Aus: Ausgabe vom 02.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Gerechtigkeit für alle

Eine Erinnerung an Gottfried Ensslin, der morgen 70 Jahre geworden wäre

Von Markus Bernhardt
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»Dieser durch und durch gebildete Mann lebte als kleiner Rentner ohne Ehrgeiz – außer dem Streben nach Gerechtigkeit für alle Menschen«, schrieben Barbara Kalender und Jörg Schröder 2013 in ihrem Nachruf auf Gottfried Ensslin

Gottfried Ensslin war einer der exponiertesten Vertreter der linken Schwulenbewegung, eine politische Kraft, die heute fast vollkommen verschwunden ist. Statt dessen gibt es eine »Queer-Bewegung«, der es an einer »Gesamtkritik des neoliberalen Kapitalismus« fehle, urteilte Ensslin. »Wir schwulen 68er haben uns explizit auf Sigmund Freud und seine Theorie einer ursprünglichen Bisexualität bezogen. Dieser Ansatz eröffnete den Raum, unsere Emanzipation in die Perspektive allgemeiner sexueller Befreiung zu stellen«, erklärte Ensslin im März 2013 bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in Berlin, als er einen Vortrag zum Thema »Schwules Coming-out gestern und heute« hielt.

Für ihn war es eine »einfache Tatsache, dass in jedem schwulen Coming-out ganz individuell fundamentale Einsichten in die Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Gesellschaft genommen« werden. Gerade wenn man sich genau an die einzelnen Schritte des Coming-outs erinnere, bleibe der Blick auf gesellschaftliche Mechanismen und Machtwirkungen geschärft, stellte er klar.

Mit schwulen Selbstgefälligkeiten konnte er nichts anfangen. So kritisierte er beispielsweise, dass Schwule in der Vergangenheit »aufgrund ihrer subjektiven Unterdrückungserfahrungen für gesellschaftliche Veränderungen kämpften«, während sie heutzutage einzig »die ihnen von den Heterosexuellen zur Verfügung gestellten Reservate« verwalten würden. Die sogenannte Homoehe lehnte er entschieden ab, für ihn war das eine »schlechte Kopie der heterosexuellen Zweierbeziehung«, die zu »einem Ladenhüter« geworden sei. Die monogame Zweierbeziehung galt ihm als »ein Modell, das zu Lähmung, gegenseitiger Fixierung und Rückzug führt und keinen Raum für andere Lebensentwürfe öffnet«. Eine Alternative sah er in den alternativen Beziehungsmodellen und Wohngemeinschaftsformen der 1970er. Diese gelte es aufzugreifen und fortzuentwickeln. Auch machte er sich schon 2006 für eine bedingungslose Grundsicherung in Höhe von 1.500 Euro stark.

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Besuch bei einem humorvollen Mann: Gottfried Ensslin 2012 mit dem Autor dieses Artikels

Gottfried Ensslin wurde am 3. März 1946 in Bartholomä auf der Schwäbischen Alb geboren. Nach seinem Wehrersatzdienst in einer Tübinger Einrichtung für Drogensüchtige konnte er Ende der 60er Jahre aufgrund eines Stipendiums in Cambridge studieren. Hier politisierte er sich - in den heftigen Protesten gegen den Putsch der griechischen Obristen, in deren Verlauf es zu Verhaftungen, Gefängnisstrafen und Ausweisungen kam. Von England aus verfolgte er die Protestbewegung in der Bundesrepublik und die Verhaftung seiner Schwester Gudrun Ensslin. In dieser Zeit kam es auch zu seinen »Coming-out«-Erfahrungen als schwuler Mann. Für ihn war die freie Entfaltung eines jeden Menschen niemals Verhandlungsmasse. Deshalb konnte er sich mit dem kleinbürgerlichen Muff vieler K-Gruppen der 1970er und 80er Jahre nicht anfreunden. Auch mit dem Realsozialismus der DDR hatte er so seine Schwierigkeiten. Wie seine Schwester Gudrun lehnte er es ab, den Hauptwiderspruch von Kapital und Arbeit über die Nebenwidersprüche anderer Repressionsformen zu stellen. Folgerichtig war Ensslin Anfang der 70er Mitglied der legendären Schwulengruppe »Rote Zelle Schwul«, (RotZSchwul), die die Forderung nach Emanzipation der Homosexuellen mit einer marxistischen Gesellschaftsanalyse verband. Dem CSU-Rechtsaußen Franz Josef Strauß hielt sie den Slogan »Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger« entgegen.

Ensslin lernte Buchhändler und arbeitete bis zur Rente bei der Kaufhauskette Karstadt, wo er auch eine Zeitlang Betriebsrat war. Er war ein kluger, humorvoller und, wenn nötig, auch scharfzüngiger Intellektueller. Zugleich war er ein äußerst warmherziger und sensibler Mensch. Er besaß feine Antennen, die ihn spüren ließen, wie es seinem jeweiligen Gegenüber tatsächlich ging. Aber wie ging es ihm selbst? Am 6. Dezember 2013 nahm er sich in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg das Leben. Barbara Kalender und Jörg Schröder schrieben in ihrem Nachruf auf ihrem taz-blog: »Wegen der tragischen Familienumstände läge die Vermutung nahe, dass Gottfried ein verbissener Unbedingter war. Mitnichten! Wir haben noch sein dröhnendes Lachen im Ohr, erinnern uns an seine profunde Gelehrsamkeit, seinen schnellen Witz und die ironischen Geistesblitze, aber auch seine Liebe zu allen schönen Dingen und kulinarischen Genüssen, der er nur selten frönen konnte. Denn dieser durch und durch gebildete Mann lebte als kleiner Rentner ohne Ehrgeiz – außer dem Streben nach Gerechtigkeit für alle Menschen.«

Vor seinem Tod hatte Gottfried Ensslin noch einen Anlauf gewagt, Licht ins Dunkel der »Todesnacht von Stammheim« zu bringen. Anlässlich des 35. Todestages seiner Schwester Gudrun beantragte er im Oktober 2012 bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart die Neuaufnahme des Ermittlungsverfahrens. In der Nacht zum 18. Oktober 1977 waren Gudrun Ensslin sowie die ebenfalls im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader und Jan-Carl Raspe zu Tode gekommen. Die dort inhaftierte Irmgard Möller überlebte diese Nacht schwerverletzt und sagte anschließend, dass es sich entgegen offiziellen Darstellungen von Justiz und Politik nicht um einen kollektiven Suizid, sondern um Mord gehandelt habe. Der Antrag Ensslins wurde von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft jedoch abgelehnt. Die 83seitige Begründung, die mir Ensslin bei unserem letzten Zusammentreffen, nur wenige Tage vor seinem Tod, übergab, strotzt nur so vor Selbstgewissheiten und Phrasen. Gemeinsam mit seiner Schwester Christiane hatte Gottfried schon früher über Jahre hinweg erfolglos versucht, die Aufklärung des Todes der Schwester zu befördern. Mit der Entscheidung der Staatsanwaltschaft 2012 wollte er sich nicht abfinden. Bei anderen ehemaligen RAF-Mitgliedern bzw. deren Angehörigen warb er um Unterstützung und Hilfe. Jedoch vergeblich. Morgen wäre Gottfried Ensslin 70 Jahre alt geworden. Die Stammheimer Todesnacht bleibt unaufgeklärt.

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