Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Ein leicht überspanntes Verhältnis

Abwechselnd Haut, Lust, Abwasch und Aktivismus: Der Dokumentarfilm »Sexarbeiterin« macht Lust auf sein schwieriges Thema

Von Jenny Künkel
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Ohne Zeigefinger mit Klischees aufräumen: die Titelheldin

Erfrischend unaufgeregt nähert sich der Dokumentarfilm »Sexarbeiterin« seinem Thema. Monatelang ließ sich die Berlinerin Lena Morgenroth bei der Arbeit und in der Freizeit begleiten. Bei der Finanzierung des Films durch Crowdfunding wurden die Filmemacher um Max-Ophüls-Preisträger Sobo Swobodnik kurzzeitig zu Kollegen der Porträtierten. Als Dankeschön für Spenden gab es sexuelle Dienstleistungen vom »gefilmten Kuss« bis zur »Carework mit Happyend«.

Der Film lässt sich Zeit, Alltägliches zu zeigen: von der Erledigung des Bürokrams über erotische Massagen von Kunden und Kundinnen, die vereinzelt auch zu Wort kommen, bis zum Ausflug in die Kletterhalle oder dem Besuch bei Freundinnen in einer Wohngemeinschaft. Berichtet wird von Schwierigkeiten und Einfachheiten des Coming-outs. Die Dokumentation zeigt abwechselnd Haut, Lust, Abwasch und politischen Aktivismus. Zwischendurch erklärt Lena Morgenroth Selbst- und Fremdbezeichnungen, sie fragt nach Freiwilligkeit im Kapitalismus, beschreibt Machtverhältnisse oder die Regulierung von Nähe und Distanz zwischen Sexarbeitern und Kundschaft. Und sie problematisiert das etwas überspannte Verhältnis unserer Gesellschaft zu Sexualität. Schwere Themen, aber die Dokumentation stimmt zugleich heiter und nachdenklich.

Manchmal drängt die Kunst womöglich etwas zu sehr in den Vordergrund. Der Film ist ganz in Schwarzweiß gehalten, arbeitet mit Weichzeichnern und emotionaler Musik, die die Protagonistin gemeinsam mit der Sängerin Ines Theileis geschaffen hat. So werden die Alltagspraktiken und Körper, über die die Kamera bisweilen in genussvoller Langsamkeit gleitet, zur Sinnesfreude – auch, wenn sie für sich genommen banal sind bzw. nicht herrschenden Normen von Makellosigkeit entsprechen oder die Szenen intimer werden, als wir es sonst im Kino gewöhnt sind.

Der komplette Verzicht auf die im Dokumentarfilm üblichen Interviews lässt die Alltagsbeobachtungen ungemein menschlich erscheinen und erlaubt es, ohne moralischen Zeigefinger mit allerlei Klischees aufzuräumen. Allerdings bleiben die politischen Äußerungen Morgenroths damit auf Auszüge aus Radiointerviews oder persönlichen Gesprächen und auf Kongressauftritte beschränkt. Umso mehr empfiehlt sich der Besuch einer Kinovorführung mit anschließendem Gespräch. Bis Mitte April ist die Sexarbeiterin mit dem Regisseur auf Deutschlandtour.

Ans Herz zu legen ist der Film nicht zuletzt Menschen, die bisher wenig mit Prostitution in Berührung gekommen sind. Denn er macht Lust auf das Thema und der einen oder dem anderen vielleicht sogar auf eine erotische Massage.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und hat über lokale Prostitutionspolitiken in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Madrid geforscht

»Sexarbeiterin«, Regie: Sobo Swobodnik, D 2016, 96 min, Kinostart heute, Tourtermine unter www.partisan-filmverleih.de/kinotermine

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