Aus: Ausgabe vom 18.03.2016, Seite 12 / Thema

Text und Tat

Vorabdruck. Die fortlebende Herausforderung von Lenins Buch über den Imperialismus

Von Dietmar Dath
Lenin Tribune, sketch by El Lissitzky, 1920. Collection State Tr
Es ist Lenins Denkbewegung als ganze, die ihm erlaubte, mit seiner – nach hundert Jahren immer noch erstaunlich hilfreichen, nahezu unverminderten –Sehschärfe nach links und rechts zu sehen (El Lissitky, Lenin-Tribüne, 1920)

In den nächsten Wochen erscheint die von Wladislaw Hedeler und Volker Külow herausgegebene kritische Neuausgabe von Lenins »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« im Verlag 8. Mai. Wir veröffentlichen an dieser Stelle vorab die erste Hälfte des einleitenden Essays, den Dietmar Dath für diese Edition geschrieben hat. (jW)

(Super-)Märkte und (Super-)Mächte

Dass das amerikanische Warenhausunternehmen Wal-Mart in einem durchschnittlichen Geschäftsjahr mittlerweile mehr Geld einnimmt als fast alle Staaten dieser Welt – nur fünfundzwanzig von ihnen kassieren mehr – bedeutet, wie man den Geschäftsberichten jener Firma entnehmen kann, keineswegs, dass Staaten etwa für die Geschicke des Konzerns keine Rolle mehr spielten. Welche und wieviel Steuern so ein Laden wo auch immer bezahlen muss, welche Regeln er berücksichtigen muss oder unterlaufen kann, kurz: wo und wie er seine Profite realisiert, ist seiner Buchführung nicht egal – und sollte es seinen Feindinnen und Feinden deshalb auch nicht sein.

Für Wal-Mart arbeiten mehr Menschen als fast hundert Staaten bewohnen. Wal-Mart ist also nicht bloß ein Laden, sondern auch eine sozialpolitische Macht im Weltmaßstab. Man mag sie »transnational« nennen, weil diese Macht ganz offensichtlich über Staatsgrenzen greift.

Die eine wie die andere Seite dieses Zusammenhangs, also einerseits die Reichweite der Handlungen und Unterlassungen von Funktionseliten des konzentrierten Kapitals, andererseits das Fortbestehen regionaler politischer Bedingungen, denen dieses Kapital seine Existenz verdankt und die es auf allen Ebenen so sehr durchdringt, wie es von ihnen nach wie vor durchdrungen ist, muss man verstehen, wenn man die Kapitalmacht brechen will.

Wer sie brechen will, kann für diesen Wunsch glaubwürdige Motive angeben: Diese Macht verhunzt die ökologischen Lebensgrundlagen der Gattung Mensch, sie hält Leute überall in Unselbständigkeit und Blödheit, sie vergewaltigt von Generationen mühsam errichtete Strukturen des Lebenserhalts, sie usurpiert sie oder lässt sie verkommen, wo sie sich nach ihrem Profitmaß nicht rentieren, sie reißt sich die letzten noch nicht von ihr zur Ausbeutung hergerichteten Weltgegenden unter den Nagel, nur um sie, sind sie einmal vernutzt oder aus anderem Grund zur Kapitalverwertung unbrauchbar, aufzugeben und damit zu vernichten. Damit sie das alles tun kann, kauft sie sich die entsprechende Politik. Sie verlangt, ermöglicht und instrumentalisiert Kriege und Bürgerkriege. Das Verhältnis des Kapitals zu politischen Organen, die mit gewählten Trägerinnen und Trägern staatlicher wie zwischenstaatlicher Kontrollfunktionen besetzt sind, ist mittlerweile allerorten ein ganz anderes, als die klassische Propaganda zum Lob des Kapitalismus, der sogenannte Liberalismus, der Menschheit im neunzehnten Jahrhundert weismachen wollte. Damals hieß es, der wirtschaftliche Erfolg der Erfolgreichsten werfe notwendigerweise auch Nutzen fürs Gemeinwesen ab. Das Steueraufkommen, für welches das Kapital sorge, werde, so die nähere Ausführungsbestimmung, dann staatlich investiert in das, was Besitzenden wie Nichtbesitzenden gleichermaßen zugutekommt, von der Bildung bis zur Verteidigung, immer aber auch dem Vertragswesen, gelenkt von Menschen, die dem Nationalstaat (und später Staatenbündnissen und vertragsförmig organisierten überstaatlichen Organen) Rechenschaft schulden.

Nicht nur ist es im Imperialismus ganz anders gekommen – die Bill and Melinda Gates Foundation, ein Gewissenspflegeprojekt des langjährigen Chefs der Softwarefirma Microsoft, gibt zum Beispiel mehr Geld für globale Gesundheitspolitik aus als die World Health Organization der Vereinten Nationen, und in jener Stiftung sitzt niemand, den irgend jemand gewählt hat oder den irgendeine Bevölkerung kontrollieren könnte, derlei Stellen werden durchaus nach abgeleiteter Konzernlogik besetzt. Mehr noch: Die Parole der klassischen Liberalen »Lasst nur das Kapital Profit machen, es wird dann dank der segensreichen Einrichtung des bürgerlichen Nationalstaats ohne Murren finanzieren, was auch die Nichtbesitzenden brauchen« hat sich geradezu als Gegenteil der Wahrheit entpuppt. Die Nichtbesitzenden oder letzten Kleinbesitzenden zahlen Steuern und geben Mehrwert her, Staaten errichten daraufhin in militärischen und zivilen, aber vor allem: öffentlich finanzierten Forschungszusammenhängen etwa das Internet, und wenn das dann einmal fertig ist, greift sich das Kapital das Ding und macht Profit oder Pleite. Privatwirtschaft? Staaten und Superstaaten?

Die zwei Seiten der Sache bilden, das erkennt man sofort, eigentlich einen Widerspruch: Das Kapitalverhältnis ist ein ökonomisches wie ein juristisches, es setzt ungleiche Verträge voraus, deren Zustandekommen und Einhaltung es nicht selbst garantieren kann. Daher gab es nie ein Kapital ohne Staat, aber auch keinen bürgerlichen, also die kapitalspezifischen ungerechten Verträge fordernden, fördernden und schützenden Staat ohne ein Kapital, das ihn unterhielt und, wie vermittelt immer, kommandierte. Solange die Kapitalentwicklung das ist, was Lenin ihr im Büchlein »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« anhand von statistischem Material und daraus gewonnener abstrakter Einsicht in die kausale Funktionalität besagter Entwicklung nachweist, nämlich ungleichzeitig auf verschiedene konkrete (geographische) und abstrakte (volkswirtschaftliche) Territorien verteilt, führt sie zwingend zu Kämpfen um konkrete (abermals: geographische) wie abstrakte (Absatzmarkt, »Battle Space«, Demographie) Handlungsräume für das Kapital.

Hätten wir wirklich – wie manche Leute behaupten, die Tendenzen für etwas halten, was man mit dem Lineal verlängert, um das böse Ende absehen zu können, gegen das sich aber leider nichts machen lässt – bereits einen weltweiten Monostaat, gäbe es also keine todernste Konkurrenz um jene Räume mehr und hätten wir es nicht mit einer Welt zu tun, in der es für Milliarden Menschen durchaus darauf ankommt, wie das Kräfteverhältnis aussieht zwischen dem deutsch-französisch-skandinavischen Eurokapitalismus, dem transatlantisch-britischen Commonwealth-Kapitalismus, dem amerikanischen Enron-Lehman-Blasenimplosionskapitalismus und seinem ebenfalls nach amerikanischem Recht operierenden Zwilling, dem Black-Rock-Finanzdominanzkapitalismus, dem indischen Kapitalismus mit seinen Resten von Staatsmischkonzernen, dem wackligen Kleinbürgerkapitalismus Singapurs, dem Ölscheichkapitalismus Saudi-Arabiens und ein paar weiteren Kleinigkeiten mit Namen wie China und Russland, dann könnte man die Ungleichzeitigkeit ignorieren. Diese Akteure aber sind nicht weg.

Aber selbst, wenn sie alle weg wären und wir unser Dasein als Unterworfene von etwas fristen müssten, das die ganze Erde bedeckt, Güter zuteilt oder entzieht wie ein Gefängnis, organisiert ist wie ein Staat und ausbeutet wie eine Firma, könnte man sich die Lektüre von Lenins Buch immer noch nicht sparen. Denn dabei lernt man auf knappstem Raum, wie die Welt in eine Situation geraten konnte, in der heute immer mehr Leute glauben, es gäbe die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung tatsächlich nicht mehr, von der das Buch so Kluges weiß. Dass die Widersprüche sich in Wahrheit nach wie vor verschärfen, und das sogar beschleunigt, während die in den Medien und an den Akademien der mächtigsten Staaten mit der Deutung des Vorgangs Beschäftigten schon so weit verdummt sind, dass die Wahrnehmung dieses Tatbestands über ihre Kräfte geht, gehört zu dem, was Lenin »Fäulnis des Kapitalismus« nennt – es ist ein intellektueller Effekt dieser Fäulnis, und nicht einmal der schlimmste. Man kann die Diagnose ja meinetwegen anfechten, dass der Kapitalismus verfaule, indem man zum Beispiel zeigt, dass er einige seiner Existenzvoraussetzungen nicht nur zusehends zerstört, sondern sie oder ähnliche aus der Zerstörung auch wieder hervorbringt. Wenn man Sachen von zu weit oben anschaut, sieht etwas wie ein Kreis aus, das in Wahrheit eine Spirale ist, die sich verengt und nach unten weist – »Fäulnis«, das ist ein Wort, an dem man, wenn man zu semantischer Gymnastik neigt, meinetwegen herumdrehen kann, indem man auf kurze Schübe der Wiedergeburt des beweglicheren Kleinbürgertums in neuen Branchen wie IT und Biotech verweist. Andererseits ist in diesen Sparten der Weg vom freien Konkurrenzwesen, also der klassischen Nährlösung für den Kapitalismus als etwas, das neue Produktivkräfte entwickelt, hin zum Monopol, das die Entfaltung dieser Kräfte aus purer Machtpolitik dann schon wieder lähmt, offenkundig kürzer gewesen als je zuvor in der Geschichte des Kapitalverhältnisses. Dass zwischen Aufstieg, also Wertschöpfungsblüte, und Endkampf um den Kuchen, also Marktbereinigungen mit gigantischen Kollateralschäden an Wertvernichtung, bei neuen Branchen inzwischen nur noch ein paar Jahre liegen, würde ich ungern als Gedeihen eines gesunden metaphorischen Ökosystems beschreiben.

Das sind indes Geschmacks- und Vokabelfragen. Unstrittig sollte aber sein, dass der berühmte »faire Markt« heute eine erheblich seltenere Erscheinung ist als das ökonomische (und reale) Schlachtfeld, auf dem es nicht mehr um »freie Bahn den Tüchtigen« geht, sondern um Konflikte, deren Resultate der Einflussnahme der meisten Menschen entzogen sind.

Woher aber hat Lenin von Wal-Mart, Black Rock Incorporated oder dem Unheil gewusst, das von den vor unseren Augen, von Berlin aus forciert, im Entstehen begriffenen »Vereinigten Staaten von Europa« deren Rändern droht? Das sind ja wirklich lauter Sachen, die in seinem Imperialismusbuch nicht mit Namen genannt, aber ihrer Entstehung und Gestalt nach dort bereits sehr genau zergliedert werden. Was für ein Wunderprisma hat diesem Mann also das Licht aus der Zukunft in die klaren Farben zerlegt, mit denen er das Bild sowohl seiner wie unserer Welt malte?

Dialektik statt Magie

Wie schon »Was tun?« (1902), seine nach wie vor unerreichte Analyse der wechselseitigen Bedingtheit des ökonomischen Klassenbewusstseins einerseits und der politischen Strategie und Taktik nach marxistischem Programm andererseits, und wie auch »Staat und Revolution« (1917), die nach wie vor beste Zusammenfassung des klassisch marxistischen Denkens über die strukturfunktionale Seite der Machtfrage, ist das 1916 in Zürich geschriebene, 1917 in Russland erschienene Buch »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« vor allem eine Schule dialektischen Denkens. Damit ist hier gar nichts sonderlich Geheimnisvolles gemeint – »Dialektik« bedeutet in diesem Fall nicht, wie manche raunen, etwa ein quasimystisches Verfahren tiefster Wesensschau, das man, wie der populäre Hexenmeister Harry Potter sein Handwerk, auf irgendeiner Zauberschule lernen müsste. »Dialektik« war für Lenin die schlichte, manchmal fordernde, aber in jedem Fall durch Einübung zu erwerbende und zu pflegende Fähigkeit, beim Blick auf die Geschehnisse der Welt systematisch den Umstand zu berücksichtigen, dass sich die Wirklichkeit, siehe oben, in Widersprüchen entwickelt, und also die falschen Vereindeutigungen zwiespältiger Angelegenheiten zu vermeiden sind, aus denen Dema­gogen wie Benito Mussolini, Gerhard Schröder oder Donald Trump zu unterschiedlichen Zeiten ihre Erfolge bei Idioten geholt haben.

Wer vernünftige und realistische (!) Politik gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Ausgrenzung, Einschließung und Verblödung machen will, kommt um ein Minimum an Dialektik nicht herum. Denkt man also in Widersprüchen, nicht etwa aus Spaß am Paradox, sondern in engem Datenkontakt zur Widersprüchlichkeit des jeweils Gegebenen, so wird man nicht nur vermeiden können, sich in einen verschlafenen oder voreiligen, defätistischen oder triumphalistischen Schwachsinn zu verbohren oder zu verrennen, sondern, was fast noch wichtiger ist, auch nicht von einem Irrtum in einen entgegengesetzten, aber genauso großen Irrtum stürzen.

Irrtümer sind beim Denken und Handeln bekanntlich unvermeidlich, aber undialektisches Denken korrigiert einmal erkannte Irrtümer viel zu schnell und eifrig durchs bloße Gegenteil und kommt damit nicht selten vom Regen in die Scheiße.

Wenn etwa gewisse, eifersüchtig um Autonomie gegenüber allerlei traditionalistischeren Bewegungen und Organisationen bemühte deutsche Linke jahrzehntelang einen mechanistischen Antiimperialismus vertraten, aus diesem dann aber plötzlich, unter dem Eindruck der Annexion der DDR durch die BRD und unter der Losung »Gegen Deutschland!«, in die verblüffendste Blindheit gegen selbst auffälligste Nachteile anderer imperialistischer Staaten stolpern, darunter so großer und schwer zu übersehender wie der Vereinigten Staaten von Amerika, dann wird man sagen dürfen: Mit etwas materialistischer Dialektik (als Methode, nicht als Katechismus aus Albanien) wäre ihnen das ebensowenig passiert wie anderen später der entgegengesetzte Weg von derlei antideutscher Dogmatik zu einer wilden Feindschaft gegen Amerika und irgendwelche Verschwörerbankiers aus New York – einer Feindschaft, die im nächsten Moment bei manchen schon von den »Interessen des deutschen Volkes« schwadronierte, als gäbe es hierzulande keine Klassen mehr, und am Ende »die deutschen Grenzen schützen« will (immerhin: vorerst nur schützen, noch nicht wieder erweitern). Feindschaft gegen den deutschen Staat und das deutsche Kapital stünde nur dann im Gegensatz zum Antiimperialismus, wenn es keinen deutschen Imperialismus mehr gäbe. Den gibt es aber, auch wenn man das als griechische Rentnerin leichter erkennt als an der deutschen Uni (das trifft die dort Lehrenden so gut wie die dort Studierenden, und auf allen Stufen echter oder vermeintlicher Radikalität).

Wer in Widersprüchen denken kann, wird nicht vergessen, dass man bei Liebknechts gegen den deutschen Imperialismus gerichteter, nach wie vor höchst brauchbarer Formel »Der Hauptfeind steht im eigenen Land« das Präfix »Haupt-« nicht verschlucken darf (so wenig wie, wo wir schon dabei sind, das Wort »Partei« in dem unsterblichen Titel »Manifest der Kommunistischen Partei«).

Die aktuelle Lage, vom parteipolitischen bis zum staatlichen und überstaatlichen Feld, von der mangelnden Klarheit in den Köpfen bis zu den fürchterlich zerbrechlichen und beklagenswert spärlichen Einrichtungen übernationaler linker Kommunikation, ist bestürzend. Schwäche, Verwirrung und Mutlosigkeit bestimmen diese Lage.

Ich sage weiß Gott nicht, dass man da automatisch rauskommt, wenn man Lenin liest. Ich sage, dass unter den Politikerinnen und Gewerkschaftern, Schriftstellerinnen und Lehrern, Programmiererinnen und Taxifahrern, die ich getroffen habe und für fähig halte, aus dem gegenwärtigen Schlamassel zur Handlungsfähigkeit zu finden, diejenigen in der signifikanten Überzahl sind, die Lenin gelesen haben.

Bei den Kriegen, die schon geführt werden oder noch auf uns zukommen, wollen diese Leute, von denen ich viel gelernt habe und weiter lernen möchte, nicht wissen, wer »die Guten« sind. Denn schon Lenin, von dem sie sich dabei anleiten lassen, hat sein Imperialismusbuch unter anderem zum Zweck des Beleges seiner These geschrieben, dass »Imperialismus« als Begriffsressource mehr als ein Schimpfwort ist, das eine Seite in so einem Krieg um die Aufteilung der Welt der anderen anhängt, wobei das Wort dann etwas wie »Angreifer« bedeutet. Lenin hat gesehen, dass dieses Wort, wenn man in die Geschichte vorkapitalistischer Imperien zurückschaut und dann vorsichtig Vergleichbares von Verschiedenem sondert, geeignet ist, als Kürzel für genau definierbare Raumordnungsimperative gute Dienste zu leisten, ja das Hirn in die Lage versetzt zu verstehen, was alle damals beteiligten Mächte ins Ereignis »Erster Weltkrieg« geführt hat.

Heutige Leserinnen und Leser von Lenins Buch werden, wenn sie dies im Gedächtnis behalten und es aufmerksam lesen, nicht in die Falle tappen, die überall da lauert, wo man sich heute für »die Guten« entscheidet, statt den je angreifbarsten, also meist: den im eigenen Land sitzenden Imperialismus zu bekämpfen, wo und wie das immer geht, mitsamt seinen Allianzen. Solche Leserinnen und Leser werden darüber hinaus kaum lange und unter Gewissensnöten nach der einen, reinen, wahren, gegen den Imperialismus wirkenden Bewegung oder Organisation suchen, die ihnen moralisch-ästhetisch die liebste ist, sondern werden ihre Mitwirkung an oder bewusste Abstinenz von deren Praxis, ihre Bündnisse und getrennten Wege nach genuin politischen Kriterien abwägen – solchen also, die Lenin dazu befähigt haben zu erkennen, dass das Kapital schon zu seiner Zeit, wie im ganzen verheerenden zwanzigsten Jahrhundert danach, zwischen liberal-flexibler und autoritär-gewaltsamer Herrschaft und wieder zurück wechseln konnte, je nachdem, was ihm gelegen kam, und man sich als Feindin und Feind dieses Kapitals von solchen Wechseln jedenfalls nicht so dumm machen lassen darf, auf die jeweilige Gangart einfach nur situativ und ans täglich Konkrete gefesselt zu reagieren. Um hier kurz an den von Lenin vorgefundenen Stand der Sache zu erinnern: Im Fall der liberalen Spielart der Kapitalherrschaft nahm dieses unreflektierte, bloß reflexhafte, an die Vorgaben des Kapitals gefesselte Reagieren die Gestalt des sozialdemokratischen Reformismus an, im Fall der autoritären Spielart die des anarchistischen Syndikalismus.

Wer bei Lenin gelernt hat, wie man die innere Reflexmaschine abschaltet und statt dessen vernunftgemäß nach realistischer Einschätzung von Chancen und Gefahren operiert, wird also wissen, was jeweils von mehr oder weniger organisierter Globalisierungsgegnerschaft, Internetopposition, Blockupy und diversen auf einzelne programmatische Punkte zwischen Umwelt-, Friedens- und Migrationsfragen gerichteten Bewegungen und Bündnissen zu halten ist; was also den aufgeklärten Antiimperialismus mit ihnen verbindet und was nicht.

Wohlgemerkt: Kein Einzelkriterium dafür steht in Lenins Schriften – es ist die von ihm vorgeführte Denkbewegung als ganze, die ihm erlaubte, mit seiner nach hundert Jahren immer noch erstaunlich hilfreichen, nahezu unverminderten Sehschärfe nach links und rechts zu sehen. In diesem Zusammenhang fordert allein die Aufrichtigkeit, dass man den Unterschied präzise bestimmt, der das Lob, das Lenins Schrift in diesem Text bislang empfangen hat, von einer gewissen anderen Art, die sozialistischen Klassiker in unseren Tagen zu loben, unversöhnlich trennt.

Während Hugo Ball und seine Freunde im Zürcher »Cabaret Voltaire« im Februar 1916 den Dadaismus aus der Taufe hoben, formulierte ein russischer Emigrant im Nebenhaus eines seiner wirkungsmächtigsten Werke. In den ersten Monaten des dritten Kriegsjahres brachte W. I. Lenin in einem spartanisch möblierten Zimmer der Spiegelgasse 14 seine berühmte Untersuchung »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« zu Papier. Das mit Rücksicht auf die Zensur geschriebene Werk konnte erst nach dem Sturz des Zaren im Sommer 1917 in Petrograd legal erscheinen.

Anlässlich des 100. Jahrestages der Fertigstellung des Manuskripts liegt zum 145. Geburtstag des Autors im April 2016 eine kritische Neuausgabe vor, die von zwei Essays aus der Feder von Dietmar Dath und Christoph Türcke eingeleitet wird.

Auf der Basis moderner Editionsprinzipien präsentieren die Herausgeber Wladislaw Hedeler und Volker Külow eine Reihe neuer Forschungsergebnisse. Erstmals wird die Geschichte der Entstehung und Veröffentlichung des Werkes sowie der Personenkreis, mit dem Lenin in Verbindung stand, auf einer gesicherten Quellenbasis umfassend und jenseits parteipolitischer Instrumentalisierung dargestellt. Außerdem dokumentieren die Herausgeber, welche Quellen und welche Literatur Lenin für seine Untersuchung ausgewertet hat.

Die Darbietung und Kommentierung weiterer Texte Lenins aus den Jahren 1915/1916 und der Abdruck des Baseler Manifests des Internationalen Sozialistenkongresses von 1912 erleichtern die Einbettung des Werkes in den imperialismustheoretischen Diskurs am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Ein ausführlicher Registerteil und 61 Abbildungen – darunter 34 zum ersten Mal veröffentlichte Illustrationen – aus Moskauer und Zürcher Archiven erleichtern die Benutzung und verbürgen eine hohe Anschaulichkeit.

Die Herausgeber:

– Dr. Wladislaw Hedeler (geb. 1953) – Historiker und Publizist, Berlin

– Dr. Volker Külow (geb. 1960) – Historiker und Publizist, Leipzig

Wladimir Iljitsch Lenin: »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«. Kritische Neuausgabe mit Essays von Dietmar Dath und Christoph Türcke, herausgegeben und kommentiert von Wladislaw Hedeler und Volker Külow, Berlin 2016, 375 Seiten, XX Euro, erscheint Anfang April

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