön zu malen

Das Jüdische Museum Berlin zeigt »Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie«

Von Elena Besukin
Boris Lurie, Dismembered Woman: Apple Eater, 1954, Öl auf Leinwa
Mit 17 Jahren verlor Boris Lurie seine Mutter, eine seiner beiden Schwestern, die Großmutter und seine Liebste. Das Ölgemälde »Zerstückelte Frau, die einen Apfel isst« (1954)

Der taube Goya schreit mir ins Ohr – flüstert: Es ist verboten, schön zu malen. Es ist verstaubt, die langsame Genuss-Inspiration für sich – zu haben. Du sollst genießen schwarze Raben« heißt es in einem Gedicht von Boris Lurie, dem das Jüdische Museum Berlin eine große Retrospektive widmet. Sie trägt den Titel »Keine Kompromisse!« Lurie wollte mit seiner Kunst verstören und provozieren, nein sagen zum Verdrängen und Vergessen, nein zum Opfersein.

Luries Werk ist von seinen Erfahrungen als Überlebender des Holocaust geprägt. Er wurde 1924 in Leningrad geboren, die Familie siedelte ein Jahr später nach Riga über, wo der Vater ein erfolgreicher Geschäftsmann war. Mit 17 verlor Lurie fast alle Frauen seines damaligen Lebens: seine Mutter, eine seiner zwei Schwestern, die Großmutter und die Jugendliebe. Sie wurden 1941 in Rumbola bei Riga in einem Massaker von deutschen und lettischen Polizeieinsatzgruppen erschossen. Lurie und sein Vater überlebten die Arbeitslager und KZs Lenta, Salaspils, Stutthof und Buchenwald. Im Außenlager Magdeburg-Polte wurden sie von den Amerikanern befreit. Danach halfen sie den US-Amerikanern bei der Suche nach Kriegsverbrechern. 1946 gingen sie gemeinsam nach New York.

Dort war Lurie ein KZ-Überlebender inmitten der US-Mittelschichtsgesellschaft. Das ergab eine Spannung, die in seinen Werken schließlich explodierte. Als Reaktion auf »die vielen ... fetten« Frauen, wie er sagte, malte er ab 1949 monströse, zerstückelte Frauenkörper, die an Fernand Léger und Francis Bacon erinnerten. Dazu bilden die »Dance Hall Series«, von denen im Jüdischen Museum leider nur wenige zu sehen sind, einen zärtlichen Kontrast. 1959 gründete er mit seinen Freunden Stanley Fisher und Stan Goodman die »No!art«-Kunstbewegung in New York. Sie einte die Ablehnung des kommerzialisierten Kunstbetriebs, sie waren gegen Pop-Art und abstrakten Expressionismus, die ab den 50er Jahren den »freien Westen« symbolisierten. Andy Warhol, Roy Lichtenstein und andere waren ihnen zu oberflächlich, konsumaffirmativ und »amerikanisch-chauvinistisch«. Das Gegenprogramm brachte Lurie später auf eine kurze Formel: »Pin-ups, Excrement, Protest, Jew-Art«. 1964 machten Lurie und Goodman in der Gertrude Stein Gallery in New York die »No!Sculptures«-Ausstellung, in der sie mit 21 Scheißhaufen dem Kunstbetrieb zeigen wollten, was sie von ihm hielten.

Sie waren gegen den kapitalistischen Konsumismus und gegen den US-Imperialismus. Lurie thematisierte Vietnamkrieg, Kuba-Krise, die Ermordung des kongolesischen Politikers Patrice Lumumba in wilden, großformatigen Collagen und expressiven Ölgemälden. Neben dem Davidstern als häufig wiederkehrendem Element fast immer dabei: pornographische Pin-ups, das Fleisch strammer Frauenkörper in aufreizenden Posen. In den 50ern hatte er damit begonnen, sie sich an den Wand zu heften. Es seien so viele geworden, dass er sich schließlich von ihnen geradezu beobachtet gefühlt habe, wie Lurie selber berichtet. Dann ließ er sie in seine Kunst, in der sie eine Konstante bilden. Provozierend wirkt die krasse Kombination der Pin-ups mit den ikonisch gewordenen Fotos aus dem Holocaust, von ausgemergelten Gestalten und Leichenbergen. Das war Luries Kritik am voyeuristischen Blick auf die Ermordeten. Luries Kunst ist radikal, roh, obszön, schmutzig und politisch – und bisher weitgehend unbekannt.

Der Medienraum der Ausstellung imitiert Luries Wohnung in New York. Fünf Filme geben Einblicke in sein Leben. Matthias Reichelt hat einen »Besuch bei Boris Lurie in Manhattan im April 2002« mit der Kamera dokumentiert. Er zeigt, dass diese Wohnung einer Höhle ähnelte. Sie war überfüllt mit Zeitungsausschnitten, Plakaten, Briefen, Notizen, Fotos und Dokumenten, alles vergilbt und zerfallend. »Eine Akkumulation von Zeit« nannte Lurie das. Nach dem Tod des Vaters 1964 war er reich, lebte von Aktienspekulationen und Immobilien. Doch seine Kunst fand keine Käufer. Er hielt sich einen deutschen Schäferhund namens Punch und verehrte Stalin, von dem ein lebensgroßes Plakat am Fußende seines Bettes im Krankenhaus hing, wo er 2008 starb: »Er hat mich aus dem Konzentrationslager befreit.« So paradox wie seine Kunst war sein Leben, das er so auf den Punkt brachte: »Meine Sympathie ist mit der Maus, aber ich füttere die Katze.«

»Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie«. Jüdisches Museum Berlin, bis 31.Juli 2016, mit Begleitprogramm

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