27.11.2009 / Thema / Seite 10Inhalt

Dialektik mit doppeltem Boden

Der entkettete Knecht. Philosophische Perspektiven auf Brecht und Hacks und Hegel (Teil 2 und Schluß)

Von Dieter Kraft
Preußischer Konflikt, friderizianisch gelöst:
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Preußischer Konflikt, friderizianisch gelöst: Uraufführung von Hacks’ »Der Müller von Sanssouci« mit Paul R. Henker (vorn links) und Herwart Grosse als Friedrich II. (Regie: Wolfgang Langhoff, Deutsches Theater, Berl

Unter dem Motto »Gute Leute sind überall gut. Hacks und Brecht« fand am 6. und 7. November in Berlin die zweite wissenschaftliche Tagung zu Leben und Werk von Peter Hacks statt. Wir veröffentlichen im folgenden den Vortrag von Dr. Dieter Kraft, Theologe und verantwortlicher Redakteur der Halbjahresschrift Topos. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie. Dieser Text und die anderen Materialien der von der Peter-Hacks-Gesellschaft veranstalteten Tagung werden im kommenden Jahr im Aurora Verlag, Berlin, publiziert.

Daß Hacks der jungen DDR die alten Griechen einlädt, verdankt sich nicht einem Mangel an neuen Einfällen und auch nicht dem Parteiprotest gegen »Die Sorgen und die Macht« (1959–62, drei Fassungen) und »Moritz Tassow« (1961), sondern eben jener übergreifenden Ästhetik, die er mit Vorsatz in die neue Gesellschaft hineinholt. Und dafür hätte er eigentlich einen Hegel-Preis für sozialistische Kulturpolitik verdient.

Während Brecht einen Galilei aus der Geschichte holt, um an ihm die Notwendigkeiten der Gegenwart zu zeigen, stellt Hacks seine Stücke in die Geschichte, um in ihr diese Gegenwart ausrichten zu können, nach hinten und nach vorn. Geschichte bietet mehr als nur Motive. Zitat: »Die Neuzeit (...) muß einerseits an den Griechen, andererseits am Kommunismus gemessen werden« (HW 13, 228).1

Es ist diese umfassende Perspektive, die sich mit jener »Gipfelpunktästhetik« verbindet, die ­Heidi Urbahn de Jauregui bei Hacks so anmutig zu rühmen weiß. Und Mut gehört durchaus dazu, in diesem »unaufgeschlossenen Reich der Finsternis« einen Begriff von »Schönheit« zu behaupten, der sich nur sehr hohen Ganges präsentiert. Hacks hat Brechts Bedenken nicht ignoriert. Sehr wohl gibt es Zeiten, »wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist« (An die Nachgeborenen, BW 12, 85).2 Aber nach Maßgabe der Kunst darf sich die Schönheit durch nichts ramponieren lassen. Nichts gegen »Gewerkschaftsstücke« (HW 13, 162), aber die Kunst darf sich nicht mit dem Ändern begnügen (HW 13, 166). Ihr Anspruch ist nicht minder als der der Philosophie, die ihre Warte auch nicht verlassen darf, wenn sie die Mühen der Ebene bedenkt.

Diese Spannung zwischen Brecht und Hacks darf man ruhig aushalten. Ihr eignet sogar eine gewisse Schönheit, die sich einstellt, wenn sich auf gemeinsamem Boden Aufhebendes ereignet. Von Brecht wird gern gesagt, er sei ein »Philosoph neuen Typs«. Und der Me-ti versteht sich wohl auch selbst als Weiser. »Weise«, in dieser Bedeutung, ist Hacks nicht, genausowenig wie Hegel, der den Begriff der Philosophie als »Weisheitsliebe« ja gerade überbieten will mit jenem Anspruch, der Philosophie zur Wissenschaft macht (Hegel, Werke 3, 14).3 Und Wissenschaft ist rücksichtslos. Wäre Hegel ein Weiser gewesen, er hätte seine »Philosophie der Geschichte« nicht zu Ende gebracht. Brecht hat schon Recht: ein unheimliches Werk, das ganz gelassen zeigt, wie aus Bösem Gutes wird und aus Gutem Böses. Das also zeigt, wie die Geschichte dialektisch prozessiert. Um sie ertragen zu können, bedarf es einer Perspektive, die auf der Geschichte Ganzes geht. Und Hacks’ Ästhetik richtet sich an diesem Ganzen auf.

Das hat auch zu Irritationen geführt, zumal im Reiche des real Politischen. Und zuletzt hat wieder einmal Stalin den Disput bestimmt.4 Brechts Rede vom »verdienten Mörder des Volkes« (BW 15, 300), Hacks’ Erinnerung an die Stadt, die er »gerettet hat« (HW 1, 305). Ich weiß, es gibt verbindlichere Themen, in der Philosophie allemal, allerdings nicht in Hegels. Bei Hegel ist nichts verbindlich, alles wird gebrochen. Und jeder Fortschritt muß auf Harmonie verzichten. Die ist so grimmig wie bei Jacob Böhme. Die »Philosophie der Geschichte« verrechnet nicht mit Schuld und Sühne. Wer Napoleon für »die Weltseele zu Pferde« hält, der folgt der Spur der Entwicklung allein im Großen und im Ganzen. Das kann umschlagen, doch selbst in seinen Negationen bleibt die Welt hernach nicht unverändert.

Auch Hacks wußte, daß ganz große Projekte scheitern können und dennoch nicht erledigt sind. In »Omphale« (1969) geht es schließlich um nicht weniger als um die Emanzipation des Mannes und der Frau von ihrer eigenen Natur, der ihnen gesellschaftlich zugewiesenen. Der Rollentausch ist gar kein Ulk – Herakles, Wolle spinnend in Frauenkleidern, Omphale mit Keule in Löwenfell. Die Römer haben damit vernichtende Spiele getrieben. Und später lachten dann auch die Germanen. Hacks aber läßt aufspielen, weil er diese Zuweisung nicht akzeptiert und als Entfremdung denunzieren will. Das ist nun wirklich ein starkes Stück. Und es scheitert. Nicht wie bei den Alten, die Herakles von seiner Verblendung befreien. Es scheitert an den Verhältnissen, mit Gebrüll, aber nicht vor Lachen. Des Lityerses Todesschrei verschmilzt mit Herakles’ Siegesschrei, der seine Mannesrolle bestätigt und damit die vernichtende Erkenntnis: »Eh ichs weiß, / Bin ich besiegt von dem besiegten Feind« (HW 4, 302). Und Omphale muß schreien, weil sie gebiert. So viele Rollenzuweisungen und so viele Widersprüche – und unter diesen Verhältnissen lassen sie sich nicht aufheben. Also muß man die Verhältnisse aufheben, die nicht danach sind. Wie hatte Hacks gesagt: die Kunst darf sich nicht mit dem Ändern begnügen.

Und wer wollte in Abrede stellen, daß Hacks sehr wohl ein Eingreifender ist. Doch seine Eingriffe sehen ganz anders aus als Brechts. Hacks setzt keine Aktionen frei, er setzt Maßstäbe. Und die sind unglaublich hoch. Gemessen an der Ebene wirken sie nachgerade verstiegen.

Ein bestimmter »Begriff von der Schönheit« ist »vollständig unabsetzbar« (HW 6, 138), heißt es in »Die Musen« (1979). Und dann kündigt Goethe seiner Haushälterin (Charlotte Hoyer), der nur an einer sauberen Treppe gelegen ist. Da hätte Brecht die Gewerkschaft eingeschaltet. Aber Hacks besteht darauf: eine neue Gesellschaft bedarf, um wirklich neu und nicht nur renoviert zu sein, eines ganz neuen Anspruchs. Wo der fehlt, da kommt sie nicht zu sich selbst. Emanzipation heißt für Hacks, sich von der Herrschaft veralteter Beanspruchungen kategorisch zu trennen.

Schwankendes Selbstbewußtsein

Brecht hat mit den Herrschaften ganz andere Probleme. Wer spricht denn von Schönheit, wenn die Gesellschaft verdreckt ist. Erst einmal muß sich der Knecht Matti über diesen Dreck erheben. Dann ist er seinen Herrn Puntila zwar immer noch nicht los, aber befreit ist immerhin schon sein Selbstbewußtsein.

In »Herr Puntila und sein Knecht Matti« (1940) hat Brecht den Hegel programmatisch auf die Bühne geholt. Schon der Titel konnotiert das berühmte Kapitel aus der »Phänomenologie«: Herr und Knecht. Bei Hegel stehen die beiden unter der Rubrik »Selbstbewußtsein«. Und da stehen bekanntlich Sachen drin, die noch heute vom sogenannten Radikalenerlaß erfaßt werden müßten. Daß die Knechte nur selbständig werden, wenn sie ihre Ketten verlieren (Hegel, Werke 3, 151), und daß es dabei um Leben oder Tod geht, stammt nicht vom Sozialisten Marx, sondern eben vom Bürger Hegel.

Brecht entkettet den Knecht schon einmal, wenigstens intellektuell, indem er darauf abhebt, daß »die geistige Überlegenheit bei ihm liegt«.5 Und tatsächlich ist der Knecht Matti Herr der Situation. Dabei hilft ihm eine bestimmte Flüssigkeit, die immer wieder jene Transformation hervorruft, die den Herrn als Knecht und den Knecht als Herrn erscheinen läßt. Brecht schenkt Schnaps aus. Und der bewirkt, daß Hegels Kategorie des Selbstbewußtseins ins Schwanken gerät. Der Gutsherr Puntila ist ein selbstbewußtes Ekel, solange er nüchtern ist. Betrunken aber nimmt er das Bewußtsein seines Knechtes an und sagt Wahrheiten, die ihn selbst vernichten müßten.

Das ist nicht nur der spektakuläre V-Effekt, mit dem Brecht hier arbeitet. Brecht arbeitet sich auch hochvergnügt an Hegel ab. Während er Hegels Herr-und-Knecht-Dialektik theatralisch umsetzt und zeigt, daß Herr und Knecht tatsächlich Bedingungskategorien sind, die sich gegenseitig, nicht nur logisch, sondern gesellschaftlich, zur Voraussetzung haben, fällt ihm zu Hegel gleich noch eine Überbietung ein. Er läßt den Herrn und den Knecht in einer Person koinzidieren. Zwar nur im Zustand des Rausches, aber so kann er Hegel mit der wieder listigen Frage kommen, ob sich Selbstbewußtsein tatsächlich nur in der Vermittlung durch ein Fremdbewußtsein konstituiere – oder ob Bewußtseinsvermittlung nicht auch eine Flasche Schnaps leisten könne. Und Brecht tut gerade so, als würde er den Begriff der »Flüssigkeit«, der bei Hegel an dieser Stelle mehrfach vorkommt und auf Prozessualität zielt, ganz wörtlich nehmen wollen – geradezu todernst.

Doch das alles ist mehr als nur Amüsement. Es ist vor allem eine Botschaft, die ermutigen will: Die Verhältnisse sind zwar dreckig, aber eigentlich kann man sie schon mit Kutscherschnaps wegspülen.

Geschmack und Haltung

Hacks hat einmal ein ähnliches Medium benutzt. In »Der Müller von Sanssouci« (1957) erleben wir den Großen Friedrich weinend im Musikzimmer, als ihm im Stile des italienischen Barock vorgesungen wird: »Besser noch, der ärmste Sklave / Als durch Schrecken König sein« (HW 2, 216). Gerührt geht Friedrich dem Kastraten an den Rock – und ersinnt zugleich einen Plan, wie er seinen Rechtsruhm erhöhen und den Müller dabei benutzen und also erniedrigen kann. Und Hacks schreitet nicht ein. Er läßt ihn gewähren. Und am Ende ist der Müller der Dumme, und der Zuschauer findet das völlig in Ordnung. Dabei klapperte doch nur die Mühle zu laut, was einen König natürlich stört.

Brecht, der dieses Stück noch angestoßen hat6, hätte sich mit ihm womöglich schwergetan. Natürlich geht es hier auch um die Deutsche Misere, um Untertanengeist und Klassenwiderspruch. Sonst wäre es 1959 wahrscheinlich gar nicht auf die Bühne gekommen. Aber Hacks arbeitet weit subtiler. Es ist nicht nur die Draufsicht auf einen preußischen Konflikt, der friderizianisch gelöst wird. Das Stück ist eine Propädeutik des guten Geschmacks und der notwendigen Haltung. Geradezu ein Stück Politikberatung: Wir messen uns in der DDR nicht mit einem Bürger Müller, sondern mit Friedrich dem Großen. Und tatsächlich werden in diesem »bürgerlichen Lustspiel« alle verlacht – nur Friedrich nicht. Selbst dort, wo er sich, gleich Puntila, berauscht, geht es immerhin um italienischen Barock. Vielleicht war der nicht gerade Ulbrichts Sache.

Brecht will die alten Verhältnisse aufbrechen. Hacks will neue Verhältnisse begründet sehen und stellt das Neue auf den gemeinsamen Boden der alten Geschichte. Da ist ein Hegel am Werk, der ohne Geschichte gar nicht auskommt. Doch diese wird gnadenlos evaluiert. Und beerbt wird allein, was Schönheit und was Größe zeigt, die aufgehoben werden kann und muß in neuer Schönheit und ganz neuer Größe. Auch Hacks entkettet, nun die erhobenen Knechte: von jener Vorläufigkeit, die keine Zukunft haben darf, wenn man Zukunft am Kommunismus mißt.

Ein Glücksfall

Nur einmal hat Hacks Hegel widersprochen – doch was sag ich: auf den Stand der neuen Zeit gebracht. Nicht Napoleon hält er für den »Weltgeist zu Pferde«, sondern – Lenin (HW 13, 18). Und daß die Kunst könnt absterben, wie bei Marx der Staat, das sieht der Künstler dem Philosophen nach und wünscht es, mit Goethe, der »Lazarett-Kunst« von Herzen (HW 15, 97).

Daß Brecht und Hacks den Hegel so unterschiedlich gelesen haben, ist ein Glücksfall. Einer von beiden wäre uns womöglich abhanden gekommen. Daß Brecht den Lukács nicht mag und Hacks ihn für einen »normengebenden Anführer des Geistes«7 hält, hat auch etwas mit dieser Lektüre zu tun. Doch nun sind sie alle tot. Und irgendwo las ich: Brecht liegt neben Hegel, Hacks ruht französisch. Und wenn man die richtige Einstellung hat, deucht einem, Versailles ist eigentlich hier.

1 alle Hacks-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band, Seitenzahl): Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003 (15 Bände)

2 Brecht wird im Text nach der Werkausgabe zitiert (Band, Seitenzahl): Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, 1988-1998 (30 Bände)

3 Hegel-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band, Seitenzahl): Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971 (20 Bände)

4 Vgl. das Nachwort von Kurt Gossweiler zu: Peter Hacks, Am Ende verstehen sie es. Politische Schriften 1988 bis 2003. Nebst dem Briefwechsel mit Kurt Gossweiler1996 bis 2003, hg. von André Thiele und Johannes Oehme, Eulenspiegel Verlag Berlin 2005, S. 202 ff.

5 Bertolt Brecht, Werke in 5 Bänden, hg. von Werner Mittenzwei, Aufbau-Verlag Berlin Weimar 1975 (2. Aufl.), Bd. 2, S. 341

6 Vgl. Werner Mittenzwei, Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln, Bd. 2, Berlin/Weimar 1989 (4. Aufl.), S. 601 ff.

7 Vgl. Jens Mehrle, Zur Lehre vom Gemeinsamen Boden, in: Topos 23 (2005), S. 47


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