Aus: Ausgabe vom 30.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Grün auf Vormarsch

UNEP-Bericht: 2015 wurde weltweit Rekordsumme von 256 Milliarden Euro in Ausbau erneuerbarer Energien investiert. Europa bremst

Von Wolfgang Pomrehn
RTS9YQK.jpg
Platz des himmlischen Friedens in Peking: Das moderne China setzt auf gelbe statt auf rote Sonne

Der Umbau der Stromversorgung kommt weltweit richtig in Schwung. Während in Europa zahlreiche Regierungen auf die Bremse treten, wurde im vergangenen Jahr erstmals in den Entwicklungs- und Schwellenländern mehr in Windkraft-, Solar-, Biogas- und ähnlichen Anlagen investiert als in den Industrieländern. Umgerechnet 238 Milliarden Euro flossen dabei vor allem in den Bau neuer Windkraft- und Solaranlagen. Weitere 18 Milliarden Euro wurden für Forschung und Entwicklung in diesem Bereich ausgegeben. Für den Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke wendeten die Investoren lediglich 116 Milliarden Euro auf. Das geht aus einem vergangene Woche veröffentlichten Bericht des UN-Umweltprogramms (UNEP) und der auf Wirtschaftsinformationen spezialisierten US-Nachrichtenagentur Bloomberg hervor. Vor allem in neue Solaranlagen wurde erheblich investiert.

256 Milliarden Euro für erneuerbare Energieträger markieren einen neuen Rekord, nachdem die Investitionen in diesen Bereich in den vergangenen Jahren leicht rückläufig waren. Die jetzt übertroffene Bestmarke stammt aus dem Jahr 2011 und lag bei rund 249 Milliarden Euro. Da aber insbesondere Solar-, aber auch Windkraftanlagen deutlich billiger geworden sind, verbergen sich hinter den Investitionssummen größere Kapazitäten. 2015 kamen bei den »Erneuerbaren« Anlagen mit einer Leistung von 134 Gigawatt (GW) hinzu. Damit lässt sich schätzungsweise soviel Strom erzeugen wie in rund 35 Atomkraftwerken. 2014 hatte der Zubau bei Sonne, Wind und Co. noch 106 GW betragen, 2013 waren es 87 GW. Auf die Windenergie entfielen 2015 rund 62 GW (46 Prozent der neuen Kapazitäten), auf die Solarenergie (Photovoltaik) 59 GW (44 Prozent). Den Rest teilten sich Anlagen, die Energie aus Biomasse gewinnen, solarthermische Kraftwerke und kleine Wasserkraftanlagen und solche, die die Erdwärme nutzen (Geothermie).

Mit 54 Prozent der neuinstallierten Leistung übertrafen die Anlagen auf Basis erneuerbarer Energieträger zum ersten Mal im globalen Maßstab die der konventionellen, zu denen in diesem Fall auch die großen Wasserkraftwerke gezählt werden. Wie meist üblich, rechnet der UNEP-Bericht nur die kleinen Wasserkraftwerke bis 50 Megawatt Leistung zu den Anlagen mit erneuerbaren Energieträgern. Die großen Wasserkraftwerke gelten wegen ihrer oft weitreichenden Auswirkungen auf das lokale Klima, die soziale Lage in den jeweiligen Gesellschaften und zum Teil auch wegen der Emission von Treibhausgasen als problematisch.

Für das laufende Jahr erwartet das internationale Marktforschungsunternehmen IHS ein weiter kräftiges Wachstum bei den »Erneuerbaren«. Der Weltmarkt für Photovoltaikanlagen wird auf 69 GW geschätzt. Vor allem in den USA, Indien und China werden mehr Anlagen installiert. In Japan ist der Markt auf hohem Niveau stabil. In China waren 2015 Solaranlagen mit einer Kapazität von 15 GW installiert worden. Das waren fast doppelt soviel wie in Deutschland in den Jahren des »Solarbooms« zu Anfang des Jahrzehnts. In Peking denkt man indes nicht daran, das Tempo zurückzuschrauben, wie es hierzulande inzwischen geschehen ist. Vielmehr verkündete der Chef der chinesischen Energieagentur, dass in den nächsten Jahren jährlich 15 bis 20 GW an neuen Solaranlagen hinzukommen sollen. Damit ließen sich jeweils etwa drei große Kohlekraftwerke ersetzen.

Achim Steiner, geschäftsführender UNEP-Direktor, verweist auf die zentrale Rolle, die die erneuerbaren Energieträger für die Vermeidung von Treibhausgasen spielen. Ohne ihren Einsatz würden derzeit jährlich 1,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid mehr emittiert. Das entspricht 167 Prozent des deutschen Gesamtausstoßes. Der Zugang zu sauberer Energie sei von großer Wichtigkeit für alle Gesellschaften, aber besonders für Regionen, wo dies zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität führt. Das trifft nicht nur auf viele Metropolen in China oder Indien zu, in denen die Abgase der Kohlekraftwerke einen erheblichen Anteil an der oft gesundheitsgefährdend schlechten Luft haben. Nutzen würde das auch den vielen Menschen, die vor allem in Südasien und in Afrika noch immer ohne Zugang zur Stromversorgung leben.

Michael Liebreich von Bloomberg wies bei der Präsentation darauf hin, dass fallende Kosten dazu beigetragen haben, Solarenergie und im geringeren Maße auch Windkraft in einer wachsenden Zahl von Entwicklungsländern zu verbreiten. Oft verbesserten sie für diese die Handelsbilanz, da sie Importe von Energierohstoffen ersetzten. Für manche ländliche Region könnten sie außerdem den kostspieligen Anschluss ans öffentliche Stromnetz überflüssig machen. Für letzteres ist neben der Solaranlage oder dem Windrad auch eine Batterie oder ein anderer Stromspeicher nötig, der auch nach Sonnenuntergang die Lampen leuchten und die Nähmaschine rattern lässt. Auch im Großmaßstab werden neue Speicher benötigt, wenn Sonne und Wind den größten Teil der Versorgung übernehmen sollen. Es ist ein gutes Zeichen, dass der UNEP-Bericht auch auf diesem Feld wachsende Aktivitäten registriert.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit