Aus: Ausgabe vom 17.03.2016, Seite 15 / Medien

Dünne Mediensuppe

Das neue Buch Uwe Krügers über den Mainstream

Von Arnold Schölzel
Merkel_zu_Gast_bei_A_4845 Kopie.jpg
Gesellschaftliche Symbiose von Regierenden und Topjournalisten: Angela Merkel bei »Anne Will« am 28. Februar

Gegen Ende seines Buches »Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen« zitiert der Leipziger Publizistikwissenschaftler Uwe Krüger einige Leitsätze der Kriegspropaganda, die der britische Politiker und Schriftsteller Lord Arthur Ponsonby (1871–1946) im Ersten Weltkrieg studiert hatte: »Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, bei uns handelt es sich um Versehen«, »Wir wollen keinen Krieg«, »Der Gegner ist allein für den Krieg verantwortlich«, »Der Führer des feindlichen Lagers ist ein Teufel«.

Diese Prinzipien werden täglich verwirklicht, wie jeder Medienkonsument weiß und Krügers Buch belegt. Er hat es mit derart vielen Beispielen für Fälschungen, Weglassen, doppelte Standards, gleichförmige Kommentierung, für eine »professionell betriebene Verschwörung zur Unterdrückung von Wirklichkeit« (Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann) in den meinungsbildenden Medien der Bundesrepublik bis zum Rand gefüllt, dass hier ein kleines Kompendium aus 15 Jahren Mediengeschichte entstanden ist. Und Krüger nennt Namen. Alles legt den Schluss nahe, das Verfälschen habe etwas mit dem Wesen dessen zu tun, was »Medien«, also »Mittel«, genannt wird (selten wird erläutert, auch Krüger streift das nur, wessen Mittel die gigantischen Konzerne dieser Branche denn sind). Der Autor zieht diese Schlussfolgerung nicht, er verweist auf (einzelne) Fälle guter journalistischer Arbeit, befasst sich mit den miesen, meist prekären, von Existenzunsicherheit und entsprechendem Druck geprägten Arbeitsbedingungen der heutigen Zeitungs- und Fernsehmacher und meint: Der Verlust des Vertrauens in die Medien gefährdet das Ganze, die parlamentarische Demokratie. Er geht in acht Kapiteln der Frage nach, welche Ursachen das hat. Dem Leser drängt sich am Ende eine Antwort auf, die Krüger so nicht formuliert. In Abwandlung eines Satzes von Peter Hacks lautet sie: »Ein Land, das Kriegsmedien hat, braucht keine Zensur.«

Ausgangspunkt des Buches ist der Aufstand von Lesern, Zuschauern und Hörern vor zwei Jahren gegen die Leitmedien. Der Ausdruck »Lügenpresse«, den Krüger ebenso wie »Gleichschaltung« ablehnt und statt dessen »Mainstreammedien« verwendet, steht für einen Kritik-Tsunami, der über das Land hereinbrach. Anlass war die Ersetzung von Berichterstattung über Putsch und Krieg in der Ukraine durch antirussische Hetze. Krüger nennt das nicht so, ist aber in der Sache nicht weniger scharf – seine Beweislast ist erdrückend: In deutschen Leitmedien war der Putsch in Kiew keiner, Nazis gab es nicht, die Scharfschützenmorde auf dem Maidan interessierten ebensowenig wie das Massaker von Odessa am 2. Mai 2014 etc.

Die Vorgeschichte der Konformität in Lügen und Hetze ist lang. Der Autor zählt, gestützt auf empirische Studien, u. a. auf: »den enormen Druck auf Journalisten«, der dazu geführt habe, »dass die Suppe«, die sie zubereiten, »in den letzten Jahrzehnten dünner geworden« sei. Weniger Zeit für Recherche, keine Zeit für Quellenüberprüfung, Aktualitätsdruck, steile Thesen. Die Zeit schrieb z. B. vor einem Jahr ohne jeden Beleg, der Absturz des Germanwings-Flugzeuges in den Alpen sei möglicherweise durch Wartungs- oder technische Mängel bei Maschinen der Lufthansa-Billigflugtochter verursacht worden. Der wirtschaftliche Sinkflug der Zeitungsbranche tut ein übriges: Wurden 1995 noch 30 Millionen Tageszeitungsexemplare verkauft, waren es 2014 noch 20 Millionen.

Der Autor verwendet für das, was Leinemann »Verschwörung« nannte, den Begriff eines US-Politologen: »Indexing«. Gemeint ist, dass Journalisten das »anzeigen«, was in Parlament und Regierung gerade angesagt ist. Die da oben leben in geschäftlicher Symbiose mit leitenden Journalisten. In Grundsatzfragen, speziell in Kriegszeiten, funktioniert das, wie der Verfasser beweist, geräuschlos. Beispiele sind der Angriff auf Jugoslawien 1999 (laut Krüger »eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik«) und Afghanistan. Kritik gibt es höchstens an taktischen Fragen – von Hartz IV bis Regulierung von Finanzmärkten.

Krüger zeigt: Journalisten kommen in der Regel aus dem sozialen Milieu, über das sie vorwiegend schreiben, sind Teil der »Eliten« und von deren Netzwerken. Er knüpft in diesem Teil seiner Untersuchung an seine Dissertation »Meinungsmacht« (2014) an, die im April 2014 durch die ZDF-Satiresendung »Die Anstalt« bundesweit bekannt wurde.

Im neuen Buch kommt er zu einem vernichtenden Urteil: Es wird zwar noch gewählt, aber Wahlkämpfe werden von PR-Experten kontrolliert. Im Schatten »dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht«. Symbolisch sind dafür die geheimen Verhandlungen zu den Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TI SA. Krüger verweist auf die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, auf die militärischen Abenteuer des Westens. Der »Indexing«-Journalismus beschreibe alles unisono als »rational und alternativlos«.

Der Autor hofft darauf, dass sich die Vertrauenskrise überwinden lässt. Zu den Aussichten schreibt er nichts, es steht wohl schlecht. Sein Buch besagt letzlich: Die Wiedereinführung von Journalismus wäre fällig. Das setzt aber ein anderes Geschäftsmodell als das der sogenannten Medien voraus. Das ist hier und heute nicht zu haben.

Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. C.  H. Beck, München 2016, 170 Seiten, 14,95 Euro

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Medien