Frau mit Bisonhorn – Reliefdarstellung aus Laussel, Frankreich (Paläolithikum)
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Vor 150 Jahren erschien Charles Darwins epochemachendes Werk
»Über die Entstehung der Arten«.
Das Bedürfnis, Ursprünge zu entdecken und zu erforschen,
ist tief im menschlichen Bewußtsein und im Unbewußten
verankert. Es reicht von der Kinderfrage danach, wo die Kinder
herkommen, über die Frage, wo wir herkommen, bis zu den Fragen
nach der Entstehung des Universums. Darwin konnte die Frage nach
der Veränderlichkeit, Vielfalt und der Entstehung der Arten
der Tier- wie auch Pflanzenwelt im Prinzip lösen (noch ohne
Kenntnis der genetischen Mutation, die das Material für die
Selektion bereitstellt), Marx um die gleiche Zeit, also vor etwa
anderthalb Jahrhunderten, die nach der Entstehung des Kapitals als
»sich selbst verwertendem Wert« und nach der
Notwendigkeit, seine bewußtlos-blind wirkende und
verblendende Herrschaft zu beenden (die nun freilich nicht in der
Art einer Naturnotwendigkeit geschehen wird). Die Frage nach der
Entstehung der Kunst ist Teil der Fragen nach den Anfängen der
Menschen und ihrer Hervorbringungen.
Kreationismus und Kretinismus
Die Antworten sind auch heute noch im Zeitalter der
»Moderne«, der »Demokratie« (bei der in der
Regel das entscheidende Eigenschaftswort vergessen wird,
hierzulande also der bürgerlichen), im Zeitalter der
Wissenschaft, oft erstaunlich vormodern und unwissenschaftlich.
Weniger höflich formuliert sind Kreationismus (das
fundamentalistische Festhalten am biblischen
Schöpfungsbericht) und Kretinismus, also eine inzwischen als
Wort veraltete Form von Verblödung, miteinander verschwistert.
»Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts von 1999 halten nach
wie vor 47 Prozent aller US-Amerikaner an der
Schöpfungstheorie fest. ›Sie können nicht glauben,
daß ihre Vorfahren Fische waren. Das ist ja auch eine
verrückte Idee‹, sagt (… der) Präsident des
Institute of Creation Research und Hohepriester der Kreationisten.
Aber Kreationismus ist kein rein US-amerikanisches Phänomen.
Die italienische Bildungsministerin (...) verbannte im April 2004
die Evolutionslehre aus dem Lehrplan für staatliche Grund- und
Mittelschulen.«1
Der Beschluß wurde nach breiten Protesten
zurückgenommen. Vorerst. Aber er zeigt, wes Geistes Kind viele
der Regierenden und Herrschenden sind: Wissenschaftliche Wahrheit
nein, religiöse Ideologie ja. Oder, anders gesagt: Statt
Darwinismus bzw. Neodarwinismus zu lehren und zu lernen wird
Sozialdarwinismus praktiziert. Nur die Stärksten,
Gesündesten, Tüchtigsten, »Fittesten«
überleben; »Leistung lohnt sich«, besonders
für die, die zu gesellschaftlich sinnvoller Arbeit
unfähig, aber sonst zu allem fähig sind und es sich
leisten können; »jeder ist seines Glückes
Schmied«, egal, ob er die Schmiede besitzt oder vom
Schmiedenbesitzer benützt oder gar entlassen wird; und der
»Markt«, wie Gott, wird es schon richten.
»In Deutschland, Österreich und der Schweiz glaubten
nach einer Umfrage vom November 2002 41 Prozent der
Bevölkerung daran, daß die Welt und das Leben
Schöpfungen Gottes sind.« Dabei gibt es anscheinend
immerhin Zugeständnisse an die Wissenschaft: »Jeweils
die Hälfte dieser Gruppe glaubte entweder an eine von Gott
gesteuerte Evolution nach Darwin oder an die Schöpfung des
Lebens durch Gott allein in den vergangenen 10000
Jahren.«2
Mit der ersten Variante hätte sich Darwin wohl sogar
abgefunden, da er vorsichtig und im Prinzip mit der
bürgerlichen Ordnung nicht uneinverstanden war, jedenfalls
unter der Bedingung, daß besagter Gott nicht direkt in die
Selektion eingriff und etwa eine Population zum
»auserwählten Volk« erklärte. Die Variante
mit »Gott allein« und ohne Selektion geht allerdings
entschieden zu weit rückwärts. Andererseits hat aber
offensichtlich immerhin eine Fast-Zweidrittelmehrheit der
Bevölkerung allen Anstrengungen der Gegenaufklärung zum
Trotz in diesem Punkt ein wissenschaftliches Weltbild.
Ziemlich später »Urknall«
Fast durchgängig sind die Zeiträume für
Ästhetisches und Kunst zu spät angesetzt. Da ist es noch
ein Stück Wegs bis zur vollen Entdeckung der
»Tiefenzeit« (Stephen Jay Gould), wie sie sich für
Paläontologie, Biologie und für Paläoanthropologie
inzwischen gegen den engen biblischen und sonstige mythische
Zeitrahmen weitgehend durchgesetzt hat.
Wenn von »Anfängen der Kunst«3 die Rede ist, sind
üblicherweise die zu Recht berühmten Höhlenmalereien
und die Kleinplastiken aus Altamira, Lascaux, Le Chauvet, aus
Geißenklösterle und anderen Höhlen auf der
Schwäbischen Alb u. a. m. gemeint, die meist in Zusammenhang
mit Magie und Religion stehen. Das kann man so sehen. Aber damit
werden drei Eingrenzungen gemacht, die bestenfalls, höflich
gesagt, unnötig sind: Erstens auf Kunst einer Spätzeit,
nämlich das Spät- bzw. Jungpaläolithikum (die
›Jungaltsteinzeit‹), also die Zeit zwischen etwa
40000 und 10000 vor unserer Zeitrechnung, zweitens auf Bildende
Kunst, und drittens eben auf eine bereits magisch-religiös
eingebettete Kunst. Gern ist dabei (z. B. in Der Spiegel) von
»Urknall« die Rede oder gar von der auf die
Gesellschaft bezogen gehaßten »Revolution«
– ohne die geschichtliche Dialektik von allmählicher
Evolution und qualitativem Sprung, von Kontinuum und Zäsur zu
berücksichtigen.
Demgegenüber liegen die wirklichen Anfänge der Kunst
weitaus früher. Es gibt erstens Kunst längst vor der
Entstehung des magisch-religiösen Bewußtseins, und
zweitens gehören zu ihr alle Künste, also auch die
akustischen, nicht nur die visuellen, und auch die, die keine
Spuren in Gestalt von Wandbildern oder Skulpturen
hinterlassen.
Kunst, keimhaft zu Beginn und noch nicht eigenständige Kunst
im neuzeitlichen Sinn, entsteht mit der Entstehung des Menschen.
(Im folgenden ist der Kürze halber vieles, was der Sache nach
Hypothese ist, als These formuliert.) Kunst ist Ausdruck wie Mittel
der Menschwerdung und der Evolution im Übergang von der
biologischen Evolution zur gesellschaftlich-kulturellen
Entwicklung. Schon die werdenden Menschen haben nicht nur
gearbeitet, gedacht und gesprochen, sondern sie haben auch gemimt
und getanzt, sich geschmückt und einander etwas vorgetragen,
haben gesungen und gespielt. Daß das zunächst und lange
Zeit sehr elementar primitiv war, kaum Kunst in unserm Sinn,
versteht sich. Kunst ist, im Zusammenhang von Arbeit, Denken und
Sprache, eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der
Menschen von den Tieren. So schön die Vögel oder die Wale
»singen« oder die Laubenvögel komplizierte
»Environments« zum Anlocken der Weibchen bauen: Es gibt
keine vor- und außermenschliche Kunst.
Die Menschwerdung (Anthropogenese) ist Grenze und zugleich
Übergang bzw. Grenzüberschreitung. Sie ist Kluft und
Überbrückung, Sprung aus dem Tierreich heraus und
Fortgang ineins, insofern die Menschen auch als gesellschaftliche
Wesen weiterhin biologische bleiben. Die Menschwerdung bildet die
Nahtstelle zwischen Natur und Gesellschaft, zwischen Evolution
und Geschichte, zwischen Biologischem und Sozialem. Sie ist
konzentriert in dem langen geschichtlichen Zeitraum, in dem sich
die Menschheit aus der Naturgeschichte herausarbeitet, der Mensch
»sich selber schafft« (so der australische Historiker
Gordon Childe) – nichts da von überweltlichem,
göttlichem »Schöpfer«.
Kunst ist Teil dieser Selbsterzeugung der Menschheit. Sie
ermöglicht einen besonderen, durch nichts anderes ersetzbaren
Zugang zur Welt und zum Weltverständnis: Kunst macht die Welt
besser sinnlich-anschaulich begreifbar und sozial
verständlich, sie hilft durch mimetisch-darstellendes und
veränderndes Nachmachen bei der Bemächtigung der
Realität, sie gibt Abbilder und Vorbilder, die letztlich zum
Eingreifen auffordern.
Der zeitliche Rahmen für die Entstehung des Menschen und der
Kunst liegt in der Größenordnung zwischen etwa 4,5 bis
1,8 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung: Australopithecus, ab
zirka 4,4 Millionen Jahre und Homo erectus, ab zirka 1,5 Millionen.
Der Urgeschichtler Steven Mithen (2006) z. B. plädiert
für den homo ergaster (ab zirka 1,8 Millionen) als
entscheidenden Ausgangs- und Übergangspunkt. Entsprechend dem
nicht unproblematischen Begriff des »Vor-Menschen«
ließe sich hier von Proto-Kunst sprechen, also
»Vor-« und Frühkunst.
Der geläufige generelle Begriff der
»Vorgeschichte« ist dabei, wenn er in Abgrenzung zu
»Geschichte« auf das Kriterium der
Schriftlosigkeit/Schrift fixiert wird, unbrauchbar. Er ist statt
dessen strikt auf die Vorgeschichte der Menschheit zu
beschränken. Je nach Sichtweise ist das die Epoche der
Entstehung der Hominiden, der Trennung von der gemeinsamen
Stammesgeschichte mit den (Menschen-)Affen vor etwa fünf bis
zehn Millionen Jahren (mit dem angenommenen Mittelwert von etwa 7,5
Millionen), oder, später und näher am modernen homo
sapiens sapiens, die Periode der Australopithecinen, innerhalb
derer sich der Übergang zum Menschen vollzogen haben
dürfte.
Daß nach einer anderen Lesart die eigentliche menschliche
Geschichte erst mit dem Ende der jetzigen Gesellschaftsformation
anfängt, steht auf einem andern Blatt. Im »Buch der
Geschichte« begönne dann jedenfalls ein neues Kapitel:
Eine mündig gewordene Menschheit entwickelte sich nun
selbstbestimmt, planmäßig, im Zeichen von Gleichheit,
Solidarität und Freiheit, in einer Welt ohne Hunger und ohne
Angst.
Aufrechter Gang, Hand, Stimme
Das ist sozialer Futurismus, Zukunftsmusik. In der Vergangenheit
war die Entwicklung der Menschheit im wesentlichen fremdbestimmt,
einschließlich der Bestimmung über ihre eigene
Gesellschaftlichkeit trotz fortschreitender Naturbeherrschung. Die
Evolution hin zum Menschen vollzog sich ihrerseits in einem
Bedingungsdreieck: 1. zufällige Mutationen (samt sexuell
vermittelter Rekombination der Gene), 2. im Prinzip mit
Naturnotwendigkeit sich durchsetzende Selektion der am besten an
die (jeweilige und damit veränderliche) Umwelt
Angepaßten im Maßstab von Populationen (Adaption), 3.
die vom Standpunkt der Evolution aus zufälligen
Veränderungen der Umwelt. Diese waren samt Klimawandel und
punktuellen Katastrophen sowohl Schranke als auch Chance und
beeinflußten wiederum die Mutationsrate. Und sie sind das
heute noch.
Dabei überlagert und überformt die
gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung von Anfang an und
historisch in zunehmendem Ausmaß die biologische Evolution.
Diese geht jedoch mindestens bis zur Entstehung des anatomisch
modernen Menschentyps weiter. Sie macht sich auch danach noch
geltend, etwa in der Verengung der Kieferbögen samt dem sich
damit verschärfenden Problem der Weisheitszähne, oder in
der (inzwischen wohl gestoppten) Akzeleration, der mit jeder
Generation fortschreitenden Körpergröße jedenfalls
in den reichen Nationen dank durchschnittlich verbesserter
Ernährung. Die Dialektik von Zufall und Notwendigkeit ergab
evolutionäre Verzweigungen und Sackgassen, keine gerade und
notwendige Fortschrittslinie vom Menschenaffen und Affenmenschen
zum modernen Menschen oder eben hin zur Entfaltung der Kunst.
Wann genau welche Komponente von Kunst und welche Kunstart zum
ersten Mal auftraten, ist erstens oft schwer zu datieren, und kann
sich zweitens mit einem neuen wichtigen archäologischen Fund
verändern, gelegentlich sogar entscheidend. Sachlich und von
der relativen Chronologie her aber ist die Grenze ziemlich genau
festzulegen. Die Wesen, die sich in ihrer Menschwerdung aus dem
Tierreich herausarbeiten, müssen zumindest folgendes haben
bzw. können, und damit drei in sich komplexe
Entwicklungsstufen erreicht haben:
1. Sie haben durch aufrechten Gang freie Hände. Diese nutzen
sie für Gebrauch und Herstellung von Werkzeugen, von
Arbeitsinstrumenten in der fortwährenden Aneignung von Natur
durch die Arbeit. Und sie nutzen sie kommunikativ für die
werdende Gestensprache, im Zusammenhang mit Pantomime und Tanz als
»Körperkunst« und die dann daraus sich
entwickelnden Bildenden Künste sowie für den Gebrauch von
Musikinstrumenten.
2. Sie verfügen über anatomische und physiologische,
psychische und soziale Voraussetzungen für die Produktion
absichtlich artikulierter Laute, also die menschliche Stimme,
für die werdende Wortsprache wie fürs Singen.
3. Sie tun das alles zusammen mit komplexen Denkoperationen,
innerhalb sozialer Gruppen, und bedenken es mit individueller wie
kollektiver Selbstbewußtheit.
Bestandteil der Menschwerdung
Die Anfänge der Kunst stehen also im Zusammenhang mit einer
spezifisch menschlichen Trinität, der Dreieinigkeit von
Arbeit, Denken und Sprache. Mit dieser verständigen sich die
Menschen über sich selbst, über die Natur, über ihre
Tätigkeiten und Beziehungen. Kunst ist Teilmoment von
Naturbeherrschung: Wer etwas nachmachen kann, bemächtigt sich
seiner, ideell und imaginär sowieso, aber als Kunststück
auch insofern real, als dabei ein materiell konkretes Produkt
entsteht.
Kunst und Ästhetisches sind integraler Bestandteil der
Anthropogenese, der Menschwerdung, und ebenso auch der menschlichen
Existenz und der menschlichen Natur überhaupt. Sie entstehen
nicht nachträglich, als Luxus im Geschichtsverlauf –
etwa nach dem Motto »Erst die Arbeit, dann das
Vergnügen«: »Verabschiedet werden muß (...)
die verbreitete Vorstellung, Frühmenschen seien so arm und so
bedrängt von den Mühen des Überlebens gewesen,
daß sie für nichts Zeit gehabt hätten als für
ihre Arbeit. Wir können, dem entgegen, davon ausgehen,
daß es keine menschliche Gesellschaft gab, in der nicht Zeit
gewesen wäre für (...) Nachdenken, Muße, Spiel,
Zeremonien und Lachen.« (So der Historiker und
Musikwissenschaftler Georg Knepler 2003)4
Im Gegenteil: Viele Berechnungen gerade für die heute noch
überlebenden archaischen, auf altsteinzeitlicher Sammel- und
Jagdkultur beruhenden Gesellschaften zeigen, daß dort etwa
vier Stunden durchschnittliche notwendige Arbeitszeit für die
Reproduktion genügen – so etwa bei den sogenannten
»Pygmäen« in Zentralafrika. Der beträchtliche
Rest, bei zugestanden niedrigem Niveau der materiellen Kultur,
bleibt für soziale Kommunikation, Vergnügen im weiten
Sinn. Davon wagen heutige Lohnabhängige kaum zu träumen,
obwohl wir bei einer wirklich allgemeinen
Arbeitszeitverkürzung und egalitären Verteilung der
vorhandenen und erforderlichen Arbeit zu ähnlichen Werten
kämen, bei gleichbleibend hohem Niveau der materiellen
Kultur.
»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« gilt
freilich zwar nicht als zeitlich-historische, chronologische
Abfolge, wohl aber (anthropo)logisch-gesellschaftlich und
strukturell. Basis der gesellschaftlichen Lebensprozesse ist die
Reproduktion der materiellen Lebensgrundlagen. Der Verweis auf
entsprechende Gedanken und Formulierungen schon in der
»Deutschen Ideologie« von Marx und Engels mag hier
genügen.
Funde und Befunde
»Kunst« als Allgemeinbegriff ist der Sammel- und
Inbegriff aller Künste. Er umfaßt das, was allen
gemeinsam ist. Ihre Unterschiede gehen 1. von ihrem jeweiligen
sinnlich-gegenständlichen Material aus, 2. den menschlichen
Sinnen, auf die sie sich beziehen und 3. den Organen sowie
»Organprojektionen« (z. B. Musikinstrumente, Masken,
Verkleidung, Pinsel usw.), mit denen sie produziert werden.
Es ist klar, daß ein Gutteil der Anfänge der Kunst nur
indirekt zu rekonstruieren ist. Für Arbeit, Ernährung und
andere Bestandteile der materiellen Kultur gibt es immerhin –
mehr oder minder – handfeste Belege in Gestalt von
Arbeitsinstrumenten wie z. B. den Chopper, den an einer Seite und
roh behauenen Stein, dann den symmetrisch mehrseitig zugehauenen
und im Lauf der Jahrzehntausende verfeinerten Faustkeil,
Nahrungsabfälle (Pollen, Knochen, Muschelschalen) usw.
Dennoch, auch Bildende Kunst ist in ausgeformter,
gegenständlicher Gestalt eben erst spät überliefert,
und ihre Anfänge müssen aus Spuren wie z.B. Rötel im
Umkreis von Aufenthaltsorten und später Gräbern oder aus
Ritzungen auf Geräten erschlossen werden. Grundsätzlich
ist also auch die Vorstellungskraft angesprochen.
Gerade die drei zentralen Zeichen- und Sprachsysteme, die
Wortsprache, die Klang- und die Gestensprache sind aber ebenso wie
die Berührungssprache nur indirekt nachweisbar. Von ihnen geht
dann das aus, was wir die drei plus eins »Grund«- oder
Urkünste nennen könnten, nämlich Dicht-, Ton- und
Körper- bzw. Tanzkunst sowie Bildende Kunst; diese ist von der
unmittelbar körperlichen Betätigung durch
Vergegenständlichung bereits losgelöst und hat insofern
einen etwas anderen Status. Körperbemalung sowie schon auf
Dauer hin orientierte Tätowierung, Schmucknarben und
ähnliches wären Übergangsformen, die als solche
archäologisch nicht nachweisbar sind. Auch Pantomime oder Tanz
hinterlassen kaum archäologische Spuren, sind aber
logisch-anthropologisch erschließbar.
Wenn bei archäologischen Ausgrabungen Musikinstrumente
gefunden werden (so aus der Zeit nach 37000), gibt es
logischerweise auch Musik. Daß aber keine Stimmen unter den
Fundstücken sind, heißt umgekehrt nicht, daß nicht
gesprochen oder gesungen wurde. Das klingt läppisch, aber auf
diesem Nicht-Reflexionsniveau bewegen sich manche Ausführungen
über die Anfänge »der« Sprache und der
Kunst.
Erst relativ spät tauchen explizite, eigens zum Spielen
gemachte Musikinstrumente auf, durchbohrte Gelenkknochen
(Phalangen) mit oft unsicherer Herkunft (Tierverbiß oder
Menschenwerk) und Datierung schon vor 40000 oder Divje babe I in
Slowenien sogar 45000, gesicherte Flöten aus
Geißenklösterle seit etwa 37000. Mit bis zu drei und
sogar vier Löchern lassen sich durch geschicktes Greifen und
Anblasen ziemlich viele Töne erzeugen. Aber instrumentale
Musik wurde auch schon ohne solche Pfeifen oder Flöten
gemacht. Auf stoffliche Spuren fixierte Forscher vergessen,
daß Menschen nicht nur auf einem Kamm, sondern auch mit einem
(Baum-)Blatt blasen können, oder auf Fingern statt
Rentierphalangen oder anderen Gelenkknochen pfeifen. Auch sonst ist
vieles einfach vergangen, ob einzelne oder zusammengebundene
Schilf- oder Bambusröhren des Typs
»Panflöte«. Und als Schlagzeug taugen nicht nur in
der Natur vorfindliche Hölzchen, Stöckchen oder Steine
oder später Arbeitsgeräte aus diesem Material, sondern
bereits der Körper selbst mit dem Körperschlag (oder
»body percussion«) in Gestalt von Händeklatschen
usw.
Erschließbar ist aber vieles auch indirekt, etwa über
die Anatomie von Skelettfunden. So deutet das Zungenbein beim
Neandertaler, das wie das des modernen Menschen geformt ist, darauf
hin, daß er für eine Sprache hinreichend viele und
unterschiedliche Laute artikulieren konnte.
Notwendigkeit der Rekonstruktion
In manchen Schädeln zeigen sich innen Abdrücke der
Sprach-›Zentren‹ der Großhirnrinde wie vor
allem Wernicke- und Broca-Zentrum, dieses für Sprechmotorik,
jenes für Sprachverstehen zuständig. Entsprechende
Abdrücke scheinen sogar schon für Homo habilis
(»geschickter Mensch«) zirka 2,4 Millionen vor unserer
Zeitrechnung relativ sicher belegbar.
Gegenständliche Belege finden sich aber auch, etwa die
erwähnten Rötel- bzw. Ockerspuren (schön rot als
Körperbemalung und zugleich nützlich gegen Insekten oder
als Imprägnierung von Fellen), gesichert wohl für nach
900000, oder bewußte Ritzungen an Arbeitsinstrumenten,
manchmal sogar mit offensichtlichen Gliederungen etwa in
Siebenergruppen, die auf einen Sinn für Zählen wie
für Rhythmus hinweisen. Anderes muß über mehr oder
minder weite Umwege – »methodisch« also im
Wortsinn – erschlossen werden: Vor allem durch Vergleiche mit
Gegenwärtigem, ob Physiologie des Menschen oder Verhalten der
Menschenaffen, Biokommunikation oder Gehirnforschung und vieles
andere mehr.
Diese Notwendigkeit der Rekonstruktion gilt aber prinzipiell
für Geschichte überhaupt. Sie ist hier nur
fühlbarer, denn schon die Zeiträume sind
unermeßlich größer als in der schriftlich
dokumentierten Geschichte seit den frühen Hochkulturen; daher
sind auch die Quellen spärlicher und weiträumiger
verteilt. Aber immer gibt es oft erhebliche Lücken in der
Überlieferung, auch in Schriftkulturen; und auch die
Höhlenbilder, deren Charakter als Kunst offenkundig ist,
erschließen sich mitnichten einfach so. Wir sind sogar
wahrscheinlich in vieler Hinsicht oft noch ziemlich von einem
eingehenden Verständnis entfernt. Da gibt es die Frage nach
dem Gesamtkunstwerk-Charakter – in den berühmten
spätpaläolithischen Höhlen wurde nachweislich
(Fußabdrücke im Boden) getanzt, wahrscheinlich im
Zusammenhang mit zyklischen Jahresfesten und/oder Initiationsriten.
Da ist zu fragen, ob hier künstlerisch verdichtet schlicht
auch Kenntnisse über das Aussehen der wichtigen Tiere
vermittelt und frühe astronomische und kalendarische
Erkenntnisse gemalt wurden und anderes mehr. Bei Kunst verhält
es sich mit den methodischen Problemen insofern nicht
grundsätzlich anders als in anderen Bereichen der
Frühgeschichte und letztlich Geschichte überhaupt: Fakten
müssen miteinander verknüpft, objektive Gründe und
subjektive Beweggründe verstanden, Zusammenhänge
begriffen und erklärt werden.
1 Husemann, Dirk: Die Neandertaler. Genies der Eiszeit, Frankfurt
a. M. und New York 2005, S. 36
2 Husemann 2005, S. 37
3 So z. B. der Untertitel des ansonsten ausgezeichneten Buchs
Eiszeitkunst im süddeutsch-schweizerischen Jura von
Holdermann, Claus-Stephan / Müller-Beck, Hansjürgen /
Simon, Ulrich, Eiszeitkunst im süddeutsch-schweizerischen
Jura. Anfänge der Kunst, Stuttgart 2001
4 Georg Knepler: Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer
Möglichkeit, Berlin 2004, S. 62
Hanns-Werner Heister ist Professor für Musikwissenschaft
in Hamburg