Aus: Ausgabe vom 18.03.2016, Seite 5 / Inland

Klassenausflug zum Streik

Lehrkräfte und Schüler in Berlin demonstrieren für höhere Löhne und Gleichstellung unter den Pädagogen

Von Wladek Flakin
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Mitglieder der GEW protestierten am Donnerstag in Berlin (17. März)

Warum sind Berlins angestellte Lehrer am Donnerstag in den Streik getreten? Das kann jedes Kind verstehen. »Ich bin hier zu protestieren, weil ich es unfair finde«, sagt ein kleiner Junge ins Mikrofon. Die zweite Klasse der Lenau-Grundschule in Kreuzberg machte am Donnerstag eine Exkursion. Mit ihrem Lehrer, Uwe Fischer, hatte sie im Vorfeld Protestschilder gebastelt. Aber was genau finden die Grundschüler unfair? »Herr Fischer verdient richtig viel Geld«, erzählt ein weiterer Junge. »Aber ich will, dass alle anderen auch so viel verdienen.«

Auf dem Potsdamer Platz gibt es Applaus für die Kleinen. 3.500 Lehrkräfte haben sich um 10 Uhr bei strahlender Sonne versammelt, mit roten Fahnen und roten Westen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte zum Warnstreik aufgerufen. Seit Anfang 2013 hat sie insgesamt 19 Streiktage organisiert, um die Gleichstellung von angestellten Lehrern mit ihren verbeamteten Kollegen zu erreichen.

Für die Zweitklässer ist die Situation klar: Denn »Herr Fischer« ist Beamter. Die Sonderpädagogin aber, die letztes Jahr in derselben Klasse angefangen hat, ist Angestellte. Obwohl beide die gleiche Arbeit machen, verdient Fischer mehrere hundert Euro im Monat mehr. »Ich darf nicht streiken« sagt Fischer im Gespräch mit jW, »deswegen machen wir die Exkursion heute. Denn Streiks gehören zum Leben dazu.« Mit den Kindern hatte er besprochen, warum ihre Sonderpädagogin heute fehlen würde. Die Ungerechtigkeit ihr gegenüber empörte die Kinder.

Der Berliner Senat dagegen sieht seit Jahren keinen Handlungsbedarf, denn es geht um viel Geld. Seit 2004 verbeamtet das Land Berlin seine Lehrkräfte nicht mehr. Jedes Jahr kommen mehr Angestellte in die Schulen: Heute sind es insgesamt 12.000, bald werden es mehr als die Hälfte aller Lehrkräfte sein. Deswegen werden auch die Streiks größer.

Daniela Wolf vom Albrecht-Dürer-Gymnasium in Neukölln sagte: »Bei uns ist das nicht wie bei der Bahn«. Sie kämpft seit zwei Jahren mit, »aber unsere Streiks richten nicht so viel aus«. Auch die Schüler und Eltern müssen Druck machen, denn schließlich leidet die Qualität des Unterrichts unter der Unzufriedenheit im Lehrerzimmer.

Eine Gelegenheit für gemeinsame Proteste wäre der 27. April – hier planen Bündnisse in verschiedenen Städten Schulstreiks gegen Rassismus. Robert Sobota vom Berliner Schulstreikbündnis betont, dass sie genau wie die GEW das »Recht auf Bildung für Geflüchtete« fordern. Er schlug vor, dass die GEW einen eigenen Warnstreik auf den 27.4. legt.

So wie es die Zweitklässler bereits erzählt haben: Es geht nicht nur um die Höhe der Löhne. Die GEW Berlin hat bereits angekündigt, dass die Streiks nach den Osterferien weitergehen werden. »Es wird nicht reichen, wenn wir alle zwei Monate einen Streiktag machen«, sagte GEW-Mitglied Christoph Wälz im Gespräch mit jW. »Viele wissen, dass wir länger am Stück streiken müssen.«

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