Aus: Ausgabe vom 26.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Inseln des Widerstands

Joachim Fiebach hat eine überaus lesenswerte Kulturgeschichte des Theaters ­geschrieben

Von Christoph Woldt
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Christoph Schlingensief (1960-2010) glaubte an die fortdauernde Bedeutung des Theaters. Die undatierte Abbildung zeigt das am Computer generierte Bild des von ihm geplanten Opernhauses in Burkina Faso.

Theater erschüttert, festigt, wertet. Selten ändert es die Welt. Aber als kulturelle Praxis kommentiert und kritisiert es die Macht. Dieser Sichtweise fühlt sich der international anerkannte Theaterforscher Joachim Fiebach seit Jahrzehnten verpflichtet. Mit seinen Arbeiten über »Theater in Afrika« (1986), Heiner Müller (»Inseln der Unordnung« 1990) und zu Künstlertheorien (»Von Craig bis Brecht« 1991) hat der mittlerweile 81jährige Universitätsgelehrte ebenso aufhorchen lassen wie durch die Auseinandersetzung mit den Arbeiten seines früheren Studenten Frank Castorf.

Im Zeitalter der Permanenz elektronischer Bildermaschinen scheint die Bedeutung des Theaters zu verschwinden. Mit seinem 500 Seiten starken Buch »Welt. Theater. Geschichte. Eine Kulturgeschichte des Theatralen« stemmt sich der Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach dagegen. Er setzt damit eine Arbeit fort, die er 2007 mit »Inszenierte Wirklichkeit. Kapitel einer Kulturgeschichte des Theatralen« begonnen hat. Immer geht es um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen theatraler Darstellungsweisen. Sein aktuelles Kompendium beschreibt das Theater als Praxis und Versuchslabor für die Veränderung der Wirklichkeit im emanzipatorischen Sinne.

Fiebachs Untersuchung beginnt in der Vormoderne. In egalitären Gesellschaften, wie sie die Ethnologie bekannt gemacht hat, dienen die darstellenden Künste als Mittel zur Verständigung, als Weg zur Festigung von Gemeinschaft und der symbolischen Stärkung von Machtbalancen und -nuancierungen zwischen den Gruppen und einzelnen Mitgliedern eines Gemeinwesens. Über diese Gesellschaften, deren Zusammenhalt auf mündlicher Überlieferung gründet, hat Fiebach profunde Kenntnisse, die von seinen eigenen Beobachtungen im südlichen Afrika in den 1970er und 1980er Jahren herrühren.

Die Frühzeit des Kapitalismus in Europa ist verbunden mit der Reglementierung und der Ausgrenzung von Theater bis zum Verbot. In dieser Epoche konnte sich aber auch das »wilde« Theater Shakespeares als Leitbild für das bürgerliche Theater etablieren. Danach folgt das lange 19. Jahrhundert bis es ganz klassisch mit den Avantgarden im 20. Jahrhundert weitergeht. Hier diskutiert Fiebach Konzepte wie Happening oder Performance und stellt seine Sicht auf Künstlergrößen wie Bertolt Brecht, Benno Besson, Heiner Müller, Juri Petrowitsch Ljubimow, Peter Brook bis hin zum nigerianischen Literaturnobelpreisträger und Dramatiker Wole Soyinka vor.

Neben dem europäischen bezieht Fiebach auch das chinesische, japanische, afrikanische, amerikanische und das südostasiatische Theater in seine Darstellung ein. Ihm gelingt es dadurch, die eurozentristische Perspektive der Theatergeschichtsschreibung aufzubrechen. Auch dort interessieren ihn vor allem solche Äußerungsformen darstellender Kunst, die aufklärerisch ausgerichtet sind und Ästhetik als Waffe begreifen.

Im abschließenden Teil seines Buchs geht Fiebach noch mal auf das Besondere des Theaters ein. Er würdigt diese Kunstform als ein Medium, das einen solidarischen Traum von Gemeinschaft in sich trägt. Es ist ein privilegierter Raum für gelungene Arbeit, die Impulse für systemkritisches Denken setzt. Das sehr gut lesbare Standardwerk ist allen zu empfehlen, die sich für die kritische Suche nach Überlebensmöglichkeiten des Theaters und dessen Charakter als gemeinschaftliches Schöpfen interessieren. Manchmal klingt es ein wenig resignativ. So wenn Fiebach feststellt, dass der kritische Diskurs bei Frank Castorf »wohl nur sehr kleine Kreise« erreicht hat. Aber gerade heute, wo die Schere zwischen Arm und Reich so groß ist wie zu Tschechows Zeiten, ist es wichtiger denn je, auf fortschrittliche gesellschaftliche Visionen hinzuweisen und das gemeinschaftliche Tätigsein, das Gestalten und Umverteilen als Möglichkeit zu zeigen und einzufordern.

Joachim Fiebach: Welt. Theater. Geschichte. Eine Kulturgeschichte des Theatralen. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2015, 544 Seiten, 40 Euro

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