Aus: Ausgabe vom 15.03.2016, Seite 7 / Ausland

Willkommener Kriegsgrund

37 Tote bei Anschlag in Ankara. Türkische Regierung antwortet mit Luftschlägen gegen Kurden im Nordirak und Razzien gegen Oppositionelle

Von Kevin Hoffmann, Istanbul
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Ein Bild der Verwüstung: Der Ort des Anschlags in Ankara am Sonntag

In der türkischen Hauptstadt Ankara hat sich am Sonntag abend erneut ein Selbstmordanschlag ereignet. Der oder die Angreifer sprengten sich um 18.45 Uhr Ortszeit am Kizilay-Platz in unmittelbarer Nähe zum zentral gelegenen Güvenpark im Stadtteil Kizilay mit einer Autobombe in die Luft. 37 Menschen starben, mindestens 125 wurden verletzt. In der Nähe befinden sich zahlreiche Regierungs- und Bürogebäude sowie mehrere Bus- und U-Bahn-Haltestellen.

Während die Tageszeitung Hürriyet unter Berufung auf Sicherheitskreise zunächst berichtete, die Attacke habe sich gegen einen in der Nähe zum Tatort befindlichen Polizeistützpunkt gerichtet, erklärte Innenminister Efkan Ala in einer Sonntag nacht gehaltenen Fernsehansprache, dass Zivilisten das Ziel gewesen seien. Die US-Botschaft hatte auf ihrer Internetseite erst am vergangenen Freitag vor einem drohenden Anschlag in einem nahegelegenen Viertel gewarnt und US-amerikanische Staatsbürger dazu aufgerufen, die Gegend zu meiden. Laut Botschaft beruhte die Warnung auf Informationen der türkischen Geheimdienste.

Die türkische Regierung verhängte bereits kurz nach der Tat eine Nachrichtensperre. Laut Hürriyet erwirkte ein Gericht in Ankara am Sonntag abend zudem eine Sperrung des Zugangs zu den »sozialen Netzwerken« Twitter und Facebook. Dies wurde damit begründet, dass Nutzer Fotos und Videos des Anschlags und der Opfer verbreitet hätten.

Die prokurdische Partei HDP veröffentlichte noch am Sonntag abend eine Erklärung, in der sie das Attentat verurteilte und den Verletzten sowie ihren Familien ihr Mitgefühl aussprach. »Wir beteuern, dass all diese Schmerzen, welche unseren Völkern angetan wurden, uns nicht von unseren brüderlichen Gefühlen abhalten werden, und wir verurteilen noch einmal diesen Angriff«, heißt es in der Erklärung. Auch Vertreter der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, der faschistischen MHP und der kemalistisch-sozialdemokratischen CHP verurteilten den Angriff.

Bei der Attacke handelte es sich bereits um den dritten Anschlag in Ankara seit Oktober letzten Jahres. Nach dem letzten Attentat vom 17. Februar wurde ein verstärktes Sicherheitskonzept für die Stadt eingeführt, um derartige Ereignisse – vor allem in der Nähe des Regierungs- und Diplomatenviertels – künftig zu verhindern.

Bis zum Redaktionsschluss von jW lag kein Bekennerschreiben zu dem Anschlag vor. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert jedoch ungenannte Polizeiquellen, die einen der Angreifer als angebliches Mitglied der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) identifiziert haben wollen. Von offiziellen Quellen wurde dies bisher nicht bestätigt. Bei den vergangenen Anschlägen haben sich solche Bezichtigungen ebenso wie die offiziellen Untersuchungsergebnisse oftmals als falsch herausgestellt. Zuletzt war dies beim Anschlag der Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) am 17. Februar in Ankara der Fall. Die Regierung hatte damals eine falsche Identität des Attentäters veröffentlicht, um den Anschlag den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im syrisch-kurdischen Rojava anzuhängen.

Ungeachtet dessen wurden laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi noch in der Nacht zum Montag 18 Stellungen der PKK im Nordirak in den Regionen Kandil und Gara bombardiert. Die Angriffe wurden als »Vergeltungsschläge« bezeichnet. Laut der sozialistischen Nachrichtenagentur ETHA begann die türkische Armee zudem in der Nacht auf Montag, die kurdischen Städte Nusaybin und Yüksekova mit Panzern und Artillerie anzugreifen. Den Attacken vorausgegangen waren die Zwangsbeurlaubung aller Lehrer sowie eine seit Mitternacht herrschende Ausgangssperre. Auch für die kurdische Stadt Sirnak gelte ab Montag abend eine solche Ausgangssperre, berichtete die Nachrichtenagentur ANF.

Laut ETHA fanden am Montag in den frühen Morgenstunden zudem parallele Hausdurchsuchungen in Adana, Mersin, Eskisehir, Mugla, Istanbul und Osmaniye statt. Sie richteten sich vor allem gegen Mitglieder und Unterstützer der HDP. Es wird von mindestens 50 Festnahmen berichtet. Den Verhafteten wird unter anderem »Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation« vorgeworfen.

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