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Aus: Marx in Afrika, Beilage der jW vom 18.02.2026
Marx in Afrika

Frankreichs Kommunisten und der Algerienkrieg

Der PCF tat sich mit seiner Haltung zu den Entwicklungen in der Kolonie schwer. Die algerische Abspaltung gliederte sich in die Befreiungsfront ein
Von Bernard Schmid, Paris
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Wie verhielt sich die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) zum französischen Kolonialismus in Algerien, dessen letzte und blutigste Periode der Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung von 1954 bis 1962 bildete? Die Antwort darauf fällt doppelt aus, denn bereits seit 1936 gab es nicht eine, sondern zwei Mitgliedsparteien der Kommunistischen Internationalen, die von der Frage nach ihrer Haltung zu »Frankreich in Algerien« unmittelbar betroffen waren: den 1920 begründeten PCF auf französischer, den später von ihm abgespaltenen PCA (Parti Communiste d’Algérie) auf nordafrikanischer Seite.

1923 hatte es auf einem Komintern-Kongress Zoff um die Haltung der französischen Kommunisten zur Kolonialfrage gegeben. Konkret hängte er sich an Resolutionen der Parteisektion im algerischen Sidi Bel Abbès auf. Hintergrund war, dass die Französische Kommunistische Partei im kolonialen Algerien de facto eine mehrheitlich »weiße«, also von europäischstämmigen Einwohnern des Landes – die Siedler machten rund ein Siebtel der Gesamtbevölkerung aus – gebildete Organisation war. Rekrutierte die Partei zunächst vorrangig gewerkschaftlich organisierte Lohnabhängige, so fanden sich diese nämlich am leichtesten in der europäischstämmigen Bevölkerung. Denn deren Mitglieder waren am ehesten mit regulären Arbeitsverträgen beschäftigt und konnten Gewerkschaften beitreten, während die bis 1944 als Indigènes (Eingeborene) und danach offiziell als »muslimische Algerienfranzosen« bezeichneten Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung eher als Tagelöhner, Agrararbeiter ohne eigenes Land oder informell Beschäftigte sowie Hauspersonal angestellt wurden.

Eigene Kampfgruppe

Die Bildung des PCA sollte einer, wie auf jenem Komintern-Kongress moniert worden war, selbst kolonial geprägten Mentalität innerhalb der weißen Arbeiterschaft einen Riegel vorschieben und einer »Algerianisierung« des örtlichen Kommunismus Vorschub leisten. Doch blieben Probleme bei der Verankerung in der arabisch-berberischen Mehrheitsbevölkerung, aber auch beim ungebremsten Einsatz für eine Abkoppelung von der kolonialen »Metropole« bestehen. Dazu trug bei, dass die Komintern, vor allem aber der PCF in Frankreich in den späten 1930er Jahren die Entkolonisierung Algeriens vorläufig als zweitrangig zu behandeln begann: Es galt, die Isolierung der UdSSR zu durchbrechen und eine Annäherung an die westlichen Demokratien zu versuchen. Im Falle einer Unabhängigkeit Algeriens wurden auch Einflussversuche der faschistischen Achsenmächte, insbesondere Italiens, befürchtet. Entsprechend gerieten jedoch, als die Unabhängigkeitsbewegung ab 1937 mit dem PPA (Parti du peuple algérien) Masseneinfluss zu erreichen begann, die KP und allgemein die Linkskräfte ins Hintertreffen und schafften es nicht, sich an die Spitze der Dynamik zu setzen.

1953/54 befand sich die Unabhängigkeitsbewegung aufgrund von Differenzen über Strategie- und Führungsfragen in einer tiefen Krise. Vor diesem Hintergrund wurde die Nationale Befreiungsfront (FLN) gegründet. Die anderen politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Algerien mussten sich infolge der Aufnahme des bewaffneten Kampfs durch den FLN am 1. November 1954 und der brachialen Repression der Kolonialmacht zu der neuen Lage positionieren.

Die algerische Kommunistische Partei – der PCA –, die zumindest in sozialen Fragen sowie gegen die rassistische Diskriminierung der Kolonialgesellschaft entschieden Stellung bezogen hatte, schloss sich der Dynamik zugunsten der Unabhängigkeit an. Zunächst verfügte sie über ihren eigenen bewaffneten Arm unter dem Namen Combattants de la liberté (CDL, Freiheitskämpfer). Ihre spektakulärste Aktion bestand in der Entwendung eines Waffentransports und seiner Überführung an die bewaffneten Kämpfer im April 1956 durch einen Unteroffiziersanwärter der französischen Armee, Henri Maillot, Mitglied des PCA – er wurde im darauffolgenden Juni bei Kämpfen von der Armee getötet. Denn auch europäischstämmige Kommunisten in Algerien nahmen am antikolonialen Befreiungskampf teil. Zu ihnen zählte auch Fernand Iveton: Der Arbeiter in einer Gasfabrik in Algier deponierte dort eine Bombe, um eine nächtliche Explosion auszulösen. 1957 wurde er auf Anordnung des »sozialistischen« Justizministers François Mitterrand hingerichtet.

Diese Aktionen verschafften der algerischen KP und den CDL einiges Prestige. Doch die Anführer des FLN misstrauten dieser politischen Kraft und forderten sie – ebenso wie die Vereinigung des muslimischen Klerus, die Ulema, die zunächst gegen die Unabhängigkeitsforderung eingetreten war, jedoch 1956 ihre Positionen diesbezüglich änderte – dazu auf, sich aufzulösen und in den FLN zu integrieren. Die algerische KP akzeptierte. Im Rahmen ihrer Absorbierung wurden ihre Mitglieder auf unterschiedliche Einheiten verteilt, um keinen eigenständigen politischen Flügel entstehen zu lassen.

Rücksicht auf UdSSR

Der PCF in der »Metropole« unterdessen zögerte. Die Kommunistische Partei Frankreichs propagierte »Frieden in Algerien«, machte sich jedoch die Unabhängigkeitsforderung nicht zu eigen – die auch in Teilen der Arbeiterschaft unpopulär war –, auch wenn sie gegen die wachsende Repression und die koloniale Kriegführung mit ihren Exzessen protestierte. Dies gab anderen linken Kräften Raum, insbesondere Trotzkisten und Libertären – also Anarchokommunisten –, die ab 1956/57 Aufrufe an die französischen Wehrpflichtigen zum Desertieren und zu soldatischem Ungehorsam starteten. Dies lehnte die KP offiziell als »Abenteuertum« ab, auch um ihre Anhänger in den Reihen der Armee nicht zu gefährden.

1956 stimmte sie bei der ersten Vertrauensabstimmung der neu eingesetzten sozialdemokratischen Regierung unter Premierminister Guy Mollet zu. Hintergrund war unter anderem die Hoffnung der Sowjetunion, unter der neuen Regierung der sozialistischen Partei SFIO ein besseres Verhältnis zu Frankreich als unter den Vorgängerkabinetten zu gewinnen – aber auch die Befürchtung, der sich bereits als politischer Machtanwärter vorbereitende, noch oppositionelle General Charles de Gaulle könne eine neue Form des Faschismus verkörpern. Deswegen müsse eine antifaschistische Einheitsfront mit den Sozialisten gesucht werden. Es war jedoch die Regierung von Mollet, die die Kolonialkriegsführung in Algerien eskalierte und die Wehrpflichtigenarmee dorthin entsandte. Die KP ging auf wachsende Distanz zu ihr. 1958 kam de Gaulle über ein Votum der französischen Nationalversammlung in Paris nach einem Militärputsch in Algier als »Retter der Nation« an die Macht. Er errichtete die »Fünfte Republik«, die autoritäre Züge trägt, entgegen anfänglichen Warnungen aber nicht in den Faschismus abdriftete – die extreme Rechte war schnell von ihm enttäuscht, und als de Gaulle ab 1961 die Perspektive der algerischen Unabhängigkeit zu akzeptieren begann, versuchte die extrem rechte »Organisation geheime Armee« (OAS) mehrfach, ihn zu töten. Die KP stand entschieden in der Opposition.

Schauplatz Paris

Einen letzten wichtigen Einschnitt im Verlauf des Algerienkriegs bildet für die französische Arbeiterbewegung das »Massaker von Charonne«, das in seiner letzten Phase stattfand. Dabei handelt es sich um einen Exzess von Polizeigewalt rund um die Pariser Métrostation Charonne am 8. Februar 1962. Neun Mitglieder des PCF und des Gewerkschaftsdachverbandes CGT, die beide zu einer Demonstration gegen den Algerienkrieg aufgerufen hatten, kamen dabei zu Tode. Die Polizei knüppelte, schoss und warf Tische und Stühle eines nahegelegenen Cafés in den Eingang der Haltestelle. Problematisch ist aber, dass in der Geschichtsdarstellung der Arbeiterbewegung »Charonne« lange Jahre hindurch die Erinnerung an eine andere, noch weit brutalere Polizeischlächterei verdrängte. Denn gut drei Monate zuvor, am Abend des 17. Oktober 1961, hatte die Pariser Polizei 300 Algerier mitten in der französischen Hauptstadt getötet – erschlagen, tot oder noch lebend in die eiskalte Seine geworfen – und weitere 11.000 verhaftet, die dann für mehrere Tagen in Sportstätten rund um Paris interniert blieben und oftmals misshandelt wurden.

In der Hauptstadtregion lebende Algerier waren an jenem Abend, aufgerufen vom FLN, für die Unabhängigkeit ihres noch unterworfenen Landes und gegen die zu Anfang desselben Monats vom Pariser Polizeipräfekten Maurice Papon dekretierte rassistische Ausgangssperre gegen Nordafrikaner auf die Straße gegangen. Dabei waren sie weitgehend auf sich allein gestellt. Im Anschluss gab es durchaus Solidaritätsbekundungen aus der französischen Linken. Aber in späteren Jahren überlieferte die Geschichtsschreibung der Hauptströmungen der Arbeiterbewegung als Ausdruck von politisch motivierter und rassistischer Polizeigewalt nahezu allein »Charonne«, vom 17. Oktober 1961 war kaum die Rede. Erst ab den 1980er Jahren gab es zunehmende Aktivitäten unter anderem der antikolonialen und antirassistischen Linken, das Massaker wieder in Erinerung zu rufen – bis der sozialdemokratische Präsident François Hollande es 2012 staatsoffiziell verurteilte.

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