Preußischer Konflikt, friderizianisch gelöst: Uraufführung von Hacks’ »Der Müller von Sanssouci« mit Paul R. Henker (vorn links) und Herwart Grosse als Friedrich II. (Regie: Wolfgang Langhoff, Deutsches Theater, Berl
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Unter dem Motto »Gute Leute sind überall gut.
Hacks und Brecht« fand am 6. und 7. November in Berlin die
zweite wissenschaftliche Tagung zu Leben und Werk von Peter Hacks
statt. Wir veröffentlichen im folgenden den Vortrag von Dr.
Dieter Kraft, Theologe und verantwortlicher Redakteur der
Halbjahresschrift Topos. Internationale Beiträge zur
dialektischen Theorie. Dieser Text und die anderen Materialien der
von der Peter-Hacks-Gesellschaft veranstalteten Tagung werden im
kommenden Jahr im Aurora Verlag, Berlin, publiziert.
Daß Hacks der jungen DDR die alten Griechen einlädt,
verdankt sich nicht einem Mangel an neuen Einfällen und auch
nicht dem Parteiprotest gegen »Die Sorgen und die
Macht« (1959–62, drei Fassungen) und »Moritz
Tassow« (1961), sondern eben jener übergreifenden
Ästhetik, die er mit Vorsatz in die neue Gesellschaft
hineinholt. Und dafür hätte er eigentlich einen
Hegel-Preis für sozialistische Kulturpolitik verdient.
Während Brecht einen Galilei aus der Geschichte holt, um an
ihm die Notwendigkeiten der Gegenwart zu zeigen, stellt Hacks seine
Stücke in die Geschichte, um in ihr diese Gegenwart ausrichten
zu können, nach hinten und nach vorn. Geschichte bietet mehr
als nur Motive. Zitat: »Die Neuzeit (...) muß
einerseits an den Griechen, andererseits am Kommunismus gemessen
werden« (HW 13, 228).1
Es ist diese umfassende Perspektive, die sich mit jener
»Gipfelpunktästhetik« verbindet, die Heidi
Urbahn de Jauregui bei Hacks so anmutig zu rühmen weiß.
Und Mut gehört durchaus dazu, in diesem
»unaufgeschlossenen Reich der Finsternis« einen Begriff
von »Schönheit« zu behaupten, der sich nur sehr
hohen Ganges präsentiert. Hacks hat Brechts Bedenken nicht
ignoriert. Sehr wohl gibt es Zeiten, »wo ein Gespräch
über Bäume fast ein Verbrechen ist« (An die
Nachgeborenen, BW 12, 85).2 Aber nach Maßgabe der Kunst darf
sich die Schönheit durch nichts ramponieren lassen. Nichts
gegen »Gewerkschaftsstücke« (HW 13, 162), aber die
Kunst darf sich nicht mit dem Ändern begnügen (HW 13,
166). Ihr Anspruch ist nicht minder als der der Philosophie, die
ihre Warte auch nicht verlassen darf, wenn sie die Mühen der
Ebene bedenkt.
Diese Spannung zwischen Brecht und Hacks darf man ruhig aushalten.
Ihr eignet sogar eine gewisse Schönheit, die sich einstellt,
wenn sich auf gemeinsamem Boden Aufhebendes ereignet. Von Brecht
wird gern gesagt, er sei ein »Philosoph neuen Typs«.
Und der Me-ti versteht sich wohl auch selbst als Weiser.
»Weise«, in dieser Bedeutung, ist Hacks nicht,
genausowenig wie Hegel, der den Begriff der Philosophie als
»Weisheitsliebe« ja gerade überbieten will mit
jenem Anspruch, der Philosophie zur Wissenschaft macht (Hegel,
Werke 3, 14).3 Und Wissenschaft ist rücksichtslos. Wäre
Hegel ein Weiser gewesen, er hätte seine »Philosophie
der Geschichte« nicht zu Ende gebracht. Brecht hat schon
Recht: ein unheimliches Werk, das ganz gelassen zeigt, wie aus
Bösem Gutes wird und aus Gutem Böses. Das also zeigt, wie
die Geschichte dialektisch prozessiert. Um sie ertragen zu
können, bedarf es einer Perspektive, die auf der Geschichte
Ganzes geht. Und Hacks’ Ästhetik richtet sich an diesem
Ganzen auf.
Das hat auch zu Irritationen geführt, zumal im Reiche des real
Politischen. Und zuletzt hat wieder einmal Stalin den Disput
bestimmt.4 Brechts Rede vom »verdienten Mörder des
Volkes« (BW 15, 300), Hacks’ Erinnerung an die Stadt,
die er »gerettet hat« (HW 1, 305). Ich weiß, es
gibt verbindlichere Themen, in der Philosophie allemal, allerdings
nicht in Hegels. Bei Hegel ist nichts verbindlich, alles wird
gebrochen. Und jeder Fortschritt muß auf Harmonie verzichten.
Die ist so grimmig wie bei Jacob Böhme. Die »Philosophie
der Geschichte« verrechnet nicht mit Schuld und Sühne.
Wer Napoleon für »die Weltseele zu Pferde«
hält, der folgt der Spur der Entwicklung allein im
Großen und im Ganzen. Das kann umschlagen, doch selbst in
seinen Negationen bleibt die Welt hernach nicht
unverändert.
Auch Hacks wußte, daß ganz große Projekte
scheitern können und dennoch nicht erledigt sind. In
»Omphale« (1969) geht es schließlich um nicht
weniger als um die Emanzipation des Mannes und der Frau von ihrer
eigenen Natur, der ihnen gesellschaftlich zugewiesenen. Der
Rollentausch ist gar kein Ulk – Herakles, Wolle spinnend in
Frauenkleidern, Omphale mit Keule in Löwenfell. Die Römer
haben damit vernichtende Spiele getrieben. Und später lachten
dann auch die Germanen. Hacks aber läßt aufspielen, weil
er diese Zuweisung nicht akzeptiert und als Entfremdung denunzieren
will. Das ist nun wirklich ein starkes Stück. Und es
scheitert. Nicht wie bei den Alten, die Herakles von seiner
Verblendung befreien. Es scheitert an den Verhältnissen, mit
Gebrüll, aber nicht vor Lachen. Des Lityerses Todesschrei
verschmilzt mit Herakles’ Siegesschrei, der seine Mannesrolle
bestätigt und damit die vernichtende Erkenntnis: »Eh
ichs weiß, / Bin ich besiegt von dem besiegten Feind«
(HW 4, 302). Und Omphale muß schreien, weil sie gebiert. So
viele Rollenzuweisungen und so viele Widersprüche – und
unter diesen Verhältnissen lassen sie sich nicht aufheben.
Also muß man die Verhältnisse aufheben, die nicht danach
sind. Wie hatte Hacks gesagt: die Kunst darf sich nicht mit dem
Ändern begnügen.
Und wer wollte in Abrede stellen, daß Hacks sehr wohl ein
Eingreifender ist. Doch seine Eingriffe sehen ganz anders aus als
Brechts. Hacks setzt keine Aktionen frei, er setzt
Maßstäbe. Und die sind unglaublich hoch. Gemessen an der
Ebene wirken sie nachgerade verstiegen.
Ein bestimmter »Begriff von der Schönheit« ist
»vollständig unabsetzbar« (HW 6, 138), heißt
es in »Die Musen« (1979). Und dann kündigt Goethe
seiner Haushälterin (Charlotte Hoyer), der nur an einer
sauberen Treppe gelegen ist. Da hätte Brecht die Gewerkschaft
eingeschaltet. Aber Hacks besteht darauf: eine neue Gesellschaft
bedarf, um wirklich neu und nicht nur renoviert zu sein, eines ganz
neuen Anspruchs. Wo der fehlt, da kommt sie nicht zu sich selbst.
Emanzipation heißt für Hacks, sich von der Herrschaft
veralteter Beanspruchungen kategorisch zu trennen.
Schwankendes Selbstbewußtsein
Brecht hat mit den Herrschaften ganz andere Probleme. Wer spricht
denn von Schönheit, wenn die Gesellschaft verdreckt ist. Erst
einmal muß sich der Knecht Matti über diesen Dreck
erheben. Dann ist er seinen Herrn Puntila zwar immer noch nicht
los, aber befreit ist immerhin schon sein
Selbstbewußtsein.
In »Herr Puntila und sein Knecht Matti« (1940) hat
Brecht den Hegel programmatisch auf die Bühne geholt. Schon
der Titel konnotiert das berühmte Kapitel aus der
»Phänomenologie«: Herr und Knecht. Bei Hegel
stehen die beiden unter der Rubrik
»Selbstbewußtsein«. Und da stehen bekanntlich
Sachen drin, die noch heute vom sogenannten Radikalenerlaß
erfaßt werden müßten. Daß die Knechte nur
selbständig werden, wenn sie ihre Ketten verlieren (Hegel,
Werke 3, 151), und daß es dabei um Leben oder Tod geht,
stammt nicht vom Sozialisten Marx, sondern eben vom Bürger
Hegel.
Brecht entkettet den Knecht schon einmal, wenigstens intellektuell,
indem er darauf abhebt, daß »die geistige
Überlegenheit bei ihm liegt«.5 Und tatsächlich ist
der Knecht Matti Herr der Situation. Dabei hilft ihm eine bestimmte
Flüssigkeit, die immer wieder jene Transformation hervorruft,
die den Herrn als Knecht und den Knecht als Herrn erscheinen
läßt. Brecht schenkt Schnaps aus. Und der bewirkt,
daß Hegels Kategorie des Selbstbewußtseins ins
Schwanken gerät. Der Gutsherr Puntila ist ein
selbstbewußtes Ekel, solange er nüchtern ist. Betrunken
aber nimmt er das Bewußtsein seines Knechtes an und sagt
Wahrheiten, die ihn selbst vernichten müßten.
Das ist nicht nur der spektakuläre V-Effekt, mit dem Brecht
hier arbeitet. Brecht arbeitet sich auch hochvergnügt an Hegel
ab. Während er Hegels Herr-und-Knecht-Dialektik theatralisch
umsetzt und zeigt, daß Herr und Knecht tatsächlich
Bedingungskategorien sind, die sich gegenseitig, nicht nur logisch,
sondern gesellschaftlich, zur Voraussetzung haben, fällt ihm
zu Hegel gleich noch eine Überbietung ein. Er läßt
den Herrn und den Knecht in einer Person koinzidieren. Zwar nur im
Zustand des Rausches, aber so kann er Hegel mit der wieder listigen
Frage kommen, ob sich Selbstbewußtsein tatsächlich nur
in der Vermittlung durch ein Fremdbewußtsein konstituiere
– oder ob Bewußtseinsvermittlung nicht auch eine
Flasche Schnaps leisten könne. Und Brecht tut gerade so, als
würde er den Begriff der »Flüssigkeit«, der
bei Hegel an dieser Stelle mehrfach vorkommt und auf
Prozessualität zielt, ganz wörtlich nehmen wollen –
geradezu todernst.
Doch das alles ist mehr als nur Amüsement. Es ist vor allem
eine Botschaft, die ermutigen will: Die Verhältnisse sind zwar
dreckig, aber eigentlich kann man sie schon mit Kutscherschnaps
wegspülen.
Geschmack und Haltung
Hacks hat einmal ein ähnliches Medium benutzt. In »Der
Müller von Sanssouci« (1957) erleben wir den
Großen Friedrich weinend im Musikzimmer, als ihm im Stile des
italienischen Barock vorgesungen wird: »Besser noch, der
ärmste Sklave / Als durch Schrecken König sein« (HW
2, 216). Gerührt geht Friedrich dem Kastraten an den Rock
– und ersinnt zugleich einen Plan, wie er seinen Rechtsruhm
erhöhen und den Müller dabei benutzen und also
erniedrigen kann. Und Hacks schreitet nicht ein. Er läßt
ihn gewähren. Und am Ende ist der Müller der Dumme, und
der Zuschauer findet das völlig in Ordnung. Dabei klapperte
doch nur die Mühle zu laut, was einen König
natürlich stört.
Brecht, der dieses Stück noch angestoßen hat6,
hätte sich mit ihm womöglich schwergetan. Natürlich
geht es hier auch um die Deutsche Misere, um Untertanengeist und
Klassenwiderspruch. Sonst wäre es 1959 wahrscheinlich gar
nicht auf die Bühne gekommen. Aber Hacks arbeitet weit
subtiler. Es ist nicht nur die Draufsicht auf einen
preußischen Konflikt, der friderizianisch gelöst wird.
Das Stück ist eine Propädeutik des guten Geschmacks und
der notwendigen Haltung. Geradezu ein Stück Politikberatung:
Wir messen uns in der DDR nicht mit einem Bürger Müller,
sondern mit Friedrich dem Großen. Und tatsächlich werden
in diesem »bürgerlichen Lustspiel« alle verlacht
– nur Friedrich nicht. Selbst dort, wo er sich, gleich
Puntila, berauscht, geht es immerhin um italienischen Barock.
Vielleicht war der nicht gerade Ulbrichts Sache.
Brecht will die alten Verhältnisse aufbrechen. Hacks will neue
Verhältnisse begründet sehen und stellt das Neue auf den
gemeinsamen Boden der alten Geschichte. Da ist ein Hegel am Werk,
der ohne Geschichte gar nicht auskommt. Doch diese wird gnadenlos
evaluiert. Und beerbt wird allein, was Schönheit und was
Größe zeigt, die aufgehoben werden kann und muß in
neuer Schönheit und ganz neuer Größe. Auch Hacks
entkettet, nun die erhobenen Knechte: von jener Vorläufigkeit,
die keine Zukunft haben darf, wenn man Zukunft am Kommunismus
mißt.
Ein Glücksfall
Nur einmal hat Hacks Hegel widersprochen – doch was sag ich:
auf den Stand der neuen Zeit gebracht. Nicht Napoleon hält er
für den »Weltgeist zu Pferde«, sondern –
Lenin (HW 13, 18). Und daß die Kunst könnt absterben,
wie bei Marx der Staat, das sieht der Künstler dem Philosophen
nach und wünscht es, mit Goethe, der
»Lazarett-Kunst« von Herzen (HW 15, 97).
Daß Brecht und Hacks den Hegel so unterschiedlich gelesen
haben, ist ein Glücksfall. Einer von beiden wäre uns
womöglich abhanden gekommen. Daß Brecht den
Lukács nicht mag und Hacks ihn für einen
»normengebenden Anführer des Geistes«7 hält,
hat auch etwas mit dieser Lektüre zu tun. Doch nun sind sie
alle tot. Und irgendwo las ich: Brecht liegt neben Hegel, Hacks
ruht französisch. Und wenn man die richtige Einstellung hat,
deucht einem, Versailles ist eigentlich hier.
1 alle Hacks-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band,
Seitenzahl): Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003 (15 Bände)
2 Brecht wird im Text nach der Werkausgabe zitiert (Band,
Seitenzahl): Große kommentierte Berliner und Frankfurter
Ausgabe, 1988-1998 (30 Bände)
3 Hegel-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band, Seitenzahl):
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971 (20 Bände)
4 Vgl. das Nachwort von Kurt Gossweiler zu: Peter Hacks, Am Ende
verstehen sie es. Politische Schriften 1988 bis 2003. Nebst dem
Briefwechsel mit Kurt Gossweiler1996 bis 2003, hg. von André
Thiele und Johannes Oehme, Eulenspiegel Verlag Berlin 2005, S. 202
ff.
5 Bertolt Brecht, Werke in 5 Bänden, hg. von Werner
Mittenzwei, Aufbau-Verlag Berlin Weimar 1975 (2. Aufl.), Bd. 2, S.
341
6 Vgl. Werner Mittenzwei, Das Leben des Bertolt Brecht oder Der
Umgang mit den Welträtseln, Bd. 2, Berlin/Weimar 1989 (4.
Aufl.), S. 601 ff.
7 Vgl. Jens Mehrle, Zur Lehre vom Gemeinsamen Boden, in: Topos 23
(2005), S. 47