24.12.2009 / Thema / Seite 10Inhalt

Wege zum Weltverständnis

Natur- und Gesellschaftswissenschaft. Evolution des Menschen und Entstehung der Kunst. Teil I: Biologische Evolution, kulturelle Entwicklung

Von Hanns-Werner Heister
Frau mit Bisonhorn – Reliefdarstellung aus Laussel,
Frankr
Frau mit Bisonhorn – Reliefdarstellung aus Laussel, Frankreich (Paläolithikum)
Vor 150 Jahren erschien Charles Darwins epochemachendes Werk »Über die Entstehung der Arten«.

Das Bedürfnis, Ursprünge zu entdecken und zu erforschen, ist tief im menschlichen Bewußtsein und im Unbewußten verankert. Es reicht von der Kinderfrage danach, wo die Kinder herkommen, über die Frage, wo wir herkommen, bis zu den Fragen nach der Entstehung des Universums. Darwin konnte die Frage nach der Veränderlichkeit, Vielfalt und der Entstehung der Arten der Tier- wie auch Pflanzenwelt im Prinzip lösen (noch ohne Kenntnis der genetischen Mutation, die das Material für die Selektion bereitstellt), Marx um die gleiche Zeit, also vor etwa anderthalb Jahrhunderten, die nach der Entstehung des Kapitals als »sich selbst verwertendem Wert« und nach der Notwendigkeit, seine bewußtlos-blind wirkende und verblendende Herrschaft zu beenden (die nun freilich nicht in der Art einer Naturnotwendigkeit geschehen wird). Die Frage nach der Entstehung der Kunst ist Teil der Fragen nach den Anfängen der Menschen und ihrer Hervorbringungen.

Kreationismus und Kretinismus

Die Antworten sind auch heute noch im Zeitalter der »Moderne«, der »Demokratie« (bei der in der Regel das entscheidende Eigenschaftswort vergessen wird, hierzulande also der bürgerlichen), im Zeitalter der Wissenschaft, oft erstaunlich vormodern und unwissenschaftlich. Weniger höflich formuliert sind Kreationismus (das fundamentalistische Festhalten am biblischen Schöpfungsbericht) und Kretinismus, also eine inzwischen als Wort veraltete Form von Verblödung, miteinander verschwistert. »Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts von 1999 halten nach wie vor 47 Prozent aller US-Amerikaner an der Schöpfungstheorie fest. ›Sie können nicht glauben, daß ihre Vorfahren Fische waren. Das ist ja auch eine verrückte Idee‹, sagt (… der) Präsident des Institute of Creation Research und Hohepriester der Kreationisten. Aber Kreationismus ist kein rein US-amerikanisches Phänomen. Die italienische Bildungsministerin (...) verbannte im April 2004 die Evolutionslehre aus dem Lehrplan für staatliche Grund- und Mittelschulen.«1

Der Beschluß wurde nach breiten Protesten zurückgenommen. Vorerst. Aber er zeigt, wes Geistes Kind viele der Regierenden und Herrschenden sind: Wissenschaftliche Wahrheit nein, religiöse Ideologie ja. Oder, anders gesagt: Statt Darwinismus bzw. Neodarwinismus zu lehren und zu lernen wird Sozialdarwinismus praktiziert. Nur die Stärksten, Gesündesten, Tüchtigsten, »Fittesten« überleben; »Leistung lohnt sich«, besonders für die, die zu gesellschaftlich sinnvoller Arbeit unfähig, aber sonst zu allem fähig sind und es sich leisten können; »jeder ist seines Glückes Schmied«, egal, ob er die Schmiede besitzt oder vom Schmiedenbesitzer benützt oder gar entlassen wird; und der »Markt«, wie Gott, wird es schon richten.

»In Deutschland, Österreich und der Schweiz glaubten nach einer Umfrage vom November 2002 41 Prozent der Bevölkerung daran, daß die Welt und das Leben Schöpfungen Gottes sind.« Dabei gibt es anscheinend immerhin Zugeständnisse an die Wissenschaft: »Jeweils die Hälfte dieser Gruppe glaubte entweder an eine von Gott gesteuerte Evolution nach Darwin oder an die Schöpfung des Lebens durch Gott allein in den vergangenen 10000 Jahren.«2

Mit der ersten Variante hätte sich Darwin wohl sogar abgefunden, da er vorsichtig und im Prinzip mit der bürgerlichen Ordnung nicht uneinverstanden war, jedenfalls unter der Bedingung, daß besagter Gott nicht direkt in die Selektion eingriff und etwa eine Population zum »auserwählten Volk« erklärte. Die Variante mit »Gott allein« und ohne Selektion geht allerdings entschieden zu weit rückwärts. Andererseits hat aber offensichtlich immerhin eine Fast-Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung allen Anstrengungen der Gegenaufklärung zum Trotz in diesem Punkt ein wissenschaftliches Weltbild.

Ziemlich später »Urknall«

Fast durchgängig sind die Zeiträume für Ästhetisches und Kunst zu spät angesetzt. Da ist es noch ein Stück Wegs bis zur vollen Entdeckung der »Tiefenzeit« (Stephen Jay Gould), wie sie sich für Paläontologie, Biologie und für Paläoanthropologie inzwischen gegen den engen biblischen und sonstige mythische Zeitrahmen weitgehend durchgesetzt hat.

Wenn von »Anfängen der Kunst«3 die Rede ist, sind üblicherweise die zu Recht berühmten Höhlenmalereien und die Kleinplastiken aus Altamira, Lascaux, Le Chauvet, aus Geißenklösterle und anderen Höhlen auf der Schwäbischen Alb u. a. m. gemeint, die meist in Zusammenhang mit Magie und Religion stehen. Das kann man so sehen. Aber damit werden drei Eingrenzungen gemacht, die bestenfalls, höflich gesagt, unnötig sind: Erstens auf Kunst einer Spätzeit, nämlich das Spät- bzw. Jungpaläolithikum (die ›Jungaltsteinzeit‹), also die Zeit zwischen etwa 40000 und 10000 vor unserer Zeitrechnung, zweitens auf Bildende Kunst, und drittens eben auf eine bereits magisch-religiös eingebettete Kunst. Gern ist dabei (z. B. in Der Spiegel) von »Urknall« die Rede oder gar von der auf die Gesellschaft bezogen gehaßten »Revolution« – ohne die geschichtliche Dialektik von allmählicher Evolution und qualitativem Sprung, von Kontinuum und Zäsur zu berücksichtigen.

Demgegenüber liegen die wirklichen Anfänge der Kunst weitaus früher. Es gibt erstens Kunst längst vor der Entstehung des magisch-religiösen Bewußtseins, und zweitens gehören zu ihr alle Künste, also auch die akustischen, nicht nur die visuellen, und auch die, die keine Spuren in Gestalt von Wandbildern oder Skulpturen hinterlassen.

Kunst, keimhaft zu Beginn und noch nicht eigenständige Kunst im neuzeitlichen Sinn, entsteht mit der Entstehung des Menschen. (Im folgenden ist der Kürze halber vieles, was der Sache nach Hypothese ist, als These formuliert.) Kunst ist Ausdruck wie Mittel der Menschwerdung und der Evolution im Übergang von der biologischen Evolution zur gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung. Schon die werdenden Menschen haben nicht nur gearbeitet, gedacht und gesprochen, sondern sie haben auch gemimt und getanzt, sich geschmückt und einander etwas vorgetragen, haben gesungen und gespielt. Daß das zunächst und lange Zeit sehr elementar primitiv war, kaum Kunst in unserm Sinn, versteht sich. Kunst ist, im Zusammenhang von Arbeit, Denken und Sprache, eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Menschen von den Tieren. So schön die Vögel oder die Wale »singen« oder die Laubenvögel komplizierte »Environments« zum Anlocken der Weibchen bauen: Es gibt keine vor- und außermenschliche Kunst.

Die Menschwerdung (Anthropogenese) ist Grenze und zugleich Übergang bzw. Grenzüberschreitung. Sie ist Kluft und Überbrückung, Sprung aus dem Tierreich heraus und Fortgang ineins, insofern die Menschen auch als gesellschaftliche Wesen weiterhin biologische bleiben. Die Menschwerdung bildet die Nahtstelle zwischen Natur und Gesellschaft, zwischen Evolu­tion und Geschichte, zwischen Biologischem und Sozialem. Sie ist konzentriert in dem langen geschichtlichen Zeitraum, in dem sich die Menschheit aus der Naturgeschichte herausarbeitet, der Mensch »sich selber schafft« (so der australische Historiker Gordon Childe) – nichts da von überweltlichem, göttlichem »Schöpfer«.

Kunst ist Teil dieser Selbsterzeugung der Menschheit. Sie ermöglicht einen besonderen, durch nichts anderes ersetzbaren Zugang zur Welt und zum Weltverständnis: Kunst macht die Welt besser sinnlich-anschaulich begreifbar und sozial verständlich, sie hilft durch mimetisch-darstellendes und veränderndes Nachmachen bei der Bemächtigung der Realität, sie gibt Abbilder und Vorbilder, die letztlich zum Eingreifen auffordern.

Der zeitliche Rahmen für die Entstehung des Menschen und der Kunst liegt in der Größenordnung zwischen etwa 4,5 bis 1,8 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung: Australopithecus, ab zirka 4,4 Millionen Jahre und Homo erectus, ab zirka 1,5 Millionen. Der Urgeschichtler Steven Mithen (2006) z. B. plädiert für den homo ergaster (ab zirka 1,8 Millionen) als entscheidenden Ausgangs- und Übergangspunkt. Entsprechend dem nicht unproblematischen Begriff des »Vor-Menschen« ließe sich hier von Proto-Kunst sprechen, also »Vor-« und Frühkunst.

Der geläufige generelle Begriff der »Vorgeschichte« ist dabei, wenn er in Abgrenzung zu »Geschichte« auf das Kriterium der Schriftlosigkeit/Schrift fixiert wird, unbrauchbar. Er ist statt dessen strikt auf die Vorgeschichte der Menschheit zu beschränken. Je nach Sichtweise ist das die Epoche der Entstehung der Hominiden, der Trennung von der gemeinsamen Stammesgeschichte mit den (Menschen-)Affen vor etwa fünf bis zehn Millionen Jahren (mit dem angenommenen Mittelwert von etwa 7,5 Millionen), oder, später und näher am modernen homo sapiens sapiens, die Periode der Australopithecinen, innerhalb derer sich der Übergang zum Menschen vollzogen haben dürfte.

Daß nach einer anderen Lesart die eigentliche menschliche Geschichte erst mit dem Ende der jetzigen Gesellschaftsformation anfängt, steht auf einem andern Blatt. Im »Buch der Geschichte« begönne dann jedenfalls ein neues Kapitel: Eine mündig gewordene Menschheit entwickelte sich nun selbstbestimmt, planmäßig, im Zeichen von Gleichheit, Solidarität und Freiheit, in einer Welt ohne Hunger und ohne Angst.

Aufrechter Gang, Hand, Stimme

Das ist sozialer Futurismus, Zukunftsmusik. In der Vergangenheit war die Entwicklung der Menschheit im wesentlichen fremdbestimmt, einschließlich der Bestimmung über ihre eigene Gesellschaftlichkeit trotz fortschreitender Naturbeherrschung. Die Evolution hin zum Menschen vollzog sich ihrerseits in einem Bedingungsdreieck: 1. zufällige Mutationen (samt sexuell vermittelter Rekombination der Gene), 2. im Prinzip mit Naturnotwendigkeit sich durchsetzende Selektion der am besten an die (jeweilige und damit veränderliche) Umwelt Angepaßten im Maßstab von Populationen (Adaption), 3. die vom Standpunkt der Evolution aus zufälligen Veränderungen der Umwelt. Diese waren samt Klimawandel und punktuellen Katastrophen sowohl Schranke als auch Chance und beeinflußten wiederum die Mutationsrate. Und sie sind das heute noch.

Dabei überlagert und überformt die gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung von Anfang an und historisch in zunehmendem Ausmaß die biologische Evolution. Diese geht jedoch mindestens bis zur Entstehung des anatomisch modernen Menschentyps weiter. Sie macht sich auch danach noch geltend, etwa in der Verengung der Kieferbögen samt dem sich damit verschärfenden Problem der Weisheitszähne, oder in der (inzwischen wohl gestoppten) Akzeleration, der mit jeder Generation fortschreitenden Körpergröße jedenfalls in den reichen Nationen dank durchschnittlich verbesserter Ernährung. Die Dialektik von Zufall und Notwendigkeit ergab evolutionäre Verzweigungen und Sackgassen, keine gerade und notwendige Fortschrittslinie vom Menschenaffen und Affenmenschen zum modernen Menschen oder eben hin zur Entfaltung der Kunst.

Wann genau welche Komponente von Kunst und welche Kunstart zum ersten Mal auftraten, ist erstens oft schwer zu datieren, und kann sich zweitens mit einem neuen wichtigen archäologischen Fund verändern, gelegentlich sogar entscheidend. Sachlich und von der relativen Chronologie her aber ist die Grenze ziemlich genau festzulegen. Die Wesen, die sich in ihrer Menschwerdung aus dem Tierreich herausarbeiten, müssen zumindest folgendes haben bzw. können, und damit drei in sich komplexe Entwicklungsstufen erreicht haben:

1. Sie haben durch aufrechten Gang freie Hände. Diese nutzen sie für Gebrauch und Herstellung von Werkzeugen, von Arbeitsinstrumenten in der fortwährenden Aneignung von Natur durch die Arbeit. Und sie nutzen sie kommunikativ für die werdende Gestensprache, im Zusammenhang mit Pantomime und Tanz als »Körperkunst« und die dann daraus sich entwickelnden Bildenden Künste sowie für den Gebrauch von Musikinstrumenten.

2. Sie verfügen über anatomische und physiologische, psychische und soziale Voraussetzungen für die Produktion absichtlich artikulierter Laute, also die menschliche Stimme, für die werdende Wortsprache wie fürs Singen.

3. Sie tun das alles zusammen mit komplexen Denkoperationen, innerhalb sozialer Gruppen, und bedenken es mit individueller wie kollektiver Selbstbewußtheit.

Bestandteil der Menschwerdung

Die Anfänge der Kunst stehen also im Zusammenhang mit einer spezifisch menschlichen Trinität, der Dreieinigkeit von Arbeit, Denken und Sprache. Mit dieser verständigen sich die Menschen über sich selbst, über die Natur, über ihre Tätigkeiten und Beziehungen. Kunst ist Teilmoment von Naturbeherrschung: Wer etwas nachmachen kann, bemächtigt sich seiner, ideell und imaginär sowieso, aber als Kunststück auch insofern real, als dabei ein materiell konkretes Produkt entsteht.

Kunst und Ästhetisches sind integraler Bestandteil der Anthropogenese, der Menschwerdung, und ebenso auch der menschlichen Existenz und der menschlichen Natur überhaupt. Sie entstehen nicht nachträglich, als Luxus im Geschichtsverlauf – etwa nach dem Motto »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«: »Verabschiedet werden muß (...) die verbreitete Vorstellung, Frühmenschen seien so arm und so bedrängt von den Mühen des Überlebens gewesen, daß sie für nichts Zeit gehabt hätten als für ihre Arbeit. Wir können, dem entgegen, davon ausgehen, daß es keine menschliche Gesellschaft gab, in der nicht Zeit gewesen wäre für (...) Nachdenken, Muße, Spiel, Zeremonien und Lachen.« (So der Historiker und Musikwissenschaftler Georg Knepler 2003)4

Im Gegenteil: Viele Berechnungen gerade für die heute noch überlebenden archaischen, auf altsteinzeitlicher Sammel- und Jagdkultur beruhenden Gesellschaften zeigen, daß dort etwa vier Stunden durchschnittliche notwendige Arbeitszeit für die Reproduktion genügen – so etwa bei den sogenannten »Pygmäen« in Zentralafrika. Der beträchtliche Rest, bei zugestanden niedrigem Niveau der materiellen Kultur, bleibt für soziale Kommunikation, Vergnügen im weiten Sinn. Davon wagen heutige Lohnabhängige kaum zu träumen, obwohl wir bei einer wirklich allgemeinen Arbeitszeitverkürzung und egalitären Verteilung der vorhandenen und erforderlichen Arbeit zu ähnlichen Werten kämen, bei gleichbleibend hohem Niveau der materiellen Kultur.

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« gilt freilich zwar nicht als zeitlich-historische, chronologische Abfolge, wohl aber (anthropo)logisch-gesellschaftlich und strukturell. Basis der gesellschaftlichen Lebensprozesse ist die Reproduktion der materiellen Lebensgrundlagen. Der Verweis auf entsprechende Gedanken und Formulierungen schon in der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels mag hier genügen.

Funde und Befunde

»Kunst« als Allgemeinbegriff ist der Sammel- und Inbegriff aller Künste. Er umfaßt das, was allen gemeinsam ist. Ihre Unterschiede gehen 1. von ihrem jeweiligen sinnlich-gegenständlichen Material aus, 2. den menschlichen Sinnen, auf die sie sich beziehen und 3. den Organen sowie »Organprojektionen« (z. B. Musikinstrumente, Masken, Verkleidung, Pinsel usw.), mit denen sie produziert werden.

Es ist klar, daß ein Gutteil der Anfänge der Kunst nur indirekt zu rekonstruieren ist. Für Arbeit, Ernährung und andere Bestandteile der materiellen Kultur gibt es immerhin – mehr oder minder – handfeste Belege in Gestalt von Arbeitsinstrumenten wie z. B. den Chopper, den an einer Seite und roh behauenen Stein, dann den symmetrisch mehrseitig zugehauenen und im Lauf der Jahrzehntausende verfeinerten Faustkeil, Nahrungsabfälle (Pollen, Knochen, Muschelschalen) usw. Dennoch, auch Bildende Kunst ist in ausgeformter, gegenständlicher Gestalt eben erst spät überliefert, und ihre Anfänge müssen aus Spuren wie z.B. Rötel im Umkreis von Aufenthaltsorten und später Gräbern oder aus Ritzungen auf Geräten erschlossen werden. Grundsätzlich ist also auch die Vorstellungskraft angesprochen.

Gerade die drei zentralen Zeichen- und Sprachsysteme, die Wortsprache, die Klang- und die Gestensprache sind aber ebenso wie die Berührungssprache nur indirekt nachweisbar. Von ihnen geht dann das aus, was wir die drei plus eins »Grund«- oder Urkünste nennen könnten, nämlich Dicht-, Ton- und Körper- bzw. Tanzkunst sowie Bildende Kunst; diese ist von der unmittelbar körperlichen Betätigung durch Vergegenständlichung bereits losgelöst und hat insofern einen etwas anderen Status. Körperbemalung sowie schon auf Dauer hin orientierte Tätowierung, Schmucknarben und ähnliches wären Übergangsformen, die als solche archäologisch nicht nachweisbar sind. Auch Pantomime oder Tanz hinterlassen kaum archäologische Spuren, sind aber logisch-anthropologisch erschließbar.

Wenn bei archäologischen Ausgrabungen Musikinstrumente gefunden werden (so aus der Zeit nach 37000), gibt es logischerweise auch Musik. Daß aber keine Stimmen unter den Fundstücken sind, heißt umgekehrt nicht, daß nicht gesprochen oder gesungen wurde. Das klingt läppisch, aber auf diesem Nicht-Reflexionsniveau bewegen sich manche Ausführungen über die Anfänge »der« Sprache und der Kunst.

Erst relativ spät tauchen explizite, eigens zum Spielen gemachte Musikinstrumente auf, durchbohrte Gelenkknochen (Phalangen) mit oft unsicherer Herkunft (Tierverbiß oder Menschenwerk) und Datierung schon vor 40000 oder Divje babe I in Slowenien sogar 45000, gesicherte Flöten aus Geißenklösterle seit etwa 37000. Mit bis zu drei und sogar vier Löchern lassen sich durch geschicktes Greifen und Anblasen ziemlich viele Töne erzeugen. Aber instrumentale Musik wurde auch schon ohne solche Pfeifen oder Flöten gemacht. Auf stoffliche Spuren fixierte Forscher vergessen, daß Menschen nicht nur auf einem Kamm, sondern auch mit einem (Baum-)Blatt blasen können, oder auf Fingern statt Rentierphalangen oder anderen Gelenkknochen pfeifen. Auch sonst ist vieles einfach vergangen, ob einzelne oder zusammengebundene Schilf- oder Bambusröhren des Typs »Panflöte«. Und als Schlagzeug taugen nicht nur in der Natur vorfindliche Hölzchen, Stöckchen oder Steine oder später Arbeitsgeräte aus diesem Material, sondern bereits der Körper selbst mit dem Körperschlag (oder »body percussion«) in Gestalt von Händeklatschen usw.

Erschließbar ist aber vieles auch indirekt, etwa über die Anatomie von Skelettfunden. So deutet das Zungenbein beim Neandertaler, das wie das des modernen Menschen geformt ist, darauf hin, daß er für eine Sprache hinreichend viele und unterschiedliche Laute artikulieren konnte.

Notwendigkeit der Rekonstruktion

In manchen Schädeln zeigen sich innen Abdrücke der Sprach-›Zentren‹ der Großhirnrinde wie vor allem Wernicke- und Broca-Zentrum, dieses für Sprechmotorik, jenes für Sprachverstehen zuständig. Entsprechende Abdrücke scheinen sogar schon für Homo habilis (»geschickter Mensch«) zirka 2,4 Millionen vor unserer Zeitrechnung relativ sicher belegbar.

Gegenständliche Belege finden sich aber auch, etwa die erwähnten Rötel- bzw. Ockerspuren (schön rot als Körperbemalung und zugleich nützlich gegen Insekten oder als Imprägnierung von Fellen), gesichert wohl für nach 900000, oder bewußte Ritzungen an Arbeitsinstrumenten, manchmal sogar mit offensichtlichen Gliederungen etwa in Siebenergruppen, die auf einen Sinn für Zählen wie für Rhythmus hinweisen. Anderes muß über mehr oder minder weite Umwege – »methodisch« also im Wortsinn – erschlossen werden: Vor allem durch Vergleiche mit Gegenwärtigem, ob Physiologie des Menschen oder Verhalten der Menschenaffen, Biokommunikation oder Gehirnforschung und vieles andere mehr.

Diese Notwendigkeit der Rekonstruktion gilt aber prinzipiell für Geschichte überhaupt. Sie ist hier nur fühlbarer, denn schon die Zeiträume sind unermeßlich größer als in der schriftlich dokumentierten Geschichte seit den frühen Hochkulturen; daher sind auch die Quellen spärlicher und weiträumiger verteilt. Aber immer gibt es oft erhebliche Lücken in der Überlieferung, auch in Schriftkulturen; und auch die Höhlenbilder, deren Charakter als Kunst offenkundig ist, erschließen sich mitnichten einfach so. Wir sind sogar wahrscheinlich in vieler Hinsicht oft noch ziemlich von einem eingehenden Verständnis entfernt. Da gibt es die Frage nach dem Gesamtkunstwerk-Charakter – in den berühmten spätpaläolithischen Höhlen wurde nachweislich (Fußabdrücke im Boden) getanzt, wahrscheinlich im Zusammenhang mit zyklischen Jahresfesten und/oder Initiationsriten. Da ist zu fragen, ob hier künstlerisch verdichtet schlicht auch Kenntnisse über das Aussehen der wichtigen Tiere vermittelt und frühe astronomische und kalendarische Erkenntnisse gemalt wurden und anderes mehr. Bei Kunst verhält es sich mit den methodischen Problemen insofern nicht grundsätzlich anders als in anderen Bereichen der Frühgeschichte und letztlich Geschichte überhaupt: Fakten müssen miteinander verknüpft, objektive Gründe und subjektive Beweggründe verstanden, Zusammenhänge begriffen und erklärt werden.

1 Husemann, Dirk: Die Neandertaler. Genies der Eiszeit, Frankfurt a. M. und New York 2005, S. 36

2 Husemann 2005, S. 37

3 So z. B. der Untertitel des ansonsten ausgezeichneten Buchs Eiszeitkunst im süddeutsch-schweizerischen Jura von Holdermann, Claus-Stephan / Müller-Beck, Hansjürgen / Simon, Ulrich, Eiszeitkunst im süddeutsch-schweizerischen Jura. Anfänge der Kunst, Stuttgart 2001

4 Georg Knepler: Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit, Berlin 2004, S. 62

Hanns-Werner Heister ist Professor für Musikwissenschaft in Hamburg
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