Aus: Ausgabe vom 18.03.2016, Seite 6 / Ausland

Newrozfeste verboten

TAK bekennen sich zu Anschlag in Ankara. Panzer rücken in Diyarbakir ein

Von Nick Brauns
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Kämpferisches Fest: Eine maskierte Kurdin am 21. März 2015 in Diyarbakir

Die Stadtguerillaorganisation »Freiheitsfalken Kurdistans« (TAK) hat sich zu dem Autobombenanschlag in der Innenstadt von Ankara bekannt, bei dem am vergangenen Sonntag 37 Menschen getötet wurden. Es habe sich um eine »Vergeltungsaktion« im »Herzen der faschistischen Türkischen Republik« für die »völkermörderische Politik« gegenüber den Kurden gehandelt, schrieb die Organisation am Donnerstag auf ihrer Website.

Ziel des Anschlags seien staatliche Kräfte gewesen, doch aufgrund einer Polizeiintervention sei es zu zivilen Opfern gekommen, erklärten die TAK. Der mit Sprengstoff präparierte Wagen war kurz vor einer Polizeiwache, die offenbar das Ziel des Anschlages war, an einer Bushaltestelle explodiert. »Wir drücken unsere Trauer über den Verlust von Zivilisten aus, die nicht mit denjenigen in Verbindung stehen, die diesen schmutzigen Krieg betreiben«, heißt es von seiten der TAK.

Nach eigenen Angaben hat sich die 2005 erstmals mit Anschlägen in Touristengebieten in Erscheinung getretenen »Freiheitsfalken« von der PKK abgespalten, da diese aufgrund ihrer Versuche, die kurdische Frage auf dem Verhandlungsweg zu lösen, zu kompromissbereit agierte. Ebenso wie die PKK beruft sich die TAK allerdings auf den inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan als ihren »Führer«.

Türkische Behörden aber auch die deutsche Generalbundesanwaltschaft stufen die TAK als Unterorganisation der PKK für Anschläge in der Westtürkei ein, während die PKK zumindest in der Vergangenheit auf deutliche Distanz zu Aktionen gegen Zivilisten gegangen war. Zuletzt hatten sich die TAK im Februar zu einem Anschlag auf einen Militärkonvoi in Ankara bekannt, bei dem 28 Personen getötet wurden.

Am Donnerstag wurden wegen »einigen sehr konkreten und sehr ernstzunehmenden Hinweisen« die Vertretungen der Bundesrepublik in der Türkei geschlossen. Davon betroffen war auch die Botschaft in Ankara. In den vergangenen Tagen hatte das Auswärtige Amt immer wieder deutsche Staatsbürger über bevorstehende Anschläge gewarnt.

Die türkische Regierung hat unterdessen die Feiern zum kurdischen Neujahrsfest Newroz in zahlreichen Städten des Landes verboten. Newroz wird traditionell am 21. März gefeiert, einige Feiern waren bereits für das Wochenende angesetzt. Verboten sind unter anderem die von der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP) und ihrer kurdischen Schwesterorganisation, der Demokratischen Partei der Regionen (DBP), organisierten Newrozfeierlichkeiten in den Provinzen Sirnak und Mardin sowie das für Sonntag geplante Fest in Istanbul, bei dem Hunderttausende Teilnehmer erwartet wurden. Die Gouverneure begründeten die Verbote mit der Unterbindung »möglicher Provokationen wie Massenversammlungen und Demonstrationen«.

Die für Montag angekündigte zentrale Newrozfeier in Diyarbakir, an der alljährlich bis zu einer Million Menschen teilnehmen, ist bislang erlaubt. Allerdings weiten sich in der kurdischen Metropole die bisher vor allem auf die Altstadt Sur beschränkten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den kurdischen Zivilverteidigungseinheiten (YPS) einerseits und Armee und Polizeispezialkräften andererseits nun auf andere Viertel aus.

Seit Dienstag stehen Teile des weitflächigen innerstädtischen Armenviertels Baglar unter Ausgangssperre. Mindestens drei PKK-Anhänger und ein Polizist starben bei Kämpfen. Ein von der kurdischen Nachrichtenagentur Firat News veröffentlichtes Amateur­video zeigt den Einzug einer Kolonne von Schützenpanzern in der Nacht zum Donnerstag nach Baglar.

Aus Angst vor Angriffen der Armee sind in den vergangenen Tagen über die Hälfte der Einwohner aus den unter Ausgangssperre stehenden Städten Yüksekova und Nusaybin geflohen. 20.000 Angehörige der Militärpolizei und von Polizeispezialeinheiten sowie 80 Panzer sind zum Sturm auf Yüksekova zusammengezogen worden und Wohnviertel werden mit Artillerie beschossen. Zu schweren Kämpfen zwischen Zivilverteidigungseinheiten und dem Militär kommt es auch in der Stadt Sirnak. Die Armee beschallt dabei die attackierten Stadtviertel mit osmanischen Militärmärschen, meldet Firat News.

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