Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Immer gibt es Alternativen

Ein Leben als Geschichtsbuch: Heute wird Theodor Bergmann aus der KPD-Opposition 100 Jahre alt

Von Erhard Korn
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Klassenkämpferisch optimistisch bleiben: Theodor Bergmann bei einem Besuch der Redaktionsräume der jungen Welt, 2006

Wenige Tage nach dem Abitur, an seinem 17. Geburtstag, musste Theo Bergmann Deutschland verlassen. Es war der 7.3.1933. Die SA stand schon vor dem Haus. Nicht weil der Vater Rabbiner und Leiter der jüdischen Volkshochschule Berlins war. Sie suchten nach den Söhnen. Alfred, der ältere Bruder, wurde einen Tag später verhaftet. Er kam ins KZ, konnte fliehen und wurde dann 1940 von der Schweiz an die Gestapo ausgeliefert und ermordet. Ein Stolperstein vor seiner früheren Wohnung in Berlin, Uhlandstraße 194 a, erinnert an ihn.

Durch Alfred war Theo in Kontakt gekommen mit der kommunistischen Bewegung. 1928 spaltete sich die KPD, als die Parteiführung die Sozialdemokratie zum »sozialfaschistischen Hauptfeind« erklärte. Die Vertreter der Einheitsfrontpolitik mussten klein beigeben oder wurden, wie der frühere Vorsitzende Heinrich Brandler, ausgeschlossen. Daraufhin gründete er mit August Thalheimer die KPD-Opposition (KPO), die zwar viele Altspartakisten, aber insgesamt nur eine vergleichsweise schmale Basis organisieren konnte. Darunter war auch der junge Theo gewesen.

Auf der Flucht

1933 floh er über Saarbrücken nach Marseille, von wo er sich nach Palästina einschiffte. Die britischen Behörden ließen jährlich ein kleines Kontingent jüdischer Flüchtlinge einreisen. Doch Theo konnte das Schulgeld für eine Ausbildung auf einer Landwirtschaftsschule nicht aufbringen. Daher reiste er nach zwei Jahren im Kibbuz 1936 in die Tschechoslowakei, wo er im Sudentenland Landwirtschaft studierte und sich als Landarbeiter seinen Lebensunterhalt verdiente. Nebenher unterstützte er die illegale Arbeit der KPO im Deutschen Reich.

Der spanische Bürgerkrieg wurde von den Emigranten kontrovers diskutiert, vor allem die Volksfrontpolitik, mit der die demokratischen Regierungen für ein Bündnis gegen den Faschismus gewonnen werden sollten. Doch England und Frankreich ließen nicht nur die Spanische Republik im Stich, sondern auch die Tschechoslowakei, in die Hitler 1938 einmarschierte, um das Sudetenland zu besetzen. Bergmann musste erneut fliehen, über Danzig nach Dänemark, wo er nur knapp der Auslieferung an Hitlerdeutschland entging. In Schweden fand er immerhin Aufnahme, eine Arbeitserlaubnis aber nur für Tätigkeiten, für die sich keine Schweden finden ließen: Er schlug sich als Melker und Waldarbeiter durch.

Im April 1946 kehrte Theodor Bergmann in ein auch geistig zertrümmertes Deutschland zurück. Im Gepäck trug er Arbeiten August Thalheimers: die Broschüren »Die Potsdamer Beschlüsse« (1945) und »Grundlagen und Grundbegriffe der Weltpolitik nach dem 2. Weltkrieg« (1946). Sie sollten eine Grundlage bilden für die Diskussion mit aus den Bombenkellern, den Konzentrationslagern oder der Emigration zurückkommenden Genossen der früheren KPD-Opposition. Mit diesen Texten reiste nun Bergmann durch die Besatzungszonen, um an alte Kontakte anzuknüpfen, die während der NS-Herrschaft abgerissen, bzw. zerstört worden waren. Nach dem Krieg war unter Linken die Bereitschaft, sich abermals einer »Zwischengruppe«, sozusagen zwischen SPD und KPD, anzuschließen, wenig ausgeprägt. Angestrebt werden sollte vielmehr, so das Manifest des befreiten KZ Buchenwald, »die Einheit der sozialistischen Bewegung«, begründet auf den »Gedanken des Klassenkampfs und der Internationalität«.

Einheit und Unabhängigkeit

Im antifaschistischen Widerstand und in den Lagern schienen die alten Fraktionsgrenzen verschwunden zu sein. In der illegalen Lagerleitung des KZ Buchenwald hatten neben den KPD-Leuten auch KPO-Genossen vorbildlich gewirkt. Der KPO-Mann Willi Bleicher wurde durch seinen Einsatz für den kleinen Juschu Vorbild für die Hauptfigur im Roman »Nackt unter Wölfen« von Bruno Apitz.

Beim politischen Neubeginn 1945 wurden die KPO-Mitglieder auch in der SBZ teilweise ohne Vorurteile akzeptiert, sie hatten auf Grund ihrer Erfahrungen und ihrer Zuverlässigkeit an vielen Stellen Leitungsfunktionen inne. Vier ehemalige KPO-Funktionäre wurden Minister in Landesregierungen – alle aber nach 1948 im Zuge der Restalinisierung aus der KPD/SED ausgeschlossen, soweit sie nicht vorher ausgetreten waren. 1949 galten sie schon wieder als »eine Agentur des anglo-amerikanischen Imperialismus«, wie Robert Siewert aus früheren illegalen Lagerleitung in einer »Selbstkritik« im Neuen Deutschland erklären musste.

Hatte die KPO vor 1933 eine Tageszeitung unter dem Titel Arbeiter-Politik herausgegeben, so gab es nun die Zeitschrift Arbeiterpolitik, deren unbezahlter Redakteur Bergmann 1948 wurde. Im Anlehnung an die Analysen des 1948 verstorbenen Thalheimer verfasste er kluge und weitsichtige Texte, beschrieb früh die bevorstehende Spaltung Deutschlands, die Anpassung der sozialen Systeme der Besatzungszonen an die jeweiligen Besatzungsmächte und forderte eine eigenständige Politik der deutschen Arbeiterklasse. Diese Überlegungen konnten nur ansatzweise politische Wirkung entfalten, etwa bei den erfolgreichen Kämpfen gegen die Demontage der Reichswerke Salzgitter.

Neuere Entwicklungen wie etwa der Konflikt zwischen Tito und Stalin führten zu bitteren Auseinandersetzungen in der Redaktion. Theo Bergmann trat aus und konnte, unterstützt von seiner Lebensgefährtin Gretel, schließlich 1955 mit einer Arbeit über die Landwirtschaft in Schweden promovieren und sich unter seinen oft reaktionären und teilweise antisemitischen Wissenschaftskollegen als Fachmann für internationale Agrarpolitik behaupten. Genossenschaft und Kibbuz, Indien, Afrika und China waren seine Hauptthemen als Professor an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Auch mit der Entwicklung in Israel setzte sich der »nichtjüdische Jude und Internationalist« kritisch auseinander, ohne jedoch dem neuen Staat das Existenzrecht abzusprechen. Für Bergmann war eine solche Haltung nach Auschwitz unmöglich. Mit seiner Familie in Israel feiert er nun auch seinen heutigen 100. Geburtstag – zur Landtagswahl will er aber pünktlich wieder in Stuttgart sein.

Trotzdem optimistisch

1978 erinnerte er mit einer kleinen Tagung an die Gründung der KPO 50 Jahre zuvor. Nach seiner Emeritierung 1981 arbeitete er intensiv an der Geschichte dieser »organisierten kommunistischen Richtung« und ihrer Aktivisten, 1987 veröffentlichte er das Standardwerk »Gegen den Strom. Die Geschichte der KPD-Opposition«. Seither hat er fast jährlich Bücher publiziert, oft Ergebnisse der von ihm organisierten wissenschaftlichen Tagungen über die »Ketzer im Kommunismus« wie Nikolai Bucharin oder Liu Shaoqi. Nach dem Ende der DDR und der UdSSR standen endlich auch die Archive für entsprechende Forschungen offen, und es konnten neue Kontakte geknüpft werden. Stets beharrte Theo Bergmann darauf, dass kein Automatismus zum Untergang dieses ersten sozialistischen Versuchs geführt habe, es bestanden immer Alternativen, und es gibt sie, etwa bei der weiteren Entwicklung Chinas, noch immer.

Heute erscheint aus Anlass seines 100. Geburtstags die Neuauflage seiner sehr lesenswerten Autobiographie »Im Jahrhundert der Katastrophen«. Er hat ihr einen Schlussteil hinzugefügt, dessen letzter Satz lautet: »Der Kapitalismus darf nicht das letzte Wort der Geschichte sein. Ich bleibe auch im Niedergang und nach der Niederlage von 1989 Optimist.«

Vermutlich ist das einer der Gründe, warum Theo Bergmann fast wöchentlich gerade von jungen Leuten eingeladen wird, um sie durch die seltene aktive Zeitzeugenschaft eines im Kaiserreich begonnenen Lebens und die Gradlinigkeit seines Lebenslaufs zu beeindrucken, und, wie er sagt, einige der »teuer erworbenen Erfahrungen zu vermitteln«.

Theodor Bergmann: Im Jahrhundert der Katastrophen. VSA, Hamburg 2016, 312 S., 22,80 Euro

Der Autor ist Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg

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