Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 6 / Ausland

Der IS frisst seine Kinder

Syrien: Aktivisten melden Hinrichtung niederländischer Dschihadisten

Von Gerrit Hoekman
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Diese Propagandabilder sind längst Vergangenheit: Vor allem europäische Dschihadisten versuchen, sich vom IS abzusetzen

Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hat in der syrischen Stadt Madan, 70 Kilometer östlich von deren »Hauptstadt« Rakka, am vergangenen Freitag angeblich acht Dschihadisten aus den Niederlanden hingerichtet. Das meldet die syrische Menschenrechtsgruppe »Raqqa is Being Slaughtered Silently« (RBSS, »Rakka wird leise abgeschlachtet«), die im Machtbereich des IS im Untergrund aktiv ist, am Montag auf ihrer Internetseite. 75 weitere Dschihadisten wurden demnach von der Miliz »verhaftet«.

Glaubt man den Informationen aus Syrien, wirft der IS den Niederländern vor, sich von ihm losgesagt zu haben. Die Gruppe soll schon seit geraumer Zeit mit der Stadtkommandantur von Rakka über Kreuz liegen, in der irakische Kämpfer das Sagen haben. Deshalb hätten sich die Niederländer, die überwiegend einen marokkanischen Migrationshintergrund haben sollen, in die Gegend um die Pferderennbahn Al-Furusija am Stadtrand zurückgezogen, wo sie demnach relativ isoliert lebten. Vor etwa einem Monat habe eine IS-Patrouille dort einen jungen Niederländer gefangengenommen. Er soll geplant haben, aus Rakka zu fliehen, und andere angestiftet haben, es ihm gleichzutun. Am nächsten Tag seien zwei weitere Niederländer verhaftet worden, einer von ihnen habe das Verhör nicht überlebt. »Als die Nachricht das niederländische Camp erreichte, zogen sie sofort zu dem Büro, in dem das Verhör stattgefunden hatte. Dort brach ein Feuergefecht aus«, berichtete RBSS auf seiner Internetseite. Die IS-Führung in Rakka schickte daraufhin einen Abgesandten in das Lager der Niederländer, um den Streit zu beenden. Doch die Dschihadisten hätten den Schlichter aus Rache kurzerhand umgebracht. »Die IS-Führung in Rakka befahl prompt die Verhaftung aller Niederländer«, so RBSS. Es kam zu einem erneuten Schusswechsel, bei dem es auf beiden Seiten Opfer gegeben haben soll.

Die im englischen Coventry ansässige »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte«, häufig einzige Quelle westlicher Medien für Berichte über Syrien, widersprach der Darstellung des RBSS und bezeichnete die Informationen als »falsche Gerüchte«. Das vom Exilsyrer Rami Abdulrahman betriebene Sprachrohr regierungsfeindlicher Rebellen beruft sich auf Informanten in den Reihen des IS. Deren Glaubwürdigkeit ist nicht überprüfbar. Die Aktivisten von RBSS haben daraufhin noch einmal die Richtigkeit ihrer Darstellung bekräftigt.

Auch Mohamed Nidalha aus dem holländischen Leiden berichtete am Mittwoch gegenüber der Boulevardzeitung De Telegraaf von einer Rebellion niederländischer Islamisten in Rakka. Seitdem sich sein Sohn dem IS angeschlossen hat, steht der Vater in Kontakt zu anderen Eltern sogenannter Polderdschihadisten. Nidalha erklärte, dass es sechs Niederländern gelungen sei, aus dem Kalifat zu fliehen. Sie würden sich jetzt in einem Haus an der türkischen Grenze befinden. Viele andere Niederländer hätten sich inzwischen der Al-Nusra-Front angeschlossen, dem syrischen Ableger von Al-Qaida. »Das Elend ist, dass wir nur eine Quelle haben: die Aktivistengruppe aus Rakka. Der IS hat das Internet teilweise gesperrt. Manchmal sind unsere Kinder ganz kurz online, aber dann sind sie gleich wieder verschwunden«, sagte Nidalha im Telegraaf. Er hält die Darstellung der RBSS-Aktivisten für glaubwürdig.

Als relativ sicher gilt, dass es um das Innenleben des IS nicht mehr allzugut bestellt ist. Nach Einschätzungen von Beobachtern haben vor allem die russischen Luftangriffe eine verheerende Wirkung auf die Moral und die militärische Schlagkraft der Dschihadisten. Sowohl die syrische Armee als auch die kurdischen Volksbefreiungseinheiten konnten in den vergangenen Monaten große Teile des vom IS eroberten Territoriums befreien. Auch finanziell ist der IS offenbar nicht mehr auf Rosen gebettet, nachdem die russische Luftwaffe den Öltransport aus dessen Einflussbereich ins Ausland praktisch unterbunden hat.

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