Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 15 / Medien

Nachrichten à la carte

Wie aus Events Medienfutter wird: Bundesdeutsche Medienhäuser begeben sich in Abhängigkeit vom Konferenzgeschäft mit Lobbyorganisationen

Von Marvin Oppong
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Münchner Sicherheitskonferenz im Februar: Medien generieren Stoff für Medien

Die Verlage großer »Qualitätsmedien« in Deutschland haben, relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit, Veranstaltungskooperationen mit Unternehmen und Verbänden als neues Geschäftsfeld entdeckt. Vorreiter war hierbei der Berliner Tagesspiegel, bei dessen viel kritisierter Agenda-Konferenz sich Ende 2014 Lobbyverbände Redezeit kaufen konnten. Eine Untersuchung der Otto-Brenner-Stiftung der Industriegewerkschaft Metall hat nun die Kooperationen zwischen Medienhäusern und Lobbyorganisationen im Detail ausgewertet. Danach führten die Verlage von Süddeutscher Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Welt, Tagesspiegel, Handelsblatt und Zeit sowie Capital zwischen Januar 2012 und Dezember 2015 insgesamt 59 Veranstaltungen durch, in die ein Lobbyverband eingebunden war.

Solche Organisationen waren Mitveranstalter, Medienpartner oder zum Beispiel Sponsor. Die Events der Verlagshäuser tragen Titel wie »Zeit-Konferenz Erdgas & Klimaschutz«, »Welt-Tourismusgipfel« oder »16. Handelsblatt-Jahrestagung Private Equity 2016«. Die Verlage kooperieren insgesamt mit einer Vielzahl verschiedener Branchenvertreter – von Handel über Energie und Bau bis hin zu Stahl und Luft- und Raumfahrt. Besonders häufig repräsentiert sind Interessenvereinigungen der Finanz- und der Chemiebranche. Im Fall der FAZ und des Handelsblatts werden die Events über die Verlagsbeteiligung »Frankfurter Allgemeine Forum« beziehungsweise den exklusiven Veranstaltungspartner »Euroforum« abgewickelt.

Der Verlag der FAZ kooperierte bei der jährlich stattfindenden Konferenz »Die deutsche Sicherheitspolitik in der öffentlichen Diskussion« mit dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. In dessen Vorstand sitzen Vertreter der Rüstungshersteller Rheinmetall, ThyssenKrupp Marine Systems, Diehl und Krauss-Maffei Wegmann (KMW).

Das Frankfurter Allgemeine Forum veranstaltet zusammen mit der »Münchner Sicherheitskonferenz« (MSC) seit drei Jahren den »Energy Security Summit« sowie seit zwei Jahren den »Energy Security Roundtable«. Den Vorsitz des Gipfels übernahmen zuletzt der frühere Spitzendiplomat und MSC-Leiter Wolfgang Ischinger und FAZ-Herausgeber Berthold Kohler. Die MSC verfolgt nach eigenen Angaben »keine eigenen« politischen Interessen und ist »absolut regierungs- und parteiunabhängig«, so deren Sprecher Oliver Rolofs. Uwe Krüger, Medienwissenschaftler an der Universität Leipzig, findet diese Aussage hingegen »absurd«. Die »Sicherheitskonferenz« bekomme schließlich »bis zu 500.000 Euro Projektmittel vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung«.

Von den 59 Veranstaltungen mit Lobbyverbänden wurden in der Analyse der Otto-Brenner-Stiftung 26 näher untersucht. In fast der Hälfte dieser Fälle (elf) kam es zu einer Berichterstattung über die eigene Veranstaltung durch das jeweilige Medium. Die Zeitungen schreiben hinsichtlich des Konferenzgeschäfts also über Ereignisse, welche sie selbst mitproduzieren, präsentiert als objektive Nachricht im redaktionellen Teil.

In vielen Fällen übernahmen sogar Redaktionsmitglieder Funktionen bei den kommerziellen Konferenzen – eine Aufweichung der Grenze zwischen journalistischer Tätigkeit und Verlagsprodukten.

Im Fall der FAZ berichtete der Redakteur Carsten Knop beispielsweise über den »Initiativkreis Ruhr«. Gleichzeitig war Knop Moderator beim »Gründer-Forum NRW«, bei dem der Initiativkreis Ruhr Partner war. Zwei Monate davor führte Knop ein großes Interview mit dem Chef des Konzerns Evonik, Klaus Engel (der zugleich »Moderator« des Initiativkreises ist), in dem dieser für den Initiativkreis werben konnte. Knop schrieb auch auf dem Onlineportal faz.net positiv über die Veranstaltung und den Initiativkreis Ruhr.

Das Handelsblatt berichtete über die »12. Handelsblatt-Jahrestagung« zum Thema »Sicherheitspolitik und Verteidigungsindustrie« 2015. Medienpartner des Events war der »Förderkreis Deutsches Heer«, in dem unter anderem der Rüstungshersteller KMW vertreten ist. Fast zeitgleich zu der Konferenz brachte das Handelsblatt drei Stücke, die Werbung für die »Handelsblatt-Jahrestagung« darstellten, darunter ein Artikel, in dem der KMW-Chef »die Zersplitterung der europäischen Verteidigungspolitik« kritisieren und für größere Rüstungsanschaffungen durch den Staat werben durfte.

Ebenfalls im Handelsblatt schrieb Redakteurin Maike Telgheder über den Verband der Chemischen Industrie (VCI). Telgheder moderierte aber auch bei der »Handelsblatt-Jahrestagung Chemie«, während der VCI Kooperationspartner war.

Matthias Rath, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Mitglied des Netzwerks Medienethik, meint dazu: Als Geschäftspartner bewegten sich Medienhäuser »unweigerlich in einem Interessenkonflikt mit ihrer journalistischen Arbeit«. Die Funktion der Medien als »beobachtende, berichtende und kommentierende Instanz« könne nur gelingen, »wenn sie in der Öffentlichkeit, in der Gesellschaft, Vertrauen in ihre Wahrhaftigkeit, Unabhängigkeit und Objektivität genießen. Schon der Anschein, der Verdacht oder die Befürchtung einer Interessenvermischung ist für dieses Vertrauen schädlich«.

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